Freitag, 15. Juni:
Der kleine Hügel namens Sonnenberg bei Kriens ist bekannt für seinen
Vita-Parcours, seine schönen Grillplätze und einer einmaligen Aussicht
auf die Alpen und Luzern. Was würde also besser da rauf passen als ein
Openair? Das B-Sides ist ein junger, kleiner und vor allem alternativer
Anlass für ein anspruchsvolles Publikum mit Vorliebe für die kleinen,
aber feinen Namen des Pop/Rock/Electro-Kosmos.
Ich trudelte am Freitag so gegen 18.00 auf dem Hügel ein und war sogleich erstaunt, was das OK da auf den Kiesplatz unterhalb des Spielplatzes (zumindest jeder Krienser sollte nun wissen, wo genau das Ding über die Bühne ging) gezaubert hat. Zwei sieben Meter hohe (Aussichts-) Türme, eine grosse Hauptbühne, eine sympathisch kleine Zeltbühne, sowie verschiedene Tipis und Zelte verliehen dem Ort einen gewissen Pfadilager-Charme.
Obwohl erst ein paar wetterfeste Nasen anwesend waren, polterte der Luzerner
Jotta los. Ein verzerrtes Schlagzeug, ein paar Effekte und ein stimmgewaltiger Jotta (alias Javier Turino) spielten energetischen Elektrorock/Industrial. Kurz, aber heftig.
In ähnlicher Manier starteten gleich darauf
Unhold aus Meiringen auf der Hauptbühne durch. Diese trieben’s gar noch ein Stück härter als Jotta, Death Metal oder Noise Rock nennt man diesen organisierten Krach. War gut, vielleicht ein bisschen zu früh am Abend für solch dicke Post.
Weiter ging’s mit
Sigurd. Die Lausanner (früher als Chevy unterwegs) gehörten zu meinen heimlichen Favoriten des Anlasses, läuft ihre Platte „Doppelgänger“ doch regelmässig chez moi. Entsprechend gespannt verfolgte man ihren Auftritt. Ausgestattet mit effektvoller Gitarre und Schlagzeug schmissen sie dem Publikum ihre eigensinnige Mischung aus Postrock und Indie um die Ohren. Es wurde viel gespielt, wenig, jedoch gut gesungen (stimmlich bei Placebo) und kräftig gerockt.
Kutti MC brachte anschliessend einen ersten, jedoch milden Stilbruch auf die Hauptbühne. Mit dreiköpfiger Band zappelte dieser quer durchs Publikum und entlockte mir das eine oder andere Schmunzeln. Hip Hop muss bei mir normalerweise schwer unten durch, doch was Kutti an Wortwitz bzw. –akrobatik bietet, hat mein Bild von diesem Genre (auch dank der guten Band) doch verbessert. Wenn Hip Hop, dann Kutti MC. Die unterhaltsamen Ansagen, die klugen Texte, die gelungene Performance, sowie der Gassenhauer ’Alternative Motherfuckers’ zeugen vom grossen Können des Buchautors.
Während einer leckeren Bratwurst wurde ich dann plötzlich mit ’Hey, du bisch doch dr Gautschi, könnsch mi no?’ angesprochen. Der freundlich Fragende gab sich als Felix Hohler zu erkennen, er spiele zwischenzeitlich bei der Band
Das Pferd und trete jetzt dann gleich auf. Tatsächlich habe ich mit Felix ein ganzes Jahr im Alpenquai die Schulbank gedrückt und kann mich nur noch scheu an einzelne mehr oder minder idiotische, jedenfalls schon damals spassige Aktionen des Baslers erinnern. Dann also Das Pferd. Zwei Spasskanonen die gerne Schinken, Ei und andere, vielleicht nicht ganz so gesunde Leckereien konsumieren, brachten mittels Schlagzeug, Piano und Synthie eine höllisch abgehende Mischung aus Elektro, Disco, Drum’n’Bass und Ravepunk auf die Zeltbühne. Erstmals steppte der Bär so richtig. Hätte die Musikanlage auf der Zelbühne etwas mehr Zupf gehabt, wär’s wohl noch um Einiges mehr abgegangen. Neben ’Hemmige’ von Mani Matter, wurde auch Aguileras ’Beautiful’ mit herrlichem Wort-und Spielwitz interpretiert, bzw. durch den Schlamm gezogen („Mer ässed z’Mettag, no matter what they say…“). Das Pferd war wahrscheinlich nicht nur mein persönlicher Höhepunkt dieses Freitags. Spasselektro, vor Sinn strotzende Ansagen (your father is a motherfucker…), zwei junge Bühnensäue und ab ging die Post. Eine Rezension ihrer Platte ’Schinken & Ei’ folgt in Kürze auf dieser Seite.
Rainer Von Vielen schloss den Abend dann schnell, deutsch und intelligent ab. Es wurde wieder gerappt, was mich erstaunlicherweise zum zweiten Mal kaum störte. Ich hab was von den Fantastischen Vieren oder Seeed rausgehört. Gekonnt mischte Rainer Hip Hop mit Rock, Funk, Elektro und jenseitigen Samples. Die Mischung kam jedenfalls an. Das Bier ebenfalls, entsprechend zügig stolperte ich den Hang runter, um mich für den Samstag zu erholen.
Samstag 16. Juni:
Nach einer nicht übertrieben langen Nacht im Zelt, machte ich von der Annehmlichkeit Gebrauch, im Personalhaus des Hotels Sonnenberg für drei Franken zu duschen – herrlich! Solche vermeintlichen Kleinigkeiten machen genau den Unterschied – Kompliment ans B-Sides Organisationsteam.
Um 14:00 beginnt das Musikprogramm vom zweiten Tag: El Ritchie, besser bekannt als Sänger der Band
Jolly And The Fly Trap, unterhält bei sommerlichen Temperaturen die noch nicht allzu zahlreich erschienenen Zuschauer hervorragend. Schwierig zu sagen, ob die Songs oder die Geschichten dazu witziger waren, auf jeden Fall war es ein gut gewählter Auftakt und man sah weit und breit nur freundlich grinsende Gesichter.
Die Luzerner Punkrock-Urgesteine
Möped Lads knallten dem spärlichen Publikum als erster Act auf der Hauptbühne ihre Antiweissderteufelwasalles-Hymnen vor den Latz. Sound und Erscheinungsbild auf der Bühne waren OK, respektive bemüht. Über die drei Akkorde ihrer Musik gibt es entsprechend wenig zu sagen, aber sie haben gespielt und sich dabei ins Zeug gelegt.
Beim Auftritt von
Bonjour Madame, der vielversprechend anfing und gemäss Zeugenaussagen auch weiterhin sehr ansprechend verlief, wurden wir ::exit.music::-Schreiberlinge zum Interview mit Rumplestitchkin gebeten auch dieses darf man sich in naher Zukunft gerne auf dieser Seite zu Gemüte führen.
Marygold hatten endlich mal ein bisschen mehr Zuhörer und zogen die Aufmerksamkeit aller Neuankömmlinge auf dem Gelände magnetisch auf die Bühne an. Der Sound war klar und insbesondere das Schlagzeug hatte enorme Durchschlagskraft. Mit Heimvorteil und dem Superalbum „Dare Dare Surrender“ im Gepäck, konnte eigentlich nichts schief gehen. Dazu kam die charismatische Bühnenpräsenz von Philipe Burrell – von dessen spastischem Gezappel könnte sich Joe Cocker eine Scheibe abschneiden – das soll ein Kompliment sein.
Weiter ging es auf der Zeltbühne mit
Sebastian 23. Der junge Mann aus Bochum konnte mit gespitzter Zunge viele Lacher im gegen Abend immer zahlreicher werdenden Publikum landen. Neben der gesprochenen Wortakrobatik, die mich stilistisch des Öfteren an uralte Otto Waalkes-Nummern erinnerten, spielte er dazu auch immer wieder Gitarre: Kurze und kurzweilige Lieder, gut rübergebracht. Der Fokus bei seinem Auftritt lag aber ganz klar auf der sprachlichen Ebene.
Ganz anders dann bei den Belgiern
Rumplestitchkin. Während dem knapp einstündigen Set, schaffte es die Band aus Brüssel, die hierzulande in der Romandie bereits ein grosses Publikum hat, die Leute vor die Bühne zu ziehen. Mit ihren mitreissenden Songs, denen immer auch ein Hang von Melancholie anhaftet, zogen sie das Publikum mehr und mehr in den Bann. Die Musiker steigerten sich von Song zu Song und nachdem die Band schliesslich durchgeschwitzt die Bühne verlassen hatte, wollten die Sympathiebekundungen zu Recht minutenlang nicht abklingen. Leider liess das dichte Programm keine Zugabe zu, was natürlich auch die Band selbst sehr schade fand, wie mir Thomas später noch entschuldigend erklärte.
Antennas aus Schweden spielten ab 20:00 im Zelt. Diese Band hätte zweifellos auch auf der grossen Bühne eine gute Figur abgegeben. Jung, spielfreudig, originell und mit gezielt eingesetzten Soundeffekten, vermochten mich die Skandinavier vom Fleck weg zu begeistern. Optisch drängte sich bei mir der Vergleich mit den Eagles Of Death Metal auf: Der blonde Drummer erinnerte an Josh Homme und der Sänger stellte Jesse Hughes-like einen gepflegten Pornobalken (sprich Schnauz) zur Schau. Guter Auftritt!
Schon nach wenigen Songs war klar, dass Betty Mugler mit vielen Wassern gewaschen ist: Sie kann singen, Gitarre und Keyboard spielen, aus einem Duschvorhang ein Bühnenkleid nähen und das Publikum anheizen. Klar, wenn die Mitmusiker dermassen solide nicht hinter, sondern neben ihr arbeiten, lässt es sich leicht so richtig losrocken. Das Publikum dankte es der sympathischen Band und liess sich bereitwillig von deren abwechslungsreichen Indie-Pop-Perlen mitreissen.
Langsam war es auch richtig dunkel, was den Aufbau einer intimeren Atmosphäre zusätzlich begünstigte.
Hidalgo haben durchs Band überzeugt.
Beim Auftritt von
Werle und Stankowski war ich abseits in eine längere Diskussion vertieft. Als ich vor die Bühne kam, wo die Leute dicht gedrängt standen und gemütlich vor sich hintänzelnd der Band zuhörten, folgte als nächste Ansage: „Wie schön für uns, dass ihr auch elektroakustische Musik goutiert“. Ein treffender Satz, so fand ich, in dessen Formulierung auch die Sorgfalt und Bedacht mitschwingt, mit der die beiden Talente aus Deutschland ihre Musik arrangieren. Immer wieder machten aber fette Beats deutlich, dass man aber nicht bloss aus dem Kopf heraus operiert, sondern auch der Bauch tonangebend mitmischt.
Das bringt mich gleich zu einem kleineren Einschub und grösseren Kritikpunkt: Die Soundanlage der kleinen Bühne war zu wenig leistungsstark. Bei etlichen Bands hätte ich den Bass gerne auch gespürt und nicht nur gehört. Besonders ohrenscheinlich war es am Freitagabend, beim Auftritt von Das Pferd. Da wäre „mehr“ halt einfach mehr gewesen.
Den Abschluss des Festivals bestritten die Belgier
El Guapo Stuntteam auf der Hauptbühne. Was will man schreiben? Sie haben gerockt wie Sau. Egal, ob man auf deren Retrorock-Sound im Stile von AC/DC etc. steht oder nicht, live gab es einfach kein Entrinnen: Wenn die drei(!) Gitarren losheulten und Bass und Schlagzeug druckvoll einen soliden Teppich legten, wollte man auch gar nicht mehr. Vergessen sind die Tage, wo es irgendwie uncool war, exzessive mehrstimmige Gitarrensoli zu zelebrieren, wo immer noch ein Schlagzeugsolo ins Konzertprogramm gehörte – alles OK, alles eine Frage der Attitüde. El Guapo Stuntteam haben mit so viel Freude und Energie gespielt, dass man sich keinen besseren Abschluss für das B-Sides-Festival wünschen könnte.
Genereller Eindruck:
Die Organisation hat sehr gut funktioniert. Auf die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wurde viel Wert gelegt und das Arrangement mit der Sonnenbergbahn (gratis mit Vorverkaufsticket) war super.
Die ganzen provisorischen Bauten haben sich trotz des teils windigen und gebrechlichen Erscheinungsbildes sehr gut bewährt und versprühten einen reizvollen Charme. Schön auch, dass am Abend nicht bloss Kunstlicht sondern Feuer zum Einsatz kam, um Licht und Wärme zu spenden – da geht nichts drüber. Schade, dass das Wetter am Freitag die Unschlüssigen wohl eher zum Daheimbleiben bewogen hat – der Abend war zwar regenfrei, aber kühl und leider schlecht besucht.
Für das leibliche Wohl wurde bestens gesorgt, die Vermeidung von Abfall vorbildlich gelöst.
Der Bandmix am Freitag konnte, obwohl an der Qualität der Bands nicht gross gemeckert werden kann, viel weniger überzeugen als am Samstag. Am ersten Abend fehlten die Bands, die ohne elektronische Unterstützung ab Konserve einfach losrockten und damit den Funken aufs Publikum überspringen liessen. Das Pferd haben es trotzdem geschafft.
Vielleicht ist es eine Überlegung wert, für jeden Abend eine bekanntere Band, quasi als Zugpferd zu engagieren, damit sich bei zweifelhafter Witterung ein paar Nasen mehr auf dem Sonnenberg einfinden. Den richtigen Riecher müssten die B-Sides-Programmverantwortlichen ja haben, wie unschwer zu erkennen war.
Fazit: Gerne wieder!
Hier noch ein paar Eindrücke:
Sigurd
Hauptbühne am Freitag Nachmittag (ja, ich war relativ früh da…):
> Offizielle Festivalwebseite