März | The Rural Alberta Advantage | Akustisch / Indie / Rock | Saddle Creek | 6.0/10 – C. Engler

Was da unter dem Namen „Departing“ anklopft, gleicht einem kratzigen Wirbelsturm. The Rural Alberta Advantage stampfen sich auf ihrem Zweitlingswerk um Kopf und Kragen und man fragt sich unweigerlich, welches Zauber-Pülverchen den Drummer in diese pulsierende Ekstase versetzt hat. Zügellos - ganz schön gut. Die nasale und stellenweise gar nörgelige Stimme von Nils Edenloff, die mal mehr, mal weniger an Billy Corgan erinnert, sorgt zusätzlich für den nötigen Wiedererkennungswert.
Nach dem ersten Flash-Moment, der von der Platte gar mühelos erzeugt wird, wünscht man sich irgendwann aber auch mal eine Pause von Nils dominanter Stimme oder dem immerzu pushenden Drum. Ohne fein eingestreute Subtilität und Überraschungsmomente wird halt auch der kratzigste Wirbelsturm zu einem kalten Schluck Milchkaffee. Schade. Nichtsdestotrotz - „Departing“ überzeugt mit musikalischer Wucht und Intensität, auch wenn die Platte songtechnisch nicht ganz an den Vorgänger anknüpfen kann.
März | King Creosote & Jon
Hopkins – Diamond Mine | Folk, Songwriter, Ambient | Domino | 6.5/10 – S. Kolb

Alles deutet in ein zeitloses Niemandsland. Das Rauschen des Transistor-Radios, das Stochern von Gabeln, die Gesprächsschnitzel, das Kreischen der Möwen. Die Untermalung der Geräuschkulisse durch ein melancholisches Piano, ein Akkordeon, oder durch ambientmässige Klangteppiche. King Creosotes Balladen in schottischem Stil verströmen eine zeitlose Atmosphäre, die durch die Soundscapes des Klangfricklers Jon Hopkins dezent unterstützt und in andere Sphären gehoben wird. Leider driftet das sonst sehr stimmungsvolle Album an einigen Stellen eng an den Grenzen zum Kitsch. Badewanne einlassen, Kerzen anzünden, Räucherstäbchen an und geniessen...
März | Raekwon - Shaolin VS. Wu-Tang | HipHop | Ice H2O | 7.0/10 – S. Kolb

Was macht man, wenn man wegen einer Justin Bieber-Kollaboration unter Beschuss steht? Man schiesst gnadenlos zurück! Raekwon kombiniert Lyrics über fernöstliche Kampftechniken und Klangcollagen aus Kung-Fu-Filmen mit der Rohheit der amerikanischen Strassen und Blaxploitation-Thematik. Trotz der Absenz von RZA-Produktionen und den zahlreichen Gästen (Busta Rhymes, Nas, Lloyd Banks und zahlreichen Clan-Members) stellt sich das typische Wu-Tang-Flair ein. Das Album ist ein weiterer Beleg, dass auch über 15 Jahre nach "Enter the 36 Chambers" kein Weg am Wu-Tang Clan und Raekwon im Speziellen vorbeigeht.
März | Kurt Vile - Smoke Ring For My Halo | Indie Rock, Lo Fi | Matador | 8.0/10 – S. Kolb

Als Gründungsmitglied der Indie Rock-Band The War on Drugs hat Kurt Vile erste Achtungserfolge erzielen können, doch erst jetzt startet er richtig durch. "Smoke Ring For My Halo", sein viertes Soloalbum, schwingt zwischen banal und transzendental, zwischen alltäglich und grotesk. In seiner Welt versammeln sich der Peeping Tomboy und Tom Thumb, Dämonen und Engel, Jesus und der Lord of the Flies höchstpersönlich, so dass sich diese Figuren wie in Dylans "Desolation Row" oder im "Weird Old America" von Greil Marcus in atemberaubender Geschwindigkeit die Türklinke in die Hand geben. Und die Musik? Eigenbrötlerisch, bisweilen verstörend und unglaublich intensiv.
[Weitere Kurzrezensionen zu Alben vom März 2011]
1 | Terakaft – Aratan N Azawad | World | World Village | 5.0/10 – TheNoise

Obwohl Terakaft erst seit 2001 bestehen, darf man sie zu den Alten des Desert Blues zählen. Die Gruppe wurde von ehemaligen Tinariwen-Mitgliedern gegründet, und ihr jetziger Leiter, der Gitarrist und Sänger Liya Ag Abil aka Diara, spielte auch schon bei den Erfindern des Desert Blues. Ihr drittes Album schreibt das Genre ohne Höhepunkte fort. Immerhin ist es auch kein Absturz: Terakaft bieten “business as usual“ – nett dahinplätschernde, aber mitunter Songs in gewohnten Arrangements, die mitunter etwas steif und wenig geschmeidig eingespielt wurden.
8 | Alison Krauss & Union Station – Paper Airplanes | Progressive Bluegrass | Rounder | 8.0/10 – T.Imbach

Was Alison Krauss und ihre Union Station-Bande auszeichnet, ist ihr Talent. Allein deswegen klingt ein unzählige Mal gespielter Song wie "Dimming of the Day" hier so, als sei er eben erst komponiert geworden. Die Melodien und Texte sind düsterer als auch schon, aber unvergänglich wie eh und je, die Songs selbst allesamt absolut meisterhaft eingespielt und abgemischt. Besonders Dan Tyminski (Mandoline und Gesang) weiss zu gefallen, seine bluesige Stimme übernimmt in einigen Stücken den Lead und sorgt so für Kontraste zur perfekten Engelsstimme Krauss'. Man sieht und hört sich bei den Grammys wieder, soviel steht jetzt schon fest.
15 | Golden Kanine – Oh Woe! | Folk, Lo-Fi | Glitterhouse | 6.0/10 – Ph. Feer

Bei schwedischen Folkrock von Golden Kanine stehen zweifellos Bands wie
Wilco und 16 Horsepower oder
Woven Hand Pate. Es sind dunkle, oft dynamische Songs, zu denen man bei voller Instrumentierung sogar tanzen kann. Eigenständig wird die Band unter anderem dank der Posaune, die sich auch in die gelegentlichen Indierock-Sequenzen einspannen lässt und bei Songs wie "Burial" auch wegen dem geknorzten Gesang an Modest Mouse erinnert. Ich kann mir vorstellen, dass die Bnad gerade live auftrumpfen kann, auf CD kommen die Songs nicht immer gut zur Geltung.
15 | Ebo Taylor – Life Stories | World | Strut | 7.0/10 – TheNoise

Seit sechzig Jahren ist Ebo Taylor als Musiker unterwegs. Er leitet zwei der wichtigsten Highlife-Bands in Ghana, zog nach London und spielte dort in den 1960er-Jahren mit dem Afrobeat-Vorreiter Fela Kuti. Zurück in Ghana entwickelte er mit der Verschmelzung von traditionellem Material, Afrobeat, Jazz und Funk seinen eigenen Sound. Nachdem 2010 sein erstes international vertriebenes Album erschien („Love and Death“), präsentiert das Doppelalbum „Life Stories“ nun seine früher Entwicklung. Ein Album für Liebhaber afrikanischer populärer Musik aus der Zeit des Aufbruchs in die Unabhängigkeit.
29 | Jack Beauregard – Magazines Your Read | Pop | Tapete | 6.5/10 – Ph. Feer

Als ich die erste Platte
"Everyone is Having Fun" von Jack Beauregard hörte, habe ich ihnen trotz verträumtem Electro-Pop ein Schattendasein zugetraut. Mittlerweile schreiben die beiden selbst Songs für Lena - das ist die aus diesem Songcontest. Das mag zwar erstaunen, der Umkehrschluss, dass es sich hierbei um eine seichte Sache handelt, trifft aber nicht zu. Jack Beauregard verstehen ihr Handwerk: sie fröhnen den wohlklingenden Synthie-Klängen, schreiben verliebte - und nur selten bekloppte - Texte und haben ein sich stimmiges Album - das ganz stark an The Postal Service und Whitest Boy Alive erinnert, gemacht.
29 | K.d. lang and The Siss Boom Bang - Sing It Loud | Country-Rock, Americana | Nonesuch | 8.0/10 – T. Imbach

Mit ihrem dreizehnten Studioalbum setzt die preisgekrönte Kanadierin k.d. lang dort an, wo sie Anfang 90er aufhörte. Country-Saiteninstrumente sind wieder dauerhaft präsent, aber von einer Rückkehr zum Sound vergangener Tage kann nicht die Rede sein, viel mehr ist die Erfahrung der erfolgreichen Pop-Jahre dazwischen gut hörbar, dazu die schönsten Seiten amerikanischer Roots-Musik. Hör- und wunderbar sind auch Ehrerweisungen an Roy Orbison, Dusty Springfield und Bonnie Raitt. Zudem, damits mal wieder gesagt ist: wahrscheinlich eine der perfekten Stimmen unserer Zeit.