Interview mit David Gray |
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| von Nadja El Kinani am Montag, 6. Februar 2006 in Interviews | |
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Interview mit dem bezaubernden David Gray am 27.01.06 im Volkshaus, Zürich.
Das Bildnis des David Gray
Zehn wundervolle Minuten bei Kerzenlicht mit einem schüchternen David Gray und dessen faszinierender Ausstrahlung.
Dein neues Album, „Life In Slow Motion", ist das erste, das du in einem richtigen, voll ausgestatteten Studio aufgenommen hast. Wie war das für dich? Grossartig. Es hat mir viel Spass gemacht. Ich war bereit für diesen Schritt, ausserdem stand ich überhaupt nicht unter Zeitdruck; wir haben uns viel Zeit gelassen mit dem neuen Album. Lange haben wir bloss experimentiert, ziellos Musik gemacht und es einfach genossen, als Band zu spielen. So kam es, dass „Life In Slow Motion", mehr noch als seine Vorgänger, ein Album ist, das die Zuschauer live in seinen Bann zieht, weil eben dies auch bei den Aufnahmen bereits eine grosse Rolle gespielt hat. Zusammengefasst war es ein wirklich schöner Prozess, für den ich definitiv bereit war. Ich hatte genug davon, in meinem Schlafzimmer zu sitzen. Auf deiner Website beschreibst du dein neues Material als „Spitze eines Eisberges" und erzählst, dass es mit sehr, sehr harter Arbeit verbunden war. War es schwieriger, dieses Album zu machen im Vergleich zu den vorherigen? Es ist definitiv harte Arbeit, ja. Ob es schwieriger war, das lässt sich nicht so leicht sagen. (überlegt) Ja. (überlegt erneut) Nein. (lacht) Nein, es war nicht schwieriger, bloss anders. Ich meine, es gibt immer diesen spassigen, einfachen Teil, der daraus besteht, alle Ideen zu sammeln, planlos zu spielen und bloss erfreut darüber zu sein, was man gerade macht. Worauf dann der harte Part folgt. Die Zeit, in der man lange betrachtet und reflektiert, was man in den letzten Monaten zustande gebracht hat, aber auch die Zeit, in der man alles hundert Mal dreht und wendet, Dinge ändert und versucht, all diese Splitter zu einem Ganzen zusammenzufügen. Du musst so oft zurück zu einem Song gehen und ihn ändern, weil er eben nicht nur in sich stimmig sein muss, sondern zum Rest passen und Teil eines Albums sein soll. Das ist unglaublich hart, glaub mir. Ich meine, wenn mir ein Gedanke im Kopf herumschwirrt, dann kann ihn vorerst niemand hören und ich muss irgendeinen Weg finden, mich mitzuteilen und den Leuten, die mit mir arbeiten, zu vermitteln, was mir vorschwebt. Erst mit dieser Basis ist es möglich, weiterzuarbeiten. Das kann ganz schön ermüdend sein, versichere ich dir. Gegen Ende der Arbeit an „Life In Slow Motion" habe ich das ganz stark gespürt. Wir hatten so viele Songs und standen vor so vielen Entscheidungen. Es ist hart, aber ich liebe es. Rückblickend würdest du es also als bereichernde Erfahrung beschreiben? Ja, das würde ich definitiv. Ich habe es so genossen, dieses Album zu machen. Und ich glaube, es hat uns auch als Band verändert und weitergebracht, es in einem grossen Studio mit neuem Produzenten aufzunehmen. Es hat jeden Einzelnen mehr involviert als je zuvor, es war demokratischer und jeder hatte die Gelegenheit, eigene Ideen und Wünsche einfliessen zu lassen und somit den Verlauf eines Songs oder sogar der ganzen Platte zu verändern. Ich meine, es hat eine Weile gedauert, bis wir unseren Rhythmus gefunden haben, da wir so viele Leute waren - da wären die fünf Personen in der Band, der alte Produzent, der neue Produzent und unzählige Andere - und so auch zahlreiche Meinungen, Egos und Unsicherheiten und so weiter zu berücksichtigen hatten. Von Zeit zu Zeit war es das totale Chaos, aber so ist es eben. Anfangs ist es anstrengend und dann plötzlich merkt man, dass man auf dem richtigen Weg ist und alle entspannen sich. Würdest du „Life In Slow Motion" als dein bisheriges Lieblingsalbum bezeichnen oder ist es nicht möglich, eines zu benennen? Ich weiss es nicht. Ich meine, ich weiss nicht, ob es besser ist als die Platten davor. Ich weiss bloss, dass es Sachen darauf hat, die ich persönlich als die Besten empfinde, die ich je gemacht habe. Als komplettes Album kann ich nicht sagen, wo es einzureihen ist. Aber wie gesagt, es gibt Stücke, mit denen ich mehr als zufrieden bin. Das kann ich gut verstehen. Und wie denkst du sonst über dich und deine Arbeit? Es war eine lange, lange Reise. (deutet ein Lächeln an) Ich bin jetzt eine ganz andere Person, als ich es damals war. Musikalisch gesehen, habe ich gelernt, mich im Studio zu entspannen, den Dingen ihren Lauf zu lassen, zu versuchen, nicht allzu viel zu sagen, nicht alles auszusprechen und mehr der Vorstellungskraft zu überlassen. Der persönliche Aspekt beinhaltet, dass ich nicht mehr so viel trinke. (lacht) Ausserdem nehme ich keine Drogen mehr, um dieses Thema auch gleich anzusprechen. Darüber hinaus gibt es auch Veränderungen, die die Zeit einfach mit sich bringt und die deine Perspektive beeinflussen, ob Musiker oder nicht. Ich meine, ich habe geheiratet und habe Kinder, ich würde sagen, meine Dankbarkeit für das Leben ist um einiges gewachsen. Aber es ist nicht nur das. Man wird ja nicht bloss weiser und klüger, ich bin beispielsweise auch abgeklärter geworden mit den Jahren. Wobei ich nicht sagen kann, ob mir das gefällt oder nicht. Ob ich es gut finde, jetzt so viel zynischer zu sein. Das ist ja auch so eine Sache mit dem Zynismus, findest du nicht? Doch, so ist es. Aber ich würde mir keine Sorgen darüber machen. Du sagtest, dass der Titel des neuen Albums jene Gefühle beschreibt, die auftauchen, wenn etwas Unerwartetes passiert, wie beispielsweise ein Todesfall, und wenn alles so surreal scheint, dass man es kaum greifen kann. Hast du Gefühle solcher Art während der letzten Jahre erlebt? Ja, das habe ich. (Pause) Ja, definitiv. Das hat viel mit der Gedächtnisfähigkeit zu tun, bestimmte Dinge ewig in deinem Kopf herumgeistern zu lassen, während andere einfach spurlos verschwinden und vergessen werden. Es gibt Sachen, an die denkst du ein Leben lang. Und wenn so etwas passiert, dann wird dir dein Unvermögen, sowohl jenes, etwas daran zu ändern als auch eine gewisse Art von allgemeiner Unfähigkeit, plötzlich in seinem ganzen Ausmass bewusst. Ich meine, wenn du ein Kind hast, dann willst du es sofort beschützen (streckt die Hände aus) aber gleichzeitig bist du dir auch der Welt bewusst. Verstehst du, was ich meine? Es ist, als würde man die Dinge bloss schwarz oder weiss sehen und dann, von einer Sekunde auf die andere, sieht man alles in Farbe. Das war jetzt eine schwache Analogie. Nein, ich weiss, was du meinst. Du verstehst eigentlich, wie es ist und siehst die Dinge realistisch, aber dennoch scheint die Zeit still zu stehen oder jedenfalls anders zu gehen. Ich schätze, das ist die Sensation, die ich insbesondere im Stück „Slow Motion" zu beschreiben versuche. Was dir, wie ich finde, gelungen ist. Danke, das freut mich. Ich bin ja erst durch den Film „Crazy/Beautiful" auf dich aufmerksam geworden, deswegen mag ich auch „This Years Love" von all deinen Songs am allerliebsten. Nun, mittels ungalanten Überganges, würde mich interessieren, welche Lieder dir gefallen und was du dir momentan gerade anhörst. Nun, ich werde bald ein Johnny Cash Tribute Konzert geben. Cool. Ja, sehr. Ich höre mir also gerade viel von Johnny an. Und von Sufjan Stevens auch. Was noch? „The Four Last Songs" von Richard Strauss mit Elisabeth Schwarzkopf, die singt. Das habe ich mir zu Weihnachten gekauft und seitdem immer wieder angehört. In Ordnung, dann kommen wir leider bereits zum Ende. Ich wünsche dir einen unvergesslichen Auftritt heute Abend und eine tolle Zeit hier. Obwohl du vermutlich bisher nicht viel von der Schweiz gesehen hast, oder? Nicht wirklich, nein. Obwohl ich gestern frei hatte. Ach, schön. Was hast du gemacht? Wir alle sind betrunken in irgendeiner Bar gelandet, wo eine einheimische Band von Traditionellem bis zu modernem Pop alles gespielt hat. Ich habe also ein Stück lokaler Kultur mitbekommen. Das ist gut. Dann bleibt mir jetzt nichts Anderes mehr übrig, als mich ganz herzlich für das Gespräch zu bedanken und dir für die Zukunft alles, alles Gute zu wünschen. Wünsche ich dir auch. Die Rezension des aktuellen Albums „Life In Slow Motion" findet ihr hier bei uns. Fotos: davidgray.com
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