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Dillinger Escape Plan - Ire Works

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von Roman Bernhard, Michael Müller, Michael Zuckschwerdt am Mittwoch, 12. Dezember 2007 in Specials   

Genre: Mathcore  |  Label: Relapse Records (Irascible)  |  Unsere Wertung: 9.0/10

Ire WorksAspekte der Wut
Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. 27'407 „Plays Today“ zählte die MySpace-Site der Band eine knappe Woche vor der Veröffentlichung. Anlass genug, um für einmal den Fächer etwas weiter aufzuspannen und eine Sechs-Ohren-Kritik zu veröffentlichen.

Diese Rezension möchte eher in die Breite als in die Tiefe gehen, in wenigen Worten sollen alle Songs von allen kurz beschrieben und bewertet werden. Die eingeladenen Gastautoren sind musikalisch mit fast allen Wassern gewaschen und bestimmt nicht mehr feucht hinter den Ohren.

Roman Bernhards musikalische Vorlieben: Rock, Metal, Grind, mal laut, schnell, hart, mal wild, hektisch, vertrackt und abseits den üblichen Hörgewohnheiten ... und Klezmer! Zurzeit hört er Destroyer Destroyer – Littered With Arrows, Ulcerate – Of Fracture And Failure, Nyia – More Than You Expect.

Michael Müllers musikalische Vorlieben: Unkonventionelle Musik von Worldmusic bis Hardcore mit einem Faible für freien Jazz. Zurzeit hört er das Album Tango der Fribourger Band Underschool Element, das auch optisch wunderschöne Werk Haunted House der Belgier Capsule und die CH- Drum’n’Jazz- Scheibe Urban der Truppe Motek aus Winterthur.


Fix Your Face:
RB: Gewohnt kompromissloser Auftakt ins dillingerische Universum, kurz und/aber heftig, ohne viel Spektakel, jedoch mit geballter Faust. (4)
MM: Nach einem Takt ist man bereits angekommen auf Planet Dillinger: Schnell, aggressiv,  ein toller Türöffner… (4.5)
MZ: Griffiger Opener, cooler Mix aus Geprügel, jazzigem Gefrickel und Moshparts. (4.5)

Lurch:
RB: Es bleibt keine Zeit zum Durchatmen, Gitarren und Drums stolpern Hand in Hand über Stock und Stein, verlieren aber nie den Halt ;-) (4.5)
MM: Die jazzigen Anleihen der Gitarrenläufe kommen voll zum Tragen, der Bass unterstützt die schnellen Licks. Der Track gefällt durch die experimetelle Rhythmisierung. (4.5)
MZ: Noch hektischer und frickliger als der Opener, eine wahre Geisterachterbahnfahrt. (4.5)

Black Bubblegum:
RB: Und was passiert jetzt? DEP beanspruchen für sich zu Recht, nicht in Stilen und Etiketten zu musizieren. Mit „Black Bubblegum“ wird aber höchstens warm, wem bei den ersten beiden Tracks die Ohren gewackelt haben. (2.5)
MM: Ein eingängiger Track mit Hitpotential. Greg Puciato zeigt in diesem Song den vollen Umfang seiner gesangstechnischen Möglichkeiten. Von Falsett über Punk bis hin zum mehrstimmig gehaltenen Refrain mit abschliessenden Shouts. (5)
MZ: Peeping Tom von Mike Patton hätte ich mir etwa so vorgestellt, wie das hier klingt. Eingängig, poppig, aber doch auch experimentell. Recht gelungen und vor allem mutig, denn damit lehnen sich DEP ziemlich weit aus dem Fenster. (3.5)

Sick On Sunday:
RB: Ein Experiment mit elektronischem Gefrickel, wo wenig in den Hörgängen haften bleibt. Hat ein bisschen B-Seite-Charakter (3.5)
MM: Das minimalistisch elektronische Intro ist etwas lang, daran ändert auch ein Shout-Sample wenig. Der Song selbst gestaltet sich dann kurz, etwas blass und wenig experimentell. (3.5)
MZ: Ein zweiteiliger Song, vielleicht steht das planlose einleitende Gedrösel für den schlimmen Samstagabend, und der zweite Teil des Songs für den Sonntag, wo man reuig zwischen Bett und Bad pendelt. Ich hätte mir einen mehr rausgekotzten Songtag gewünscht. (3)

When Acting As A Particle:
RB: Fulminantes Intro zum ersten Highlight dieser Platte! (5)
MM: Cooles Instrumental. Das anfänglich asiatische Thema wird hübsch unterlegt mit Doublebass und Gitarre und steigert sich ins Epische, wo dann Nong Eye Gong anschliesst (4)
MZ: Instrumental, mit rhythmisch interessant verschobenem Gitarrenspiel, baut auf zum nächsten Song. (4.5)

Nong Eye Gong:
RB: Mir kommen die Tränen. Es stimmt alles bei diesem Track. Ein Wechselbad der Gefühle in nur 76 Sekunden. (5)
MM: Zunächst ein strammer Gesang, dann wird das Thema aus „When Acting As A Particle“ aufgenommen. Die beiden Songs können nur zusammen angeschaut werden. (4)
MZ: „Nong Eye Gong“ ist der kurze, zwischen zwei Instrumentals eingepasste Kracher. Wahnsinn, was hier alles passiert. (5)

When Acting As A Wave:
RB: Rein instrumental. Helferlein, um die Gefühlswelt wieder in Ordnung zu bringen. (5)
MM: Ein absolut geil rhythmisches Riff kombiniert mit einigen elektronisch apokalyptischen Sounds und einem Killer Bass bereiten das Feld für „82588“. (5)
MZ: Ein entfernt an Meshuggah mit Elektronik-Soundfetzen erinnerndes Instrumental, fungiert als Verschnaufpause auf der Scheibe, ist nur im Gesamtzusammenhang sinnvoll. (3)

82588:
RB: Wenig spektakulär. Ein Live-Kracher von A-Z. (4)
MM: Der Gesang nimmt die Rhythmik des „When Acting As A Wave“-Riffs auf, Im Breakteil fährt die Dynamik zurück, um zum Schluss nochmals mit vollem Arsenal aufzutrumpfen - schön! (5)
MZ: Sehr ungestüm und wütend. Die Riffs und Breaks im ersten Teil des Songs sind irrwitzig tight. (4.5)

Milk Lizard:
RB: Ha, das rockt und rollt, und erst diese Bläser-Arrangements und Piano-Intermezzos.  Mit Augenzwinkern, erheiternd, viel Bombast aber mächtig gut. (5)
MM: Ein punkiger Song mit Hauptrolle Gitarre, mal Jazz mal Stonerrock. Das eingeschlaufte Jazzpiano gefällt. Der Übergang zum eingängigen Refrain kommt jeweils etwas abrupt. Das Piano im Refrain wirkt episch, fast kitschig - trotzdem passend. (4.5)
MZ: Ein rund rollendes Riff, Bläser Crescendi, Gitarrensolo und Pianoeinsätze: Im gesungenen Refrain wird’s dann noch episch theatralisch…eingängig und vielfältig, ganz ohne DEP typische Hektik – sehr gelungen. (5)

Party Smasher:
RB: Ein Albtraum für jede Dorfdisco, Benjamin Weinmann glänzt mit irrwitziger Gitarrenarbeit. (4)
MM: Der für DEP untypisch gerade groovende HC-Refrain lässt jedes Mosher-Herz höher schlagen. Doch DEP wären nicht DEP, wenn sie diesen einfachen Teil nicht mit drei rhythmisch anspruchvollen Teilen mit wunderschönen Jazzlicks kombinieren würden. (4)
MZ: Damit dürfte wirklich jede Party platzen. Die Frickelparts klingen wie eine Mücke im Gehörgang und werden kontrastiert von tonnenschweren Akkordfolgen die dadurch maximale Wirkung entfalten. (4.5)

Dead As History:
RB: „Dead as History“ spannt einen grossen Bogen im Aufbau und erinnert paradoxerweise an eine Generation von Bands wie bspw. The End, die wiederum auf DEP als Inspirationsquelle zurückgreifen. (4)
MM: Eingängig und evil im Stile der frühen Sabbath kommt das Intro daher, dieser Eindruck verstärkt sich während des Songs. Das Evil- Feeling wird vom Gesang geschickt umgesetzt, das Falsett-Ende wirkt sehr stimmig. Untypischster Song auf dem Album, nichtsdestotrotz sehr hörenswert. (4.5)
MZ: Nach einem recht langen Intro folgt ein druckvolles Stakkato-Riff, dessen Rhythmik über die gesamte Spielzeit von mehr als fünf Minuten erhalten bleibt. Sehr atmosphärisch, melodiös und atypisch für DEP. (4.5)

Horse Hunter:
RB: Und noch einmal entfaltet sich der ganze Zorn in allen Farben und Facetten, gewürzt mit jazzigen Passagen und Tempowechseln. Auch Greg Puciatio und Brett Hinds am Mikrofon erzeugen die unterschiedlichsten Stimmungen. (4.5)
MM: Wer zu den aus der Jazzecke kommenden DEP-Fans zählt, dürfte diesen Song lieben! Bis zur Mitte des Songs bestimmen ein absolut grooviger Jazzbeat und die frickelnde akustische Gitarre, welche das Thema weiterentwickelt. Bevor das Ganze in einfachere Akkordfolgen mündet, bleibt sogar Zeit für einen kurzen Soloteil. Der Gesang nimmt die Stimmungsentwicklung auf, richtet sich danach aus - super! (5)
MZ: Voll auf die Glocke! Im Laufe des Songs kommen dann viele Facetten von DEP zur Geltung; besonders gelungen ist der jazzige Zwischenteil mit Piano und auch Gastsänger Brett Hinds von Mastodon brüllt markant mit. (5)

Mouth Of Ghosts:
RB: Mit Abstand das längste Stück, leicht und schwer zugleich. Kühner Schlusspunkt. (4.5)
MM: Das Pianointro ist mir zu lang. Dem ganzen Song fehlt es an dem sonst konsequenten roten Faden, der Leitidee. Der abschliessende Refrain inkl. Gitarrenriff ist viel zu plakativ. Schade hört die Platte so auf, der Song fällt ab. (3)
MZ: Lange Songs mit weiten Spannungsbögen am Ende des Albums haben nicht nur im Metalbereich Tradition. Mouth Of Ghosts stellt sich ebenfalls in diese Reihe. Ein toller Abschluss, Piano lastig und mit ungewohntem Latin-Groove. (4.5)

Fazit:
RB: „Ire Works“ ist weniger kompakt als noch „Miss Machine“. DEP blickt sowohl zurück als auch nach vorn. Ein Wegweiser, der in verschiedene Richtungen zeigt, das Album signalisiert ein bisschen Unentschlossenheit. Es bleibt noch unklar, wohin die musikalische Weiterentwicklung geht. Aber gerade deswegen ist „Ire Works“ auch reich an Facetten und Stimmungen mit sehr starken und bewegenden Momenten, wofür der schwarze Kaugummi gerne geschluckt wird. DEP bleiben zornig und verspielt, und das ist gut so. (4.25)

MM: DEP sind weniger ungestüm als noch auf „Miss Machine“, „Ire Works“ hat aber viel Tiefgang und setzt andere Akzente. DEP legen viel Wert auf Entwicklung und Progress in den Songs. Nichts bleibt gleich, alles wird verändert, bis hin zur Unkenntlichkeit. Die Themen werden dann aber in bester Jazzmanier wieder aufgegriffen. Mir gefällt die Scheibe sehr gut, auch wenn ich mir doch mehr als 38 Minuten gewünscht hätte. Mit dem expliziten Einsatz von Piano gehen DEP in ihrem Genre neue Wege. Aufpassen müssen sie, dass sie nicht zu episch und eingängig in den Refrains werden. Fazit: Auf jeden Fall kaufen - so innovative Leute braucht die Szene. (4.34)

MZ: Auf dem neuen Album bereichern DEP ihren Sound mit einigen weiteren Zutaten, besonders auffallend sind die vielen Pianoeinsätze und die elektronischen Einsprengsel und Effekte. Hinzu kommt gesamthaft und insbesondere beim Gesang eine verstärkte Hinwendung zu Melodie und Eingängigkeit - die entsprechenden Songparts sind allerdings nicht die markanten Momente von DEP. „Ire Works“ ist weniger konsistent als der Vorgänger „Miss Machine“ geworden, dafür noch vielfältiger und abwechslungsreicher und deshalb spannender. (4.31)

Seit 12. November 2007 im Handel.

Anspieltipps:
Nong Eye Gong, Milk Lizard, Horse Hunter
Trackliste: 1) Fix Your Face; 2) Lurch; 3) Black Bubblegum; 4) Sick On Sunday; 5) When Acting As A Particle; 6)Nong Eye Gong; 7) When Acting As A Wave; 8) 82’588; 9) Milk Lizard; 10) Party Smasher; 11)Dead As History; 12) Horse Hunter; 13) Mouth Of Ghosts
similar artists: Converge, Fantomas, Genghis Tron, The locust, Into The Moat, The Number 12 Looks Like You

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Bio:
Dillinger Escape Plan stammen aus New Jersey, USA. Hervorgegangen aus der Band Arcane, veröffentlichten sie im Jahre 1997 ihre erste selbst benannte EP. Die Band machte sich schnell einen Namen als kompromisslos extremer Act mit intensiven Live-Auftritten. Einem solchen wohnten auch die Verantwortlichen von Relapse Records in Philadelphia bei, worauf sie DEP einen Plattenvertrag anboten. Es folgten in kurzer Folge die EP „Under The Running Board“ und das erste komplette Album „Calculating Infinity“.
Nach dem Abgang von Sänger Dimitri Minakakis und einer Tour im Vorprogramm von Mr. Bungle nahmen Dillinger Escape Plan 2002 die vielbeachtete EP „Irony Is A Dead Scene“ mit Mike Patton (Sänger von Faith No More und Labelgründer von Ipecac Recordings) auf. Obwohl Greg Puciato bereits längere Zeit mit der Band auf Tour war und mehrere Coverversionen mit der Band aufnahm, war es das Album „Miss Machine“ im Jahre 2004, das eine breitere Öffentlichkeit Notiz vom neuen Sänger nehmen liess. Dieses Album war ein grosser Schritt nach vorne für die Band, die nicht nur überall mit Superlativen gespickte Reviews erhielt, sondern auch auch verkaufstechnisch alle Erwartungen sprengte. Mit ausgedehnten Tourneen in aller Welt spielten sich DEP energetisch an die Spitze einer von ihnen massgeblich geprägten Genrebezeichnung: Mathcore.
Line-Up Wechsel sind mittlerweile fast zum roten Faden der Bandgeschichte verkommen, einziges Gründungsmitglied nach dem Abgang von Schlagzeuger Chris Pennie zu Coheed And Cambria ist mittlerweile Gitarrist Ben Weinmann. Neben ihm gehören zum aktuellen DEP Line Up Greg Pusciato (Gesang), Liam Wilson (Bass), der neue Gitarrist Jeff Tuttle und Gil Sharone am Schlagzeug. Erstaunlicherweise haben all diese Turbulenzen die Qualität der Musik nicht negativ beeinflussen können, es scheint eher so, dass die Besetzungswechsel den kreativen Output der Band fördern. „Ire Works“, das jüngste Album der Band zementiert diese Behauptung eindrücklich.

Dillinger Escape Plan
Diskographie:
> The Dillinger Escape Planl, EP (1997)
> Under The Running Board, EP (1998)
> Split- EP, mit Nora (1998)
> Split- EP, mit Drowningman (1999)
> Calculating Infinity (1999)
> Irony Is A Dead Scene, mit Mike Patton, EP (2002)
> Cursed, Unshaven And Misbehavin’: Live Infinity, Live EP (2003)
> Miss Machine (2004)
> Plagiarism, EP (iTunes-exklusiv) (2006)
> Ire Works (2007
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