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Interview mit Fettes Brot

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von Ivana Leiseder am Freitag, 4. März 2005 in Interviews   
Interview mit Martin Vandreier von Fettes Brot - 04.03.05 - Hotel Intercontinental Zürich (⇒ siehe dazu auch die Rezension zum neusten Album "Am Wasser gebaut")


"Was heisst eigentlich Kuchichäschtli?"

Wir trafen Martin Vandreier alias Doktor Renz von Fettes Brot spätabends in einem Hotel in Zürich. Der Martin war müde, wir waren müde, aber das Gespräch trotzdem sehr nett.

Hallo Martin, schön, dich zu sehen. Bist bestimmt schon sehr müde...

Ja, ehrlich gesagt schon. Aber das sollte uns nicht vom Interview abhalten (lacht). Wir sind mit dem Nachtzug angereist und haben nicht besonders viel schlafen können. (lacht)

Müsst ihr heute schon wieder zurück nach Deutschland?
Nee, wir schlafen hier und dann morgen fliegen wir. Aber allerdings um acht schon. Also um sechs losfahren. (lacht)

Oh je... Ok, dann lass uns gleich beginnen. Könntest du uns mal als Einstieg was zum Titel eures neuen Albums, "Am Wasser gebaut", sagen? Hast diese Frage heute bestimmt schon tausend Mal beantwortet, aber was bedeutet er genau?
Wir hatten die Vision einer Soulplatte. Wir wollten dahin gehen, wo unsere Gefühle sitzen oder wo's weh tut oder besonders schön ist (lacht), was manchmal auch der gleiche Ort ist, und damit halt versuchen, dass die Leute im besten Falle auch emotional in irgendeiner Form davon was mitkriegen und die Songs irgendwie geniessen oder einfach sagen können, das Gefühl kenne ich auch. Sozusagen von Seele zu Seele Sendung schicken. Das war so der Ansatz und deswegen passte "Am Wasser gebaut" halt super, was die emotionale Seite angeht. Nah am Wasser gebaut, sagt man ja. Andererseits kann man's auch so sehen, die Platte ist in Hamburg entstanden, also am Wasser gebaut, oder wir haben auch ne Firma gegründet, "Fettes Brot Schallplatten GmbH". Das ist jetzt das erste Mal auch keine Firma, wo wir versuchen wollen, andere Bands herauszubringen, sondern erstmal geht's nur darum, unsere eigenen Platten zu veröffentlichen. Wir wissen natürlich auch noch nicht, wie das ist, eine Firma zu haben - das ist auch neu für uns, und Neuland ist ja auch am Wasser gebaut, irgendwie unsicherer Boden. Man weiss noch nicht, ob das alles in trockene Tücher gerät - insofern passt es in vielen verschiedenen Deutungsweisen. Oder man kann auch einen Joint an der Elbe rauchen, das ist dann auch am Wasser gebaut. (lacht)

Auf zwei, drei Songs sind ungewohnte Latino- und Karibiksounds herauszuhören. Woher hattet ihr diese Inspiration? War es euer Plan, ein paar südländische Sounds reinzubringen?
Ja, irgendwie steckt das scheinbar in uns drin, ich weiss auch nicht genau. Also ein Einfluss ist auf jeden Fall zumindest bei der Single Emanuela, dass Boris vorher einen Brasilienurlaub verlebt hat. Da hat er eine CD mitgebracht mit Street-Funk, also ziemlich angesagte Musik, die da auf Strassenparties gespielt wird und das hat uns schon sehr inspiriert. Wir haben uns da auch auf jeden Fall von den Gesangsmelodien ein bisschen beeinflussen lassen. Das ist auf jeden Fall schön, wenn man durch die Welt reist - man nimmt immer irgendwie ne Inspiration mit. Das war auch so, als wir in Moskau waren mit dem Goethe Institut. Wir haben eine kleine Russlandtour gemacht, gleich danach kam "Schwule Mädchen" und dann haben wir die russische Frau gefragt, ob sie das Intro dafür performt und insofern... Solche Reisen gehen nicht spurlos an uns vorbei. Es gibt jetzt keinen von uns, der ein spezieller Fan von südamerikanischer Musik ist, aber es taucht immer wieder bei uns auch, keine Ahnung. Das Solostück von Björn Beton heisst "Kuba" - er war selbst noch nie da (lacht), aber vielleicht fährt er ja eines Tages noch mal hin. Auf jeden Fall ein grosser Fan von diesem Land.

Was habt ihr sonst noch für Einflüsse? Ihr schreibt auch in den Presseinfos, dass ihr euch von vielen Bands und anderen Musikern beeinflussen und inspirieren lasst - was gibt's da so?
Es läuft oft gar nicht so direkt, dass man jetzt sagen kann, dieses Lied ist jetzt entstanden, weil wir jemand anderes gehört haben. Ich glaube, wir mögen einfach viel verschiedene Musik und das hört man, glaube ich, unserer Musik auch an. Also ich glaube, was uns jetzt im Hip Hop-Bereich auf jeden Fall sehr gut gefallen hat in den letzten Jahren waren Bands wie Outkast. Die Platte von Kanye West war bei uns auch schwer beliebt, "College Drop Out". Und wenn wir z.B. dieses Stück "An Tagen wie diesen" gemacht haben mit so einem hochgepinchten Sample, dann kann man sicher auch hören, dass wir uns auch für aktuelle amerikanische Rap-Musik begeistern können, wo halt viele Soul-Songs aus den 70er inklusive Gesang irgengdwie einfach gesampelt und sozusagen in einen neuen Song umgewandelt wurden. Das haben wir halt dann bei "An Tagen wie diesen" mit dem Song "Jeanny" von Falco gemacht. Wir haben also viel Soul gehört, wir mögen Reggae und wir hören auch deutsche Rap-Musik auf jeden Fall. Es inspiriert uns alles in irgendeiner Weise.

Hast du denn einen Lieblingstrack auf der neuen Platte?
Nee, das gibt's so nicht. Also ich weiss nicht...(lacht) das sind halt unsere 10 neuen Babies und wir möchten keines bevorzugen (lacht). (überlegt) Aber was auf jeden Fall geil ist, wir haben ja wieder jeweils ein Solostück gemacht und das ist natürlich ein Moment, wo man ein sehr doller Fan von seiner eigenen Band sein kann, wenn man die Songs von den anderen beiden hört. Jetzt in diesem Fall "Lauterbach" und "Kuba", was meine beiden Kollegen, die da hinten sitzen, beigesteuert haben zur LP, da kann man natürlich dann ganz uneingeschränkt Fan von sein, wenn man nicht mehr so eitel sein muss und sich selbst sozusagen cool finden kann, sondern man kann einfach nur die eigene Band gut finden, ohne dass man sozusagen was dazu beisteuern musste. Also das ist ja traditionell bei uns so, dass wir jeder ein Solostück auf der Platte machen und das hören die anderen auch erst, wenn's fertig ist. Also das ist auch immer ein spannender Moment.

Kannst du auf der neuen Scheibe musikalische Fortschritte von Fettes Brot erkennen?
Ähhh....Ja! (lacht) Also ich glaube, was wir auf jeden Fall auf dieser Platte zum ersten Mal so in dieser Form gemacht haben, sind... Da sind so zwei drei Stücke drauf, die komplett auf Ironie verzichten. Mir fallen jetzt "Soll das alles sein" zum Beispiel ein, wo wir halt ne Geschichte von ner allein erziehenden Mutter erzählen, und da war irgendwie von Vornherein klar, wenn wir das so machen, dann gibt's da nicht so ne ironische Brechung noch irgendwo, sondern das ist von Anfang bis Ende ein ernst gemeintes und ernsthaftes Lied. Das ist vielleicht für einige Zuhörer dann auch erstmal ungewohnt aus unseren Mündern, aber das erfordert sozusagen das Thema. Und das wäre vielleicht ein Song gewesen, den wir uns auf anderen Platten noch nicht zugetraut hätten, weil wir dann gedacht hätten, das kann zu sehr ins Kitschige abdriften oder Pathetische oder so und ich glaube, das ist ein Fortschritt, dass wir uns noch weniger Grenzen setzen. Dass wir einfach sagen, wenn uns ne Idee kommt und wir haben Lust darauf, das zu machen, dann gibt's eigentlich keine Gründe mehr, die dagegen sprechen. Wir trauen uns das dann einfach zu und ich glaube, das ist so ne Erfahrung, die man irgendwann gewonnen hat, wenn man schon ein paar Platten vorher gemacht hat. Dass man sozusagen weiss, wie man vielleicht Fehler vermeidet und so nen Weg einfach klar verfolgt. Am Ende ist's dann im besten Falle ein Lied, dass auch andere Menschen nicht als kitschig empfinden. Kann natürlich passieren, dass Leute sagen, das ist mir jetzt irgendwie zu viel, das will ich von euch nicht hören, ich mag irgendwie lieber, wenn ihr Partymusik macht. Aber ich glaube, so was muss man sich einfach ab und zu mal trauen, die eigenen Grenzen zu erweitern und sich was Neues zuzutrauen.

Da wir gerade von zutrauen sprechen: Seid ihr denn tatsächlich so selbstunsicher, wie ihr in der Presseinfo schreibt? War das eine ironische oder ernst gemeinte Aussage?
Ja, das ist schon ernst gemeint. Aber es geht eher darum, dass wir drei alles Menschen sind, die sich auch selbst hinterfragen und immer mal wieder so abchecken, was machen wir eigentlich gerade und wofür stehen wir. Ich glaube, wenn man irgendwann sagt, so bin ich und so bleibe ich und ich will mich auch nicht mehr verändern, dann kann man halt sich so auch vor Kritik und vor allen möglichen Eindrücken auch schützen und baut halt so ne Mauer um sich auf. Wenn man andererseits dann irgendwie sich öffnet und versucht, Veränderungen zuzulassen, dann ist man halt auch angreifbarer und in dem Moment ist man auch auf jeden Fall anfällig für Kritik und dann fühle ich mich tatsächlich nicht besonders sicher. Aber andererseits weiss ich, dass man sich halt so ein bisschen mit dem Snowboard den Berg herunterstürzt (lacht). Daran muss ich manchmal so denken, weil das ist auch so ein Ding, da weiss man, das ist jetzt ne Steile Piste, aber ich schmeisse mich jetzt diesen Hang hinunter und vertraue, dass ich irgendwie schon heil unten ankomme und so ist es manchmal halt auch beim Musikmachen. Ich glaube, das gilt halt für verschiedene Phasen des Lebens, dass man einfach, wenn man sich traut, sich auch sozusagen auf Neuigkeiten einzustellen, dann ist man zwar eigentlich angreifbarer, aber irgendwie am Schluss ist man auch stärker. Insofern sind wir ab und zu auf jeden Fall sehr unsicher. Gerade, wenn man eine neue Platte macht. Ich hab das nicht vielen Leuten vorspielen können während des Prozesses.

Echt?
Nee, da waren wir diesmal alle sehr, sehr zurückhaltend. Ich konnte halt nicht so gut schon zu früh Meinung zu hören, weil ich mir selbst nicht so sicher war, was wir alle eigentlich gemacht haben. Mittlerweile bin ich mir sicher, wir haben ein verdammt geiles Album gemacht und bin da stolz drauf und freu mich auch, wenn es anderen Leuten gefällt und wenn andere Leute es scheisse finden, kann ich damit auch umgehen, aber so zwischenzeitlich ist man da echt dünnhäutig, was das angeht.

Wo seht ihr denn euren Platz jetzt in der deutschen Hip Hop-Szene?
Ja, das ist schwierig. Wir sehen uns halt nach wie vor als Teil der Hip Hop-Szene und das ist ja das, was vielleicht manche Leute ärgert, dass wir immer noch behaupten, wir machen Hip-Hop. Aber für mich IST das nach wie vor Hip-Hop, obwohl ich natürlich weiss, dass wir formal bestimmte Grenzen des Hip Hop immer wieder sprengen, und auch zu viel singen, um ne ganz klassische Rap-Band zu sein und so, aber irgendwie hat Hip Hop halt sozusagen erst dazu geführt, dass wir überhaupt darüber nachgedacht haben, Musik machen zu können, weil Hip Hop irgendwie so mir das Gefühl gegeben hat, ich darf da mitmachen und ich kann meine Meinung äussern und es interessiert jemanden und ich stelle mich sozusagen selbst dar in den Texten. Das war so der Aufruf und dem sind wir gefolgt und das ist jetzt draus geworden 12 Jahre später. Irgendwie ist es dann auch gar nicht so wichtig, ob das Hip Hop ist oder nicht. Wir fühlen uns halt als Hip Hop-Band und wir haben ne neue Platte gemacht und innerhalb der Szene können wir halt nur sagen, wir sind im Moment die Lautesten und wir sind wieder da und checken unseren Scheiss aus. Fresst das, das ist unsere Musik, mal kucken wie ihr es findet. Es gibt viele Hip Hop-Bands, die ich sehr schätze und sehr gerne mag und mich auf die neuen Platten freue und insofern ich hab da auf jeden Fall auch keine allzu negative Haltung gegenüber der Hip Hop-Szene. Es gibt natürlich auch viele Idioten, die rumlaufen, aber ich hoffe, die verschwinden dann auch irgendwann wieder.

Habt ihr eigentlich keine Angst, als Popband abgestempelt zu werden? Dass ihr vielleicht nicht mehr ernst genommen werdet? Z.B. gerade jetzt nach all den Auftritten beim Bundesvision Song Contest oder bei Top Of The Pops?
Top of the Pops? War das denn schon? Das ist doch erst morgen. Oder? (lacht verschmitzt)

Ja, aber ihr habt euren Auftritt ja gestern aufgenommen (lacht).
Hhm....äh, ja. (lacht) Nein, also ich finde, Stefan Raabs Sendung war mal wieder ne Chance, gute deutsche Musik zu bester Sendezeit um 20.15 Uhr im Fernsehen zu zeigen, die man sonst eigentlich nicht sieht und ich hatte das Gefühl, dass Stefan die Bands auch auch am Herzen liegen und dass er die Musik gut findet. Es ist halt nun mal auch ein guter Weg, unsere Musik zu promoten und der breiten Masse vorzustellen und insofern... Schlussendlich ist es ja auch egal, ob die Leute das als Ska, Pop oder Hip Hop auffassen, also ich habe da keine Schwierigkeiten mit oder Bedenken.

Habt ihr auch Kontakt zu Schweizer Hip Hop-Bands oder Musikern?
Hhm, heute haben wir zum Beispiel gerade Kutti MC gehört (lacht). Wie findet ihr den?

Der ist cool - echt abgefahren! Hast du denn was von den Texten verstanden?
Nee, war eher schwierig, aber ja, der ist gut. Black Tiger sind mir auch bekannt und Sektion Kuchichäschtli, von denen ist mir auch ein Song bekannt - fand ich recht gut. Was heisst Kuchichäschtli eigentlich? Kuchenkasten? (lacht)

Nee, Küchenkästchen. Das bekannteste Schweizer Wort.
Echt? (lacht) Ok. Hhm, ansonsten nee, gross Kontakt haben wir da nicht. Aber ich finde es gut, dass es so viel Schweizer Rap gibt. Finde es toll, wenn sich eine eigenständige Rap-Kultur bildet.

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?
Also im April werden wir touren, unter anderem auch in der Schweiz, im Volkshaus. Im Sommer stehen ein paar Festivals an und im Herbst ist die zweite Hälfte der Tour. Im Tourbus wollen wir dann ausserdem eine Punk-EP komponieren und dann aufnehmen. Dann ist auch schon bald wieder Weihnachten und weiter mag ich gar nicht denken. (lacht)

Noch schnell eine letzte Frage: Welches sind deine fünf Lieblingsalben?
Aller Zeiten?

Ja, warum nicht.
Nee, oder? Besser von den neueren Veröffentlichungen, ok? Hhm...was gibt es da...Ich fand die neue Platte von Phoenix recht gut. Wie hiess die noch mal?

Alphabetical.
Ah ja. Dann hhm....Die neue Scheibe von Kanye West, "College Drop Out", Nummer drei ist "Bossa Nova" von Michel Van Dyke. Hhm...äh...dann sicher noch De LaSoul. Von denen war meine erste Rap-Platte. Wieviel hab' ich schon? (lacht)

Vier.
Vier? Ohh, ähhh, fünf, was ist denn Nummer fünf? Kettcar!! Genau, die neue Kettcar. "Von Spatzen, Tauben...und sonst noch was...." Kann mir den Titel nie merken.

Ok, vielen tausend Dank, das wär's auch schon. Besten Dank für deine Zeit, haben uns sehr gefreut.
Danke euch für das Interview und tut mir Leid, dass ihr halt jetzt die Letzten waren. Na ja...

Kein Problem, war cool. Wünschen dir eine schöne Heimreise und erhol' dich gut.
Ja, danke, gleichfalls!


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