Christian Marclay/Yasunao Tone/Christian Wolff - Event (2005)

von Ivana Leiseder am Sonntag, 2. Oktober 2005 in Neuerscheinungen   
Genre: Experimental, Avantgarde
Label:
Asphodel Ltd
CH-Vertrieb:
RecRec
Unsere Wertung: Christian Marclay/Yasunao Tone/Christian Wolff - Event (2005)

Morbid
Christian Marclay/Yasunao Tone/Christian Wolff - Event (2005) Christian Marclay, Yasunao Tone und Christian Wolff liefern sich auf dem Improvisations- stück „Event“ eine elektronische Tracht Prügel und zeigen, wie beängstigend und vor allem unberechenbar Musik eigentlich sein kann.

Vorab sei gleich dies gesagt: Wer’s schafft, sich das hier rezensierte, 1-Track lange Etwas in einem Zuge (d.h. ohne provozierte Unterbrechungen jeglicher Art – seien es Wutanfälle, Schreikrämpfe o.Ä.) aufmerksam anzuhören, dem gebe ich einen aus. Was einem Marclay, Tone und Wolff mit dem 1998 für die Merce Cunningham Dance Company live eingespielten Improvisationsstück „Event“ nämlich vorsetzen, ist frank und frei gesagt – und gelinde ausgedrückt - jenseits von Gut und Böse. Wer bis anhin dachte, sich in experimentell-destruktiver, abstruser elektronischer Musik auszukennen, dem wird hier gehörig der Kopf gewaschen. „Event“ ist ein 50:33-minütiger musikalischer Höllentrip, angeführt von den Dadaisten der elektronischen Musik, Christian Marclay, Yasunao Tone und Christian Wolff. Mit Turntables, Platten, CDs, CD-Playern, Kassettenrekordern, Bass, Perkussion und Melodica – allesamt nach Vorstellungen des jeweiligen Meisters zerstört oder modifiziert, um die seltsamsten und schrecklichsten je gehörten elektronischen Geräusche zu erzeugen – bewaffnet, schlagen sich die beelzebübischen Soundvisionäre sprichwörtlich die Köpfe ein. Verzerrtes, kaum aushaltbares Knarzen und Quietschen, hyperaktives Rattern und Knattern, schiessartiges Poltern, demolierte, verstörende Samples, kratzende Geigen und allerlei weiteres musikalisches Ungeziefer frisst sich während einer malträtierenden Ewigkeit in die Gehörgänge und hinterlässt im Gehirn des Hörenden ein morastiges Nichts. Aggressiv, unkontrolliert und euphorisch schlägt das improvisierende Trio mit elektronischen Fetzen nur so um sich; Strukturen und Verläufe, geschweige denn reale Instrumente, sind kaum bis gar nicht zu erkennen, Voraussagen unmöglich. Man lauscht ungläubig und zuckt mit jedem Klang zusammen, mit jeder weiteren Sekunde steigert sich die krankhafte Unruhe aller Beteiligten. Nur selten pausieren die drei Musicusi und verhindern so Schlimmeres – wie etwa die affektive Zertrümmerung und Verstümmelung des eigenen CD-Players.
Fazit: „Event“ ist bei Weitem das schwierigste und erschöpfendste Stück Musik, das der Rezensentin je untergekommen ist – wohl aber auch mit Abstand das faszinierendste. Schwachen Gemütern oder Suizidgefährdeten sei das Hören ebendieses Silberlings mit Sicherheit nicht empfohlen, Irren, Durchgeknallten und Extravaganten mit Sinn für Experiment und Chaos und offenem Esprit sei’s jedoch trotz allem ans Herz gelegt. Augen zu und durch.


Seit 14. September 2005 im Handel.

Anspieltipps: Event
Trackliste: 1) Event
similar artists: Jonny Greenwood, Einstürzende Neubauten, Susanne Brockesch, Autechre

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Bio:
Christian Marclay (*1955, Kalifornien), Yasunao Tone (*1935, Japan) und Christian Wolff (*1934, Frankreich) sind allesamt bekannt für ihre bahnbrechenden, multimedialen Arbeiten und verbinden Kunst, Musik, Experiment und Avantgarde wie keine anderen Zeitgenossen. „Event“ wurde 1998 live in Vermont eigens für die Merce Cunningham Dance Company eingespielt. Die Originalperformance dauerte 75 Minuten, musste auf der Veröffentlichung jedoch auf 50 Minuten gekürzt werden.

Diskographie:
> Event (2005)



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