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Interview mit Minor Majority

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von Nadja El Kinani am Montag, 15. Mai 2006 in Interviews   
Interview mit der beinahe kompletten, bezaubernden Gruppe Minor Majority am 28. April 2006 in der Boa, Luzern.
Major Priority
Die vier norwegischen Naturburschen Harald, Jon, Henrik & Halvor machen nicht bloss wundervolle Musik, sie sind auch noch richtig nett. Ausserdem geben sie sich grosse Mühe beim Antworten, verrücken Stühle & Bänke für ein Foto und bescheren den Luzernern in der Boa einen jener Abende, an die man sich ein ganzes Leben lang erinnern wird.. Es bleibt zu hoffen, dass sie die Schweiz bald wieder bereisen. Fingers crossed.

minormajority Wie geht es euch?
Henrik: Sehr gut.

Gestern wart ihr in Düdingen, hat es euch dort gefallen?
Henrik: Es war unglaublich. Die Show war ausverkauft und die Leute waren echt cool.
Halvor: Ich finde es auch immer schön, wieder an Orten zu spielen, wo wir bereits waren. Dies war gestern auch der Fall.
Und wie war die Tour bis jetzt im Allgemeinen?
Harald: Nun, dies ist ja jetzt erst unser dritter Tag.
Jon (an Harald gewandt): Vielleicht zählt sie ja die Shows in Norwegen mit.
Das tue ich in der Tat.
Jon: Mir hat es bis jetzt sehr gefallen. Viele der Auftritte waren ausverkauft und wir haben das grosse Glück, praktisch nur gute Kritiken zu erhalten. Sowohl für die Gigs, als auch für das neue Album. Es war also eine wirklich sehr angenehme Tour.

Könnt ihr euch noch an eure allererste Kritik erinnern?
Jon: Mit Minor Majority?
Gerne, ja. (lacht)
Halvor: Mir fällt spontan bloss jene der anderen Band, in der ich spielte, ein.
Henrik: Halvor und Jon haben früher zusammen in dieser sehr, sehr coolen Band gespielt, musst du wissen. Was meinte der Rezensent nochmals?
Halvor: Vielversprechend. Sie nannten uns vielversprechend. (lacht) Das war kurz bevor wir uns aufgelöst haben.
Henrik: Ihr wart aber auch wirklich gut.
Jon: Was Minor Majority anbelangt, so kann ich mich an eine der ersten Plattenbesprechung unseres neuesten Albums erinnern; es war eine sechs. Das ist der höchstmögliche Rang, den man in dieser Zeitung erreichen kann, insofern hat uns das natürlich sehr gefreut.
Ich meine, wir sind auch jedes Mal etwas ängstlich bezüglich der Meinung der Presse.
Seid ihr das?
Jon: Ja, auf jeden Fall. Weißt du, wenn man an einer Platte arbeitet, dann ist man so sehr dabei, so nahe beim ganzen Material, dass man nicht mehr fähig ist, rational darüber zu richten. Das ist schlicht und ergreifend unmöglich.
Nun, das schon, aber ist es nicht bis zu einem gewissen Masse so, dass ihr hinter dem Album steht, egal, ob die Leute es mögen oder nicht?
Alle: Nein. (lachen)
Jon: Nein, ich meine, es ist einfach hart, ein Album zu machen und es macht dich so verletzlich. Du gibst sehr viel von dir preis und bist gespannt auf die Reaktionen der Leute. Je nachdem nimmst du die ganze Platte dann auch anders wahr.
Halvor: Ausserdem stellen die Kritiken die Basis der ganzen darauffolgenden Tour dar. Sind sie schlecht, dann interessieren sich weniger Leute für das Album, was wiederum bedeutet, dass weniger Leute die Konzerte besuchen. Daraus resultiert dann, dass wir weniger der neuen und mehr von den alten Songs spielen müssten.
Henrik: Ausserdem war es so, dass unser drittes Album, „Up For You & I" eine Art Durchbruch mit sich brachte. Wir hatten so viel Glück damit und wurden so sehr gelobt, dass wir für eine verhältnismässig lange Zeit damit getourt haben.
Jedoch weiss man nie, ob man nicht plötzlich doch negative Kritiken erhält - weil man ja von einem Tag auf den anderen sozusagen populär geworden ist und weil es doch der Presse viel mehr Spass macht, sehr genau auf etwaige Fehler zu achten und nicht mehr auf die positiven Aspekte. Darüber haben wir uns ein wenig Sorgen gemacht, aber es hat sich herausgestellt, dass das unnötig war.

Es war auf jeden Fall unnötig, bei diesem Thema bleiben wir auch gleich: Ich habe kürzlich von einer Person gelesen, die eure Lieder als „Musik mit einem Hauch von Ewigkeit" beschreibt.
Henrik: Wow, ist das ein Kompliment.
Ja, nicht wahr? Das hat mir auch sehr gefallen. Nun, welches ist denn das schönste Kompliment, das euch je gemacht wurde?
Harald: Als wir vor einem Jahr in Düdingen aufgetreten sind, waren dort zwei 15-jährige Jungs im Publikum, die 450 Kilometer gefahren sind, nur um uns live zu erleben. Nach dem Konzert habe ich mich mit ihnen unterhalten; sie waren so ehrfürchtig und beeindruckt und sie konnten es kaum glauben, dass ich mit ihnen gesprochen habe. (lächelt) Hinterher haben sie bei der Grossmutter des Einen übernachtet. (lächelt wieder) Das ist so eine Sache, die ich nie wieder vergessen werde.
Wie süss.
Henrik: Das war wirklich süss. Ein anderes Kompliment stammt von Marcel [Bieri, Organisator des B-Sides-Festivals im Sommer]: Als wir zum allerersten Mal hier in der Schweiz gespielt haben - im Treibhaus war das noch - bestand das Publikum aus ungefähr 40 Leuten. Nach dem Auftritt haben wir uns mit Marcel unterhalten, der sich stellvertretend für die ganze Schweizer Bevölkerung bei uns entschuldigt und uns gebeten hat, bald für eine erneute Show zurückzukommen. Er hat uns versprochen, dafür zu sorgen, dass zehn Mal mehr Leute zugegen sein würden, also habe ich unserer Bookerin in Frankreich mitgeteilt, dass wir unbedingt wieder in Luzern spielen müssen. Was wir dann auch getan haben: Beim zweiten Mal - auch hier in der Boa - waren dann tatsächlich 400 Leute da und die Show war unglaublich. Marcel hat also sein Versprechen gehalten und hier sind wir auch schon wieder.

Was mich freut, sehr. Nun, eure Musik wird von manchen mit jener von beispielsweise Nicolai Dunger, den Kings Of Convenience, Midnight Choir und den Tindersticks verglichen. Was haltet ihr davon?
(Jon wendet sich an den Sound Assistant, weil die Band keinen der genannten Künstler zu kennen scheint.)
Sound Assistant: Ich kann das gut verstehen, insbesondere der Vergleich mit Nicolai Dunger scheint mir realistisch. Ihr fängt irgendwie dieselbe Szene ein.

Nun, interessiert es euch überhaupt, mit wem ihr verglichen werdet?
Jon: Es ist so, dass es nie die Bands sind, die wir kennen, welche im selben Atemzug mit uns genannt werden, insofern tangiert es uns nicht wirklich.
Henrik: Und sowieso hängt bei der Musik enorm viel vom Hörer ab und wenn wir es schaffen, in einer Person ein Gefühl heraufzubeschwören, dass jenem einer anderen Band ähnlich ist, dann ist das gut für diese Person, es meint jedoch nicht, dass es zwingend für alle so sein muss. Nicht alle nehmen die Musik auf dieselbe Art und Weise wahr, es ist also schwierig, diese Frage zu beantworten.
Harald: Wir selbst vergleichen uns auch mit niemandem.
Henrik: Da hat er Recht. Und es gibt so viele Namen, die Journalisten mit uns in Verbindung bringen, dass es doch bedeutet, dass wir unseren eigenen Stil gefunden haben. Weißt du, was ich meine? Es gibt nicht nur eine Band, der wir laufend gegenübergestellt werden; es sind so viele, von denen Musik vielleicht ein ganz kleiner Teil einem ganz kleinen Teil unserer Musik ähnlich ist, daraus schliesse ich, dass wir unser eigenes Ding machen.

Up For You & I" war der erste europaweite Release - wie hat sich diese Tatsache bemerkbar gemacht? Abgesehen davon, dass ihr sicherlich von überall her Fanpost erhalten habt.
Harald: Das ist schon so. Es hat plötzlich viel mehr Mails gegeben. Ich bin derjenige, der sie alle liest.
Jede einzelne?
Harald: Ja.
Und beantwortest du sie alle?
Harald: Ich versuche es. Natürlich weiss ich, dass das alle sagen und dass niemand es macht, aber ich versuche es wirklich. Nur bleibt neben der Tour etc. so wenig Zeit dafür.
Sicher, ja. Das kann ich mir vorstellen.
Henrik: Interessant war, dass es, als wir „Up For You & I" herausbrachten, Leute gab, die unsere ganze Musik bloss mit unserem Land in Verbindung brachten. Ernsthaft, wir haben uns durch seitenlange Beschreibungen von Eis und Fjorden kämpfen müssen bei einigen der ersten Reviews. So was finden wir dann halt seltsam, weil wir beim Prozess des Musikmachens nie über solche Dinge nachdenken.
Lustig war auch, als ein paar Zeitungen behaupteten, wir kämen aus Finnland und sich die Rezensionen dann nur noch darum gedreht haben.
Halvor: Ausserdem sind wir aus Oslo - dort gibt es weder Fjords noch Berge. Es ist eben eine Grossstadt.
Henrik: Genau, wir leben alle in der Stadt, wir alle sind sehr urbane Menschen, insofern ist es wirklich unangebracht, unsere Musik ständig mit den Besonderheiten Norwegens in Verbindung zu setzen. Andererseits finden wir es gut, dass wir der norwegischen Musikszene so zu etwas mehr medialer Aufmerksamkeit verhelfen können. Es ist schön, Musik zu machen, die etwas kreiert, die etwas bewirkt.

Up For You & I" ist ja, nebst dem Titel des Albums, das etwas bewirkt hat, auch jenes Album, das ihr in einem Sommerhaus in der Nähe der schwedischen Grenze aufgenommen habt, wobei - wie ich gelesen habe - Unmengen an Bier und Schnaps involviert haben. Das hört sich ja sehr interessant an. (lacht)
Henrik: Das war es auch. (lacht) Wir haben es im Ferienhaus von Haralds Eltern produziert.
Harald: Ja, es befindet sich in der Nähe eines Fjords in Norwegen.
Natürlich tut es das. (lacht)
Harald: Alles, was Henrik zuvor über die Stadt und die Urbanität gesagt hat, stimmt nämlich überhaupt nicht. (lacht)
Henrik (sich verteidigend und wild herumfuchtelnd): Das ist doch kein Fjord! Das ist ein See. Aber es ist natürlich schon ein Sommerhaus, das weit von der Stadt entfernt liegt, also hat Harald schon ein wenig Recht. Diese Tatsache vermittelt eine spezielle Atmosphäre, das gebe ich zu.
Erzählt mir mehr über das ganze Szenario.
Harald: Die Arbeit umfasste die wärmste Zeit dieses Sommers, sodass wir tagsüber bloss am Strand herumhingen und nachts arbeiteten.
Jon: Ich denke, die Tatsache, dass wir es dort und auf diese Art aufgenommen haben, lässt „Up For You & I" homogen klingen. Weißt du, was ich meine? Die Atmosphäre, die uns während der Aufnahmen umgeben hat, zieht sich ausnahmslos von Anfang bis Ende durch und es gibt keinen Song, der dagegenhalten würde.
Genau so ist es, wirklich. Das habe ich mir während des Hörens auch gedacht.

In Ordnung. Nun hätte ich gerne, dass ihr mir ein paar Songs nennt, die keinesfalls in eurer Biographie fehlen dürften, weil sie euch viel bedeuten und weil sie in irgendeiner Weise beeinflusst haben, wer ihr seid und was ihr macht.
Harald: Meinst du damit unsere Songs?
Eigentlich nicht, aber wenn die Beschreibung auf einen der euren zutrifft, dann geht das selbstverständlich auch.
Harald: (lächelt) Nein, ist schon okay. Dann nehme ich „The Mercy Seat" von Nick Cave.
Oh, wow. Und weshalb?
Harald: Weil das das allererste Lied von Nick Cave ist, das ich gehört habe. Damit habe ich ihn sozusagen entdeckt.
Und du würdest sagen, dass Nick Cave dich beeinflusst hat?
Harald: Auf jeden Fall, ja. Ich bin ein grosser Fan von ihm. Zu diesem Lied gibt es noch zu sagen, dass ich es zum ersten Mal im Keller von Påls Eltern gehört habe. Es gibt bei dir doch sicherlich auch diesen einen Song, bei dem du dich an alles erinnerst, bei dem dir unmittelbar nach den ersten Sekunden einfällt, wie es war, als du ihn zum ersten Mal gehört hast, nicht?
Ja, das gibt es.
Harald: Nun, „The Mercy Seat" ist meiner. Ich weiss noch genau, was wir an diesem Tag gemacht haben, wie es in diesem Keller ausgesehen hat, was ich gedacht habe. Ich weiss alles noch. Und das macht das Lied für mich sehr speziell.
Schön gesagt. Wie sieht es bei euch Anderen aus?
Halvor: Meines ist „Be Forwarned" von einer Band namens Pentagram. Mit meiner anderen Band habe ich mir das Lied immer im Tourbus angehört und wir dachten: Das muss das beste Lied auf der ganzen Welt sein! (Jon nickt)
Henrik: Ich habe meines auch.
Alle Anderen: Kenny Rogers! (lachen)
Henrik: (lacht) Ja, den habe ich kurz in Erwägung gezogen. Tatsächlich ist es aber „Down By The River" von Neil Young. Das ist das eine Lied, ohne das ich nicht leben könnte.
Harald: Du musst wissen, dass wir dieses Spiel entwickelt haben, um uns während der langen Fahrten zu beschäftigen. Es geht so, dass jeder den Anderen einen Song vorspielt.
Henrik: Ja, genau. Und dann werden die Lieder von allen bewertet und so wird eine Rangliste erstellt. So kommen wir dazu, uns die Musik nicht bloss anzuhören, wir analysieren sie auch und lernen Neues kennen. Jedes Bandmitglied hat einen ganz eigenen Stil und so bringen wir uns diese Vorlieben etwas näher.
Wie vorbildlich.
Harald: (lächelt) Ja, das macht wirklich Spass.

Nun, meine Lieben, ist wohl definitiv die Zeit gekommen, euch zu gestehen, dass ich heute eine ganze Stunde damit verbracht habe, „Supergirl" wegen zu weinen. Ohne Witz; ich sass im Zug und konnte nicht mehr aufhören. (Alle sind gerührt.)
Ich finde also, dass ihr mir eine eher unbekannte Geschichte darüber erzählen solltet. Wenn möglich, etwas Trauriges, damit ich später einen Grund zum Weinen habe.
Jon: Wow, was für ein Kompliment. Um wieder auf eine deiner ersten Fragen zurückzukommen. (lächelt)
Henrik: Ja, allerdings. Nun, bei Fragen bezüglich der Lyrics solltest du Pål fragen, wenn er nachher herkommt.
Harald: Und er würde nicht antworten.
Henrik: Stimmt schon, es ist ziemlich schwierig, eine direkte Antwort von ihm zu kriegen, wenn es um die Texte geht. Aber, da keiner von uns ein Wort geschrieben hat, können wir dir dazu leider nicht viel sagen.
Vielleicht eine nette kleine Geschichte, die sich während der Aufnahmen ereignet hat?
Jon: Eigentlich wollten wir „Supergirl" auf „Up For You & I" nehmen, dann hat es aber irgendwie nicht gepasst und wir haben es seinlassen. Bei der Arbeit zu „Reasons To Hang Around" haben wir ihn dann wieder aufgenommen und ein wenig verändert.
Harald: Ausserdem ist es auch mein Lieblingslied von Minor Majority.
Ehrlich?
Harald: Ja. Ich kann dich also verstehen. Hast du gelesen, dass wir gerade einen Videoclip dazu produziert haben?
Ja, aber ich habe ihn noch nicht gesehen. Wo habt ihr ihn denn aufgenommen?
Harald: Das war letzten Winter in den Bergen. (lacht) Womit wir wieder bei der Sache mit der Natur wären.
Henrik: Aber es geht dabei ja nicht um die Berge, wir haben in diesem alten Hotel gedreht, wo alles so sehr im Stil der Siebziger eingerichtet ist. Das Video ist irgendwie seltsam, aber sehr, sehr cool.
Ist es online?
Harald: Das wird es bald sein. Halvor wird das in die Hand nehmen - unser Mr. Web.
Bitte, ja. Sorgt bitte dafür, dass ich es mir ansehen kann.
Harald: Das werde ich.
Prima, danke.

Habt ihr eigentlich je mit dem Gedanken gespielt, die Texte in eurer Muttersprache zu verfassen?
Jon: Das wäre wieder eine Frage für Pål, aber ich denke, dass keiner von uns hier damit zufrieden wäre, wenn unsere Lieder auf Norwegisch gesungen werden würden. Das hat auch damit zu tun, was wir selbst hören und das sind halt hauptsächlich englische Sachen.
Ausserdem ist es in seiner eigenen Sprache viel einfacher, sich wie ein Idiot anzuhören.
Das macht dich verletzbarer, weißt du?
Ja, sicher.
Henrik: Und Englisch ist ja sozusagen die Sprache der Popular Music, wieso sollten wir also eine andere verwenden, wenn wir jene nehmen können, in welcher wir uns die Musik auch am liebsten anhören?
Harald: Es wäre für uns, als würden wir etwas übersetzen, das eigentlich Englisch wäre.

Ihr leistet täglich unglaublich viel auf und hinter der Bühne - kommt es auch vor, dass ihr euch leer fühlt? Dass ihr nach einer Show das Gefühl habt, alles gegeben zu haben und dass nichts mehr bleibt?
Harald: Für mich ist es eher umgekehrt. Nach einem Auftritt halte ich es beispielsweise für unmöglich, ins Bett zu gehen.
Was tust du denn stattdessen nach einem Konzert?
Harald: Nun, ich trinke viel Bier, sitze im Backstagebereich herum oder unterhalte mich mit den Besuchern. Früher habe ich ab und an probiert, gleich nach dem Gig zu Bett zu gehen.
Und es hat nicht funktioniert?
Harald: Es ist schlicht undurchführbar.
Henrik: Vieles hängt aber auch vom Auftritt ab, weisst Du? Er entscheidet darüber, wie du dich hinterher fühlst und wofür du dich noch in der Lage siehst. Entweder geht es dir so gut, dass du eine Zeit brauchst, um wieder auf den Boden zu kommen, oder, du bist extrem müde und erschöpft, jedoch nicht imstande, einschlafen zu können. Das von Harald erwähnte Biertrinken ist in beiden Fällen eine gute Lösung, nur garantiert es kein langes,
gesundes Leben, insofern ist es von einem gewissen Punkt an nötig, sich eine Alternative dazu zu überlegen.
Jon: Oft ist es auch so, dass man vor der Show so müde ist, dass man nur noch ins Bett will, aber dann, kaum ist man auf der Bühne, ist man wieder hellwach und an Schlaf ist überhaupt nicht mehr zu danken.
Halvor: Du musst dir das so vorstellen: Morgens müssen wir früh aufstehen. So früh, dass wir uns schon wieder darauf freuen, abends ins Bett zu sinken. Nur klappt das nach einem Konzert nicht, wie bereits erwähnt. Dann vertreiben wir uns bis ungefähr drei Uhr nachts die Zeit, um dann am nächsten Morgen wieder früh aufzustehen. Wofür wir uns dann meist hassen.
Dann kommt jetzt eine etwas schwierigere Frage: Was bietet ihr euren Fans, das sie sonst nirgends bekommen?
Jon: Ich finde, dass Pål sehr gut schreibt.
Henrik: Ja, so sehe ich das auch. Und ich habe einen Freund, er ist 20 Jahre älter als ich und im Grunde nicht so sehr an Popmusik interessiert, jedoch ist er jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wenn ich ihm etwas von uns vorspiele. Er sagt, dass es Musik mit Detail ist. Dass es schlichtweg unmöglich ist, gedanklich abzudriften oder sich dabei zu langweilen, weil immer, wenn es dazu kommen könnte, ein neues Instrument einsetzt - eine Violine oder etwas Anderes - dass deine Aufmerksamkeit aufs Neue einfängt. Ich weiss nicht, ob wir unsere Lieder absichtlich so konstruieren, aber es ist auf jeden Fall eine gute Sache.
Halvor: Ich schätze, wir sind recht gut darin, komplizierte Musik einfach scheinen zu lassen.
Henrik & Jon: Oder umgekehrt. (Alle lachen)
Das wollte ich auch gerade sagen. (lacht)
Henrik: Das mag wo anders zu finden sein, aber nicht allzu oft, nehme ich an.
Harald: Um erneut auf deine Frage bezüglich der schönsten Komplimente zurückzukommen: Vor einiger Zeit haben meine Mutter und ich uns im Auto gestritten. Es ging hauptsächlich darum, dass sie die Meinung vertrat, dass man nicht von der Musik leben kann und dass ich mich verteidigt habe, was ich tue und was ich liebe. (lächelt) Das Radio war an und plötzlich hörte ich die ersten Takte eines unserer Songs aufklingen, also wies ich meine Mutter darauf hin, dass es das ist, worüber wir gerade diskutieren. Ihr einziger Kommentar war, ganz hingerissen: „Das ist von euch?" Nachher hat sie nie wieder davon angefangen, dass die Musik nichts bringt.
Das will ich auch hoffen. (lacht)

Was ich auch immer sehr interessant finde: Würdet ihr eure Positionen als Musiker dafür nutzen, eine Frau für euch zu gewinnen? Im Sinne einer grossen Geste auf der Bühne vielleicht?
Henrik: Um eine bestimmte Frau für mich zu gewinnen?
Ja.
Henrik: Niemals. Das würde ich niemals tun.
Weshalb nicht?
Henrik: Für mich macht das einfach keinen Sinn. Ich meine, es ist auch für uns Arbeit, auf der Bühne zu stehen.
Ja, natürlich. Darum geht es auch gar nicht.
Henrik: Nein, weisst Du, ich bin der Typ, der Beruf und Privates sehr ungern miteinander in Verbindung bringt. Aber vielleicht würden die Anderen das ja tun. (blickt auffordernd in die Runde) Harald? (lacht)
Harald: Ich verstehe die Frage nicht.
Nun, wärst du bereit, einen Stage Dive hinzulegen, um eine Frau zu beeindrucken?
Harald (lacht verlegen): Ich weiss es nicht. Ich meine, nein, ich weiss es nicht. (überlegt) Ach, ich weiss es nicht. (Henrik lacht)
Henrik (murmelnd): Er würde.
Jon: Ich würde es auch nicht tun. Vielleicht, wenn eine ganz, ganz spezielle Situation es erfordern würde. Generell aber eher nicht.
Henrik: Bevor du uns aber für immer abschreibst: Pal ist sehr für solche Aktionen, er wäre also definitiv dabei bei so etwas.
Wäre er das?
Henrik: Ja, auf jeden Fall.
Prima. Wenigstens einer von euch.

Okay, lassen wir das. Letzten Sommer war ich in Berlin, seid ihr dort auch schon aufgetreten?
Jon: Ja, ein paar Mal sogar.
Hat es euch gefallen? (Jon überlegt) Sagt jetzt nichts Falsches.
Jon (sehr diplomatisch): Weisst du, es ist einfach so, dass wir in kleineren Städten meist viel die besseren Shows haben.
Harald: Allerdings, ja. Wir haben bisher dreimal in Berlin gespielt und waren jedes einzelne Mal ziemlich unglücklich über den Auftritt.
Henrik: Es ist so schwierig, alle Bewohner Berlins wissen zu lassen, wo was läuft, weil die Stadt so gross und weil dort so viel los ist. Bei unserem letzten Konzert dort waren im Publikum ungefähr 50 Leute.
Harald: Was uns ja prinzipiell nicht stören würde, bloss haben wir hinterher in einer Bar ein paar Norweger getroffen, die keine Ahnung von unserem Auftritt hatten und dann sehr enttäuscht darüber waren, ihn verpasst zu haben.
Henrik: Versteh uns aber nicht falsch, es ist eine wunderschöne Stadt.
Harald: Bei diesem bereits erwähnten letzten Auftritt - im Frannz war das - war die Atmosphäre auch wirklich magisch. Abgesehen davon, dass zwei Mädchen im Publikum waren, die die ganze Strecke von Norwegen nach Deutschland zurückgelegt haben, nur um uns spielen zu sehen. Was uns generell gefreut hätte, wären die Beiden nicht schrecklich betrunken gewesen. (Alle lachen)
Halvor: Oh ja, die haben vielleicht genervt.
Harald: Das war schon schade. Ständig haben sie gebrüllt: „Spielt diesen Song!" Oder: „Diesen Song nochmals!" Ich meine, so etwas geht einfach nicht.
Oh nein, wie schlimm. Obwohl ich das natürlich heute Abend auch tun werde. (lacht)
Harald: Ich glaube nicht, dass du so etwas tun würdest. (lacht) Oh je, das war wirklich schlimm. Aber wir konnten sie nicht darum bitten, uns in Ruhe zu lassen, weil sie doch den ganzen Weg von Norwegen her gereist sind.
Höflich und respektvoll seid ihr also auch noch. (lacht)
Halvor: Klar. (lächelt) Eine der Beiden haben wir hinterher auf der Treppe des Frannz schlafend vorgefunden. Und die Andere fiel während des Konzerts in Ohnmacht. (lacht)
Und das alles euretwegen.
Harald: Ja. (lächelt) Weißt du, generell mögen wir den direkten Kontakt zu unseren Fans sehr gerne, aber diese Mädchen waren so schrecklich aufdringlich und konnten es auch nicht verstehen, dass wir nichts mit ihnen zu tun haben wollten. (spricht eine Oktave höher) „Aber wir sind so weit gefahren!" (Alle lachen)
Oh je, das ist wirklich schlimm.

Nun, worauf ich eigentlich hinaus wollte: In Berlin haben wir eine wirklich tolle Zeit verbracht und sehr, sehr verrückte Dinge getan. Dazu haben wir uns, wie erwähnt, eure Musik angehört. Jetzt würde ich gerne wissen, was denn die verrücktesten Dinge sind, die ihr je gemacht habt.
Jon: Die allerverrückteste Sache?
Genau. Enttäuscht mich jetzt nicht.
Henrik: Ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich habe zu viele solcher Dinge hinter mir, als dass ich jetzt eines auswählen könnte.
Jon: Beziehst du das denn auf die Tour?
Nein, eher generell auf das Leben.
Harald: Ich mag es, Dinge zu tun, vor denen ich Angst habe. Klettern beispielsweise. Ich bin ein richtiger Alpinist. Womit ein für alle Mal bewiesen wäre, dass wir mit Urbanität nichts am Hut haben. (lacht)
Henrik (lacht): Ich glaube, wir werden dich enttäuschen, weil wir solche Langweiler sind.
Sieht so aus. (lacht) Nein, das ist doch kein Problem. Lasst es uns dabei belassen.
Henrik: Falls uns aber noch etwas einfällt, und ich bin sicher, dass das passieren wird, so langweilig sind wir nämlich auch nicht, rufen wir dich an, in Ordnung?
Prima, tut das.

So, ihr Lieben, damit wären wir auch beim Ende angelangt. Herzlichen Dank für eure Zeit und für das Gespräch. Damit ihr mich nicht vergesst, habe ich euch auch Schweizer Schokolade mitgebracht.
Harald: Wow! Dankeschön! Und: Keine Sorge, wir vergessen dich nicht.
Henrik: Vielen Dank. Die essen wir morgen im Bus.
Ja, macht das. Während eurer Songcontests.
Harald (lacht): Genau.

> Hören und Kaufen > Rezension des aktuellen Albums > Offizielle Webseite

Foto: Nadja El Kinani


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