Impressionen
vom zweiten Tag des ausverkauften B-Sides-Festivals, unter anderem mit
Gurzuf, Disco Doom, Benni Hemm Hemm und Bulbul.
Bei perfektem Wetter brachte die tolle Standseilbahn zuverlässig die vielen musikbegeisterten jungen Menschen direkt vor das Festivalgelände mit der wunderbaren Aussicht. Alles war bestens organisiert, vom rigorosen Abfallkonzept bis zum überschaubaren Zeltplatz. Der kleine Rahmen, in dem das B-Sides Festival stattfindet, macht auch einen Teil von dessen Reiz aus. Kein übertriebenes Anstehen bei Toiletten und Food-Ständen, alles läuft nach dem Motto "klein, aber fein". Die prächtig bemalte und dekorierte Infrastruktur zeugte von viel Arbeit und Freude am Detail.
Die Verpflegungsstände kamen völlig ohne Open Air-typische Standards wie Pommes Frites oder Pizza aus, die Preise waren günstig, das Essen lecker.
Auch das musikalische Programm war mit viel Liebe zusammengestellt und bot diverse Highlights:
El Ritschi oder Jolly And The Flytrap:
Der zur Festival-Institution erkorene Ritschi trat mit der ganzen Band an um den zweiten Festivaltag musikalisch zu eröffnen. Ich kam gerade noch rechtzeitig auf das Gelände, um dies festzustellen. Dommage...
Musica da Cucina:
Von ferne klang der schüchterne Italiener ziemlich unspektakulär. Dieser Eindruck kehrte allerdings völlig, wenn man sich die Zeit nahm und beobachtete wie mit enormem Einfallsreichtum und beachtlicher Präzision Küchengeräte als Musik- und Perkussionsinstrumente eingesetzt wurden. Ein tolles Konzert.
Gurzuf:
Das Duo aus Weissrussland wusste bereits

durch die ungewohnte Instrumentierung die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auf Gesang wurde verzichtet, der Sound der Band beschränkt sich auf Akkordeon und Schlagzeug. Obwohl alle Register gezogen wurden, kommt mir zwischendurch der Gedanke, dass mit einem Bass oder einer etwas erweiterten Besetzung die Durschlagskraft von Gurzuf live wohl noch erhöht werden könnte. Dafür übertraf am ganzen Abend wohl niemand mehr die charismatische Bühnenpräsenz von den Belarussen. Wie doch so eine Handorgel rocken kann!
Love Of Everything:
Das Duo aus Chicago konnte mich leider nur für die bescheidene Dauer von einem Schluck Bier vor der Bühne halten.
Beehover:
Da waren mir die beiden Deutschen von Beehover viel lieber: Wiederum ein Duo, diesmal aber als laute Variante, mit Bass und Schlagzeug. Kräftige Riffs und abwechslungsreiche Rhythmik, sympathische Ausstrahlung und lupenreiner Sound überzeugten meine Erwartungen dieser Band voll und ganz.

Generell war für mich der Nachmittag zu stark mit Bands besetzt, die durch die reduzierte Besetzung (Ein-Mann-Bands und Duos) ein eingeschränktes Klangerlebnis boten. Loops verschaffen da keine Abwechslungs, im Gegenteil, man kommt sich eingeleiert vor. Alles schön und gut, aber viel leicht etwas zu gebündelt.
Disco Doom:
Entsprechend war ich erleichtert, als endlich eine vollzählige Band mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang auf die Zeltbühne trat. Die Winterthurer Indie-Rocker legten den Fokus auf das eben erschienene Album Dream Electric und boten eingängige, teils mittreissende Songs, bei denen mir die fein abgestimmten Sounds der Instrumente besonders auffielen. Zufall oder über die Jahre hinweg elaboriert? Egal, die Wirkung war toll.
Benni Hemm Hemm:
Die Spielzeit (21:10) fiel in die Dämmerung, was zu den teils sehnsüchtigen Songs der Nordländer hervorragend passte. Licht und Nebel kamen erstmals an diesem Tag so richtig zur Geltung und auch das Festivalgelände bezauberte die mittlerweile stark angewachsene Zuschauermenge, so dass die Band nicht ohne Zugaben ziehen gelassen wurde.
Aucan:
Diese junge Band ist meine Entdeckung des Open Airs. Obwohl ich nur noch einen Bruchteil des Konzerts mitverfolgen konnte, war ich sowohl von den musikalischen Fertigkeiten, als auch von der präzisen Umsetzung völlig begeistert. Die Mehrheit des Publikums schien gleichermassen fasziniert, kaum eine Lücke tat sich auf, um einen Blick auf die konzentrierten Musiker zu erheischen. Beeindruckend!
Antipop Consortium:
Die New Yorker machten Musik, die ich mir leider nur aus der Ferne anhören mochte. Irgendwie konnte ich mich nach dem Konzert von Aucan partout nicht für den Hip Hop der Amerikaner erwärmen.
Bulbul:
Um so mehr habe ich mich auf Bulbul gefreut. Wie erwartet, zeigten sich die Österreicher sehr spielfreudig und erwiesen sich auch bei den Ansagen als witzige Zeitgenossen. Bei dieser Band fasziniert mich immer wieder die Kombination von Bass und Schlagzeug, die dermassen solid ist, dass auch völlig freie Gitarreneinsätze richtig solid eingebunden sind. Eine Trio, welches dieses Konzept perfektioniert hat, sind Primus – was durchaus als riesiges Kompliment gemeint ist. Bulbul waren mit ihren schrägen, schweisstreibenden Songs ein würdiger Abschluss dieses abwechslungreichen Konzerttages.

Im Anschluss legte
DJ Fett noch „gute alte Musik“ auf – fast ausschliesslich Klassiker, die ein jeder kennt und dennoch wohl nur die wenigsten Leute Interpret und Titel beim Namen nennen könnten. Auf jeden Fall war es toll zu beobachten, wie der Kult-DJ zur frühen Morgenstunde nochmals die letzten Reserven der Tanzenden aktivieren konnte.