Wie geht es dir? Du siehst sehr erholt aus.
Ja, so fühle ich mich auch. Wir hatten zwei Wochen Pause, daher rührt das.
Schön, das freut mich. Wie siehst du dem Auftritt heute Abend entgegen?
Gelassen, ich freue mich darauf. Die Schweiz ist cool.
Das hört man gerne. Ihr wart ja auch schon diverse Male hier. Hattet ihr je die Gelegenheit, etwas zu besichtigen?
Das Einzige, was ich von der Schweiz bisher gesehen habe, waren Publikum, Bier und Zigaretten. Eigentlich kenne ich von jeder Stadt nur diese Dinge. So ist es nun mal.
Wir fahren irgendwohin, geben Interviews und treten auf. Hinterher ist es dann zu spät und zu dunkel um sich noch irgendetwas anzusehen.
Das ist dann wohl der Preis des Rock’n’Roll. Nun, ich kann mir vorstellen, dass es nicht immer einfach ist, innerhalb einer Band zu agieren. Ist es bei euch so, dass jeder seine eigene Position und seinen eigenen Part hat? Wenn ja, wie würdest du den deinen beschreiben? Welches Chemikal fügst du zur Chemie der Band hinzu?
Ich bin der Ruhige.
Der Ruhige und Mysteriöse, ich sehe schon.
Genau, so nennen mich jedenfalls alle. Das ist nicht, was ich sage, nur, wie mich die Leute wohl sehen, weil ich halt schon ein eher ruhiger Typ bin. Nicht unbedingt schüchtern, einfach ruhig. Ich schaue mehr um mich, als zu reden. Versuche, die Dinge in mich aufzunehmen. Ich denke viel nach. Manchmal wohl zu viel. (Kriegt ein Bier)
Ihr habt in wenigen Jahren unglaublich viel erreicht. Gibt es überhaupt noch Dinge, oder auch eine bestimmte Sache, die ihr noch nicht erreicht habt und deren Verwirklichung ein grosses Ziel für euch darstellt?
Ja, natürlich gibt es das. Mehr Songs schreiben. Bessere Songs schreiben. Ausserdem gibt es Länder, in denen wir noch nicht allzu berühmt sind. England beispielsweise. Und auch in den Staaten kennt man uns nicht. Das möchten wir ändern. Abgesehen davon wollen wir Spass haben.
Wie geht ihr in Anbetracht eurer Jugend mit all diesem Ruhm und der Aufmerksamkeit, die euch zuteil wird, um?
Eigentlich befasse ich mich nicht oft damit. Nicht so oft, wie ich vielleicht sollte. Ich halte mich selbst auch weniger für eine Berühmtheit, als für einen Jungen, der Freude an der Musik und dies zum Beruf gemacht hat. Es ist noch immer dasselbe wie vor einigen Jahren. Das Einzige, was ich lernen musste, war, mit dem Geld umzugehen, dass ich jetzt verdiene.
Dein Rockstardasein hat also wirklich nichts verändert?
Nicht wirklich, nein.
Wie denkt ihr über euch selbst? Ihr vergleicht euch mit den Beatles, wie kommt das? Woher nehmt ihr dieses Selbstvertrauen?
Wenn wir dahin wollen, wo sie waren, wenn wir wirklich so gut werden wollen wie die Beatles, müssen wir uns mit ihnen vergleichen, das ist unumgänglich. Ich weiss, dass wir gesagt haben, wir hätten es bereits geschafft, aber das haben wir nicht so gemeint. Wir versuchen halt einfach, so gut zu werden.
Also habt ihr eure Ziele sehr hoch gesteckt.
Ja, definitiv. Vielleicht werden wir nicht alle erreichen, aber wir geben unser Bestes.
Gibt es einen bestimmten Schauspieler, den du erwählen würdest, deine Rolle in einem Film über Mando Diao zu spielen?
Puh. Schwierige Frage. Ich mag Marlon Brando. Den jungen Marlon Brando. Aber der ist ja tot. Wie alle Guten. Die sind immer tot. Das haben die irgendwie so an sich.
Ein paar gibt es ja glücklicherweise schon noch. Was erwartest du von eurem Publikum? Heute Abend oder auch generell.
Im Allgemeinen erwarte ich von ihnen, zu tanzen, wenn wir gut sind und Äpfel nach uns zu werfen, wenn wir schlecht sind. Ich möchte, dass unser Publikum ehrlich ist.
Gab es eines, das ihr nicht so schnell vergessen werdet?
Das spanische Publikum ist immer sehr wild. Ansonsten hatten wir diverse gute Shows in diversen Ländern, insofern ist es schwierig, einzelne Auftritte auszuwählen.
Kann ich mir vorstellen, ja. Und was denkt ihr über die Tatsache, dass die ersten sieben Reihen meist ausschliesslich weiblich und zwischen 15 und 20 sind?
Was soll ich dazu sagen? So soll es sein. Es ist ja nicht als wären wir Bob Dylan, dessen Publikum um die 30 war. Ich denke wirklich nicht, dass daran irgendetwas falsch ist. Obwohl ein Typ uns einmal die „Westlife des Rock’n’Roll“ genannt hat. Aber hey, die Mädchen sind immer in Ordnung.
Sind sie das?
Ja, die 16- und 17jährigen sind diejenigen, die alles entdeckt haben, die jeden einzelnen Song gehört haben. Die sind in Ordnung.
Da sich ein Grossteil eures zweiten Albums, „Hurricane Bar“, um euren Heimatort Borlänge dreht, würde ich gerne mehr darüber erfahren.
Die Lyrics sind definitiv von Borlänge inspiriert. Wir wollten all diese Lasten der Vergangenheit loswerden und haben sie uns sozusagen von der Seele geschrieben. Jetzt werden wir nie mehr über Borlänge schreiben. Jedenfalls nicht auf diese Art und Weise.
Erzähl mir doch etwas über deine Kindheit dort. Denkst du, dass sich die Art, wie und wo man aufgewachsen ist, auf die späteren musikalischen Tendenzen auswirkt?
Keine Ahnung. Wir stammen aus eher ärmlichen Verhältnissen, das ist das Einzige, das ich weiss. Keine Ahnung, wie ich aufgewachsen bin. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Ich komme aus einer armen Familie, was wohl meinen Willen gestärkt hat, früh Geld zu verdienen. Also ist es nicht ganz so, wie Gustafs Bruder Victor, Leadsänger von Sugarplum Fairy, es einst geschildert hat: Dass Borlänge ganz einfach ein langweiliges Kaff ist und dass man nichts Anderes zu tun hat, als Musik zu machen, um von dort wegzukommen?
Doch, so ist es schon auch. Es ist für uns dasselbe wie für sie.
Dann etwas ganz Anderes: Wie geht ihr mit Kritik um?
Was soll ich sagen, wir wissen halt, wer wir sind. Insofern tangiert es uns nicht mehr wirklich. Ich glaube, anfangs hat es uns mehr ausgemacht, aber inzwischen haben wir realisiert, dass es unmöglich ist, darauf Rücksicht zu nehmen. Es gibt immer die Journalisten, die Fans imd all die anderen Leute, die zu dir kommen und dir sagen, was du falsch machst, was du anders machen und womit du aufhören sollst.
Es ist unmöglich, sich nach all diesen Fragen, Beurteilungen, Vorschlägen etc. zu richten. Hätten wir das getan, hätten wir tausend Songs herausbringen müssen. Das Einzige, was wir tun können, ist, Mando Diao zu sein. Uns selbst Vertrauen entgegenzubringen.
Ich meine, es ist dasselbe mit unseren Persönlichkeiten. Wenn ich ab und zu unser Gästebuch durchlese und Beiträge bezüglich meiner Frisur lese, dann ist mir das völlig egal, weil mir der Schnitt gefällt. Es war mein Wille, mir die Haare so schneiden zu lassen. Schlechtes Beispiel, ich weiss.
Ich will nur verdeutlichen, dass man nicht auf alle Leute hören kann. Hören soll. Ich meine, was soll ich tun? Eine verdammte Schere holen und meine Haare schneiden?
Bloss, weil ein paar Fans das so wollen? So funktioniert das nicht.
Das ist die richtige Einstellung.
Auf „Bring ’Em In“, eurem ersten Album, klingt ihr um einiges energiegeladener und aggressiver. Ihr seid subtiler und purer geworden auf „Hurricane Bar“, also würde mich aufgrund eurer Aussage, dass die Musik, die ihr macht, reflektiert, wo ihr in diesem Moment steht, interessieren, wo genau ihr denn während den Aufnahmen zu „Hurricane Bar“ standet.
Eigentlich wollten wir einfach in einem richtigen Studio aufnehmen. Die Songs auf „Bring ’Em In“ waren ja nur Demos. Aber ich stimme dir zu, „Hurricane Bar“ ist zu nett.
Das habe ich allerdings nicht gesagt, ich finde es nicht zu nett.
Nun, ich finde es zu nett. Wir waren immer eine Live Band. Das ist etwas, was wir auf unserem nächsten Album wieder vermehrt zeigen wollen. Es wird mehr wie „Bring ’Em In“ klingen. Denn so sind wir wirklich. Ich mag „Hurricane Bar“ noch immer, aber wir haben halt zu viel Zeit damit verbracht, nach dem ultimativen, richtigen Sound zu suchen, statt uns zu überlegen, welche Gefühle damit verbunden sind und ob wir diese durch die Art, für die wir uns schliesslich entschieden haben, auch wirklich zum Ausdruck bringen können.
Gibt es eine Hauptbotschaft auf „Bring ’Em In“ oder „Hurricane Bar“?
Eigentlich nicht. Wir wollten einfach allen beweisen, dass wir gute Jungs sind. Ein paar Songs haben wir geschrieben um den Leuten zu helfen, über Tiefs und Depressionen hinwegzukommen. Darum handelt es sich beispielsweise in „All My Senses“. Und in „Annie’s Angle“ geht es einfach darum, eine tolle Zeit zu verleben, nicht auf Andere zu hören und zu tun, wozu man Lust hat.
Du und Gustaf, ihr beide schreibt die Lyrics. Was kannst du mir über diesen Prozess erzählen? Musst du verliebt sein, um ein Liebeslied zu schreiben? Wird ein Song besser, wenn dir sein Inhalt wirklich widerfahren ist? Ist es nötig, etwas durchzumachen, um hinterher darüber zu schreiben oder ist es mehr oder weniger Fiktion?
Es kommt darauf an. Manchmal verarbeite ich Ereignisse in Songs, manchmal nicht. Man ist halt inspiriert von seinem eigenen Leben, von Orten, die man besucht hat, insofern kommt alles, was du schreibst, aus dir heraus. Und es gibt immer etwas, worüber man schreiben kann. (Greift sich eine Gabel)
Ich meine, ich könnte über diese Gabel schreiben, wenn ich wollte.
Das glaube ich dir. Kommt es auch vor, dass ein Wettbewerb zwischen dir und Gustaf entsteht? Darüber, wer die besseren Texte schreibt und wer der bessere Sänger ist?
Schon. Aber ich weiss ja, dass ich der bessere Sänger bin. (lacht)
Nein, wenn wir gemeinsam schreiben, ist das nicht der Fall. Nur, wenn wir getrennt an den Texten arbeiten. Ich würde es aber als freundschaftlichen Wettstreit bezeichnen, der uns dazu anspornt, unsere Grenzen auszutesten. Noch besser zu werden. Auch die Songs werden auf diese Art besser.
Gibt es einen eurer Songs, der dir speziell am Herzen liegt? Oder einen, den die Leute immer hören wollen, der dir aber gar nicht wirklich gefällt?
Ich mag „Annie’s Angle“, weil die Lyrics einfach brilliant sind. Das ist definitiv der beste Text, den Gustaf je geschrieben hat. „All My Senses“ gefällt mir auch sehr, wie bereits erwähnt. Und ich hasse „Mr. Moon“.
Ach, alles klar. Ihr werdet es nicht müde, ständig dieselben Stücke zu spielen?
Doch, natürlich. Wir versuchen aber, immer wieder neue Seiten in einem Lied zu entdecken. Neue Dinge aufzuspüren die man live hervorheben kann. Neue Wege zu finden, einen Song zu spielen. Ausserdem hängt auch viel vom Publikum ab. Wenn das Publikum gut drauf ist, freut man sich mit, auch wenn man gerade „Mr. Moon“ spielt.
Aus eurer Biographie geht ziemlich klar hervor, dass ihr grosse Rock’n’Roll Fans seid. Meinst du, du kannst Rock’n’Roll definieren? Alles zusammenfassen, was der Begriff für dich beinhaltet? Den Lebensstil, die Musik, das Lebensgefühl?
Mir ist der Lebensstil dabei egal. Früher war das anders, aber heute geht es mir nicht mehr darum, betrunken zu sein und so. Es geht um die Songs. Sie bringen eine Art von freiem Lebensgefühl mit sich, was ich sehr schätze.
Ich könnte beispielsweise auch niemals einen normalen, an Ordnung gebundenen Job haben, das wäre wie „Virtual Reality“ für mich. Das könnte ich nicht.
Rock’n’Roll ist der einzige Weg für mich.
Trotzdem hast du einmal erwähnt, dass man besagten Lebensstil, oder eben dieses bestimmte Lebensgefühl, nur bis zum Alter von 30 Jahren pflegen kann.
So ist es. Wir sind ja jetzt schon müde vom Touren.
Ja, ich sehe schon, ihr werdet langsam älter.
Es ist wirklich so. Klar, wir alle geniessen es, aber nach den Auftritten sind wir immer unglaublich müde. Vor zwei Jahren waren wir 22, damals war es viel einfacher.
Mit 30 hätte ich wohl nicht mehr die Kraft dazu, auf der Bühne zu stehen. Wir würden noch immer Songs aufnehmen können, aber die Auftritte wären sehr, sehr rar.
Ihr verbringt einen enormen Teil eurer Zeit damit, zu touren. Es gibt sicherlich Leute, die euch dabei folgen. Wie geht ihr damit um?
Ja, die gibt es definitiv. Wir versuchen damit umzugehen und es funktioniert. Aber weisst Du, es ist gut, eine Gruppe zu haben. Ich möchte wirklich nichts dagegen sagen. Ich weiss, was ich darüber denke und das reicht. Es ist in Ordnung. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.
Ich werde dies an meine Freundinnen weiterleiten. (Alle lachen)
Ich verstehe einfach nicht, weshalb jemand so viel Geld dafür ausgeben sollte, uns zu folgen. Ich freue mich darüber, aber ich kann es nicht verstehen. Wenn ich 16 wäre…
…würdest du das nicht tun?
Niemals. Ein Auftritt, damit hat es sich dann auch. Ich denke halt einfach, dass die Leute nicht ihr eigenes Leben aufgeben sollten, um uns zu folgen. Um an unserem teilzuhaben. Es ist in Ordnung für ein paar Shows, aber länger?
Trotzdem ist es cool. Ich möchte wirklich nichts Negatives darüber sagen.
Gibt es denn jemanden, den du gerne live sehen würdest?
Vielleicht Bob Dylan in den 60ern. Oder Neil Young. Vielleicht Oasis. Wenn ich 16 wäre.
Du magst also Oasis. Hast du sie einmal getroffen?
Ja, wir haben sie mal getroffen.
Wie war es?
OK, ich meine, unsere Konversation hat sich nicht über „Hi“ und „Bye“ hinausbewegt. Ich bin auch nicht wirklich ein Fan. Ich mag einfach ihre Musik.
Wie sehen deine oder eure Pläne für die nächsten Stunden, Tage und Wochen aus?
Auftreten. Darauf folgen die Shows in Deutschland und dann fahren wir nach Hause und nehmen unser drittes Album auf.
Worauf ich mich jetzt schon freue.
Ich mich auch.
In Ordnung, dann wären wir zum Ende angelangt. Vielen Dank für das Interview und viel Spass heute Abend. Geniesst die Show, solange ihr noch jung seid.