Das
Korsett der Sprache
Da steht man
plötzlich, in einem Übungsraum in der Nähe von Olten, und diskutiert
darüber, ob und wie man zusammen Musik machen will. Standpunkte und
Demos werden ausgetauscht. Alternative auf Berndeutsch. Die
Rückmeldungen
gleichen sich: Irgendwie erwarte man zu dieser Musik englische Texte,
immer dieses harte „Ch“. Grundsatzdiskussionen. Auch schon früher,
mit dem Kumpel in der Bar. Man könne mit Berndeutsch nun mal keinen
Erfolg im Ausland haben. Teenagerträume. Man bringt Beispiele als
Gegenargument:
Sigur Rós oder Kaizers Orchestra. Klar, die genannten Bands machen
ungewöhnliche Musik. Die Sprache ist aber auch ein
Alleinstellungsmerkmal:
Exotic becomes erotic. Warum das nicht nutzen?
Im Interview
mit VISIONS sagt Sebastian Madsen: „‘Baby, komm zurück, für immer‘.
Wenn man das mit einfachen Worten sagen kann, gefällt mir das. Das
Problem ist, dass es die deutsche Sprache ist. Es gibt dieses Korsett,
in das sich manche Bands zwängen und dabei dann immer wieder die Frage:
Was darf ich, und was darf ich nicht?“ Eine gute Frage. Man kann es
natürlich machen wie Sophie Hunger, die gleich mehrere Sprachen nutzt.
Andererseits muss man eben auch eine andere Sprache beherrschen. Wieso
in Englisch texten und singen, wenn man nicht in der Lage ist, in
Englisch
zu denken? Ein Blick nach Deutschland (z.B. Slut) oder Skandinavien
(z.B. Mando Diao) beweist, dass man diesem Anspruch gerecht werden kann.
Ein häufiges Argument hierbei ist, dass Hörer die Texte gerne verstehen
wollen. Aber wer alles versteht englische Texte wirklich? Vor allem
zu Beginn seiner musikalischen Sozialisation. Oder abstrakte, kryptische
Texte wie die von The Mars Volta? Das Verständnis alleine kann es nicht
sein. Dennoch gilt in der Regel die Prämisse: Wer über die Landesgrenzen
hinaus Erfolg haben will, der singt in Englisch. Da kommt man aber kaum
um einen Sprachaufenthalt herum. So gesehen gehört der zu jedem
Businessplan
einer Band, will man nicht nur den heimischen Markt bedienen. Die
Freiheit
des Musikschaffenden steckt also bereits bei der Wahl der Sprache in
einem Korsett. Ausser man ist in der Lage, dermassen herausragende Musik
zu machen, dass die Herkunft der Sprache nebensächlich wird. Aber das
steht halt oft nicht im Businessplan.
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