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Interview mit Sons & Daughters

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von Nadja El Kinani am Dienstag, 22. November 2005 in Interviews   
Interview mit Ailidh Lennon und Dave Gow, einem Zweitel der Sons & Daughters - 17.11.05 - Mascotte Zürich (-> siehe dazu auch die Rezension zum Album "The Repulsion Box")
Junge Band sucht Stalker für lange Spaziergänge am Strand.
Ailidh Lennon und Dave Gow erzählen düstere und dennoch optimistische Glasgower Geschichten.

Wie geht es euch? Ihr wirkt überhaupt nicht müde.
Dave: Findest du? Ich bin nämlich sehr, sehr müde.
Ailidh: Ich auch. Aber sonst geht es mir gut, danke. Wie geht es dir?

Das freut mich. Mir geht es auch gut, vielen Dank. Ich habe gesehen, dass ihr gestern einen Auftritt in München hattet. Wie war es?

Dave: Ziemlich gut. Wir haben letztes Jahr schon einmal dort gespielt und es war irgendwie schön, wieder dorthin zu kommen.

Also hat euch die Tour bis jetzt gefallen?

Dave: Ja, sehr.
Ailidh: Mir auch. Wir waren ja lange in den Staaten und haben dort Konzerte gegeben, aber es ist cool, wieder nach Europa zurückzukehren.

Gab es einen Auftritt oder einen sonstigen besonderen Moment, der euch noch lange in Erinnerung bleiben wird?
Dave: Schwierig zu sagen. Es gab eine Menge guter Shows, aber spontan würde ich jetzt den Gig mit Bright Eyes nennen.
Toll, ich liebe Bright Eyes!
Dave: Ja, das war wirklich sehr, sehr cool. Ansonsten haben mir die Auftritte in Seattle und Kalifornien gefallen. Es war echt sehr nett dort.
Ailidh: Wir hatten ja in den Staaten auch ein paar unserer eigenen Auftritte, beispielsweise in New York. Ich glaube, das war mein persönliches Highlight. Es war grossartig, in dieser bezaubernden Stadt spielen zu dürfen.
Dave: Stimmt, das hat mir auch gefallen. Wie auch die Shows mit Franz Ferdinand.
Die ja bekanntermassen grosse Fans von euch sind.
Dave: Das beruht auf Gegenseitigkeit, es sind wirklich gute Jungs.

Ailidh, du hast es eben angesprochen, ihr wart zuvor in den Staaten. Inwiefern unterscheiden sich die Shows dort von denen in Europa? Gibt es überhaupt Unterschiede?

Dave: Schon, ja. Man hat gemerkt, dass es nicht unser eigenes Publikum war.
Was macht euer eigenes Publikum aus?
Dave: Das sind einfach grosse, grosse Musikfans. Unsere Menge ist enthusiastisch und tanzt immer. Wie sind unsere Fans hierzulande? Tanzen sie?
Ich schätze schon. Es kommt auf euch und eure Musik an.
Dave (lacht): Ich hoffe es.

Ich glaube, da musst du dir keine Sorgen machen. Ich meine, ihr habt einen unglaublich grossen Schritt vorwärts gemacht, ihr habt den Durchbruch geschafft.
Dave: Haben wir das?
Meinen Freunden zufolge schon, ja. Meint ihr, diese Tatsache hat euch beeinflusst? Euer Wesen? Eure Musik?
Dave: Nein, nicht wirklich. Ich meine, wir touren ständig. Wir haben mehr Auftritte, sind mehr unterwegs. Aber sonst... nein. Wir werden auch nur sehr selten in Supermärkten erkannt.
Gibt es denn andere dunkle Seiten von Ruhm & Popularität? Habt ihr beispielsweise Stalker?
Ailidh: Nein, ich nicht. Dave, hast du einen Stalker?
Dave: Nein, ich habe auch keinen.
Möchtest Du einen? Ich könnte euch welche organisieren, kein Problem. (Alle lachen)
Dave: Eine nette, kleine Gruppe subtiler Stalker wäre nicht schlecht.

Ich werde sehen, was ich tun kann. Kommen wir aber erst einmal auf euren Namen zu sprechen. Er bezieht sich ja auf Bob Dylans wunderbaren Song „The Times They Are A-Changin’“, aber inwiefern repräsentiert er die Band?
Dave: Ich denke, es ist ein sehr ehrlicher Name. Und wir sind eine ehrliche Band. Wir sind da, wir sind real. Keine Spur von diesem überheblichen, glamourösen und luxuriösen Getue.
Ach, vermutlich habt ihr deswegen keine Stalker.
Dave (lacht): Das ist sehr gut möglich, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.
Ailidh: Und es bedeutet auch, dass wir die nächste Generation sind. Nicht nur wir als Band, sondern alle Söhne und Töchter.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr die Band gegründet habt? Ich meine, ich kenne eure Entstehungsgeschichte, aber mich interessiert, ob es schon immer euer Wunsch war, Musik zu machen oder ob es ein Zufall war. Ein glücklicher Zufall.
Dave: Naja, wir waren natürlich alle grosse Musikfans. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, keiner zu sein.
Ailidh: Und irgendwie will doch jeder, der jung ist und die Musik liebt, in einer Band spielen, das kannst du dir sicherlich vorstellen.
Dave: Ausserdem ist es besser, als einen richtigen Job zu haben. (lacht)

Also könnt ihr euch nicht vorstellen, etwas Anderes zu tun? Zu unterrichten oder so?
Dave: Unterrichten wäre gut. Ich meine, wir werden das nicht ewig tun können. Eines Tages werden wir uns der Realität stellen müssen. Ich denke, wir wären gute Lehrer.
Ailidh (mit dem Finger auf fiktive Schüler zeigend): Strafe! Strafe! Strafe! (Alle lachen)
Dave (die Stimme anhebend): Du fliegst von der Schule!
Ja, ich sehe schon, ihr wärt fantastische Lehrer. (Erneut lachen alle)

So, ihr seid aus Schottland. Wie würdet ihr die dort vorherrschende Musikszene beschreiben?
Dave: Sie ist der in London sehr, sehr ähnlich. Es gibt viele Musikfans, viele Konzerte, sehr viele grossartige Bands. Ich meine, die meisten Bands, die du nach der besten Stadt überhaupt fragst, nennen Glasgow. Dort gibt es einfach diese gewisse „Roadiness“, weisst du? Die Leute sind so besessen von der Musik, das ist unglaublich. Es ist immer wieder schön, dorthin zurückzukehren.
Das kann ich mir vorstellen. Ihr müsst ja so was wie Helden für die Glasgower sein. Lokale Helden.
Dave (lacht): Lokale Helden. Gut gesagt.
Vielen Dank. Wie Du bereits erwähnt hast, Dave, gibt es viele Bands dort. Würdest du sagen, dass es einfach für eine Band ist, berühmt zu werden? Oder müssen sie wirklich um Ansehen kämpfen in diesem Pool von tollen Bands?
Ailidh: Es ist einfach, seine eigene Show zu kriegen, aber von einem Vertrag ist man auch dann noch meilenweit entfernt. Dieses ganze Industrieding ist eher in London platziert.

In Ordnung. Ich hab mich bei diversen Bekannten bezüglich eurer Musik umgehört und bin dabei auf verschiedene Vergleiche gestossen. The Smiths wurden beispielsweise genannt, wie auch PJ Harvey und – es tut mir leid, euch das sagen zu müssen – The Donnas.

Dave: The Donnas?
Ja, tut mir leid.
Dave (zur Tür zeigend, wo die Schweizer Supportband, The Delilahs, gerade den Soundcheck beendet): DAS sind die Donnas.  
Ailidh: Ansonsten gibt es da schon Elemente. Ich meine, die Smiths haben uns inspiriert, PJ Harvey finden wir auch toll.
Verständlicherweise. Gibt es eine andere Band, mit der ihr gerne verglichen werden würdet?
Ailidh: Keine besondere Band, nein. Es sind die kleinen Dinge, die Atmosphäre, die eine Band kreiert, die kleinen Fehler, die es spannend machen. Insofern gibt es verschiedene Musiker, aber keinen einzigen, besonderen, mit dem ich mich vergleichen lassen wollen würde.
Dave: Hinzu kommt, dass wir auch von Anfang an gesagt haben, dass wir niemanden kopieren wollen. Das ist uns sehr wichtig. Dass man nicht sagen kann: „Sons & Daughters klingen wie …“.

Es gibt also spezielle Momente, die euch faszinieren. Was noch? Ich hab zum Beispiel gelesen, dass ihr von Nina Simones Verhalten auf der Bühne sehr inspiriert wart. Gibt es noch mehr solcher Dinge?
Ailidh: Ja, klar. Filme, Bücher, Städte – alles Mögliche. All diese Dinge können für einen Moment beeinflussen, was du tust und wie du es machst. Es gibt Sachen, die wir alle cool finden und die uns helfen, unsere Musik dazu zu machen, was sie eben ist.
Was mögt ihr denn alle?
Dave: Johnny Cash. Wir alle lieben Johnny Cash.

(In diesem Moment betritt eine Frau, ungefähr zehn Pizzaschachteln auf dem Arm balancierend, den Raum.)

Dave: Und wir alle lieben Pizza. (lacht)

Alles klar. Um auf den Albumtitel „The Repulsion Box“, zu sprechen zu kommen: Könnt ihr mir erklären, was ihr damit meint? Und inwiefern dieser Titel die Songs, die darauf zu finden sind, beschreibt?

Dave: Es hat mit Klaustrophobie zu tun. Mit der Büchse der Pandora. Mit all diesen hässlichen Dingen, die man zu verstecken versucht hat, die aber irgendwann ans Licht kommen.

In diesem Falle wären das ja dann eure Songs. Ihr singt von Frauen, die nicht zu ihrer eigenen Hochzeit erscheinen und von Männern, die ihre Ehefrauen in der Badewanne ermorden. Generell gesagt, handelt es sich meist um nicht funktionierende Beziehungen. Ist dies das Thema, das euch am meisten auf dem Herzen liegt?

Dave: Exakt. Es ist doch so, dass wir alle von einer Beziehung kommen…
...und im Begriff sind, zur nächsten überzugehen.
Dave: Und zur nächsten gehen, genau. Liebe und Beziehungen sind einfach ständig um uns. Das betrifft uns alle.

Trotz dieses schönen, gefühlvollen Themas, sind eure Lieder sehr aggressiv. Es macht den Anschein, als wolltet ihr den Hörer dazu zwingen, euch zuzuhören. Aber was sagt ihr denn eigentlich? Welche ist die Hauptaussage der „Repulsion Box“?
Dave: Es ist eine Erzählung. Eigentlich erzählen wir Puzzleteile, die sich um 2 Personen drehen. Es ist abstrakt, aber es ist eine Geschichte. Jedoch ist sie nicht in chronologischer Reihenfolge auf dem Album vorzufinden. Es gibt einen Anfang und ein Ende, aber kein wirkliches Konzept. Es liegt an Dir, den Start und das Finale zu finden.
Du sagst mir also nicht, wo es beginnt?
Ich könnte es dir nicht sagen, weil ich es nicht weiss.

OK. Dann werde ich an meiner persönlichen Reihenfolge festhalten.
Nun, auf dem Album sind nur schnelle Lieder vorzufinden, die sich prima für die Tanzfläche eignen. Ist es das, was ihr erreichen wollt? Die Leute zum Tanzen zu bringen?

Dave: Ja, so ist es. Das ist ein Relikt aus den Anfängen unserer Karriere. Wir hatten nicht so viel Selbstvertrauen, aber je mehr wir gespielt haben, desto energiegeladener waren wir und somit auch unser Sound. Die Leute haben mehr getanzt und uns somit den Input für eine super Show gegeben.
Es geht euch also eher darum, die Leute zum Tanzen und Feiern zu bewegen, als ihnen eine Botschaft zu senden?
Dave: Ja, definitiv.
Das ist toll. Wirklich. Sonst wollen alle immer nur wichtige, ernste Mitteilungen loswerden. (lacht) Schön, dass ihr so ehrlich zugeben könnt, dass das nicht in eurem Sinne steht.
Dave (lacht): Danke.

Dann hätten wir somit auch den seriösen Frageteil beendet und kommen einer etwas weniger wichtigen, dafür umso vergnüglicheren Frage. Welches war das letzte Konzert, das ihr besucht habt?
Dave (an Ailidh gewandt): Wir waren an keinem Konzert in Amerika, oder?
Ailidh: Doch, wir waren bei Neil Young. Das war grossartig. Und bei Bright Eyes.
Ailidh, hast du einen Lieblings-Bright Eyes-Song?
Ailidh: Ich bin nicht wirklich ein massiver Fan, ich schätze und respektiere einfach, was sie machen. Aber spontan fällt mir „Sunrise, Sunset“ ein, das Lied gefällt mir sehr.
Dave: Desalvo. Das ist die Band, bei deren Konzert ich vor ein paar Tagen war. Eine schottische hardcore-metal Band. Es war sehr, sehr cool.

Wie sehen die Pläne für eure Zukunft aus? Mehr Pizza?
Dave: Mehr Pizza, definitiv. Dann die Show. (lacht) Nein, wir werden weiter touren. Nach Australien gehen. Und nächstes Jahr werden wir sicherlich wieder in die Schweiz kommen.

Darauf freue ich mich jetzt schon. Dann will ich euch jetzt auch nicht mehr vom Essen abhalten. Vielen, vielen Dank für das Interview und viel Spass bei eurem Auftritt.
Ailidh: Danke, den werden wir haben. Du bleibst doch und siehst dir die Show an, oder?
Ja, natürlich.
Dave: Gut so. Danke und viel Vergnügen!



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