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Genre Guide: Outlaw Country

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von Tobias Imbach am Montag, 14. Juni 2010 in Specials   
HighwaymenDie Gegenbewegung zum faden Nashville-Country-Pop der 60er brachte gleich einige fantastische Alben hervor. Im exitmusic-Genre-Guide stellen wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit, nur persönliche Favoriten.

Mitte der 50er-Jahre setzten in Nashville einschneidende Veränderungen ein, welche die Stadt einige Jahre später wieder als Zentrum der Country-Musik zurück ins Geschäft brachten: Begnadete Produzenten wie Don Law, Chet Atkins, Owen Bradley oder Steve Sholes liessen Steel Guitar, Fiddle und weitere vermeintlich überholte Kennzeichen der Country-Musik weit hinter sich und kreierten eine geschliffenere und zugänglichere Variante des Country, die viele Zugeständnisse an die Popmusik machte. Süssliche Chöre und schnulzige Streicher waren neu beherrschende Elemente, eine Handvoll hochbegabter Session-Musiker spielte auf Alben verschiedenster Künstler und die Künstler selbst, die hatten nicht mehr viel zu bestimmen.

Schlecht war beileibe nicht alles, was dabei rauskam, aber zu viel von dem, was den echten Country auszeichnete war nicht mehr da. Geld floss weiter, aber durch das kommerzorientierte Vorgehen erstickten die Produzenten jegliche wirkliche Originalität. Rebellen wie Johnny Cash ebneten dabei einer Gegenbewegung den Weg, die bis heute den alternativen Country prägt. Eine Bande überwiegend texanischer Musiker protestierte in den 70er-Jahren mit grosser Wirkung gegen das Diktat der Produzenten in Nashville. Ihr Sound orientierte sich am klassischen Country, war aber rauer und griff ab und an auch kantigere Rock-Elemente auf, die Poeten thematisierten auf ihren Alben mit einem besonderen Auge für den Realismus die dreckigen und schattigen Seiten ihrer und anderer Leben. Eine Auswahl der besten dieser Alben, in der Reihenfolge, wie ich sie kennenlernte:

Guy ClarkGuy Clark - Old No. 1 (1975)
Der Erstling dieses brillanten Songwriters weckte überhaupt erst mein Interesse am progressiven Country der Siebziger. Einige Stück waren bereits von anderen Sängern wie Jerry Jeff Walker eingespielt worden, und während viele dieser Aufnahmen an sich den Interpretationen des eigentlichen Schöpfers ebenbürtig waren, führt dennoch nichts an diesem Songbook vorbei - im stimmigen Albumkontext und folkigen Stil Clarks erreichen Outlaw-Klassiker wie "Desperadoes Waiting For The Train" eine ungeahnte Grösse. > Hören & Kaufen


Kris KristoffersonKris Kristofferson - Kristofferson (1970)
Kris Kristofferson hatte sich längst unsterblich gemacht, als er 1970 sein erstes Album veröffentlichte - "Kristofferson" war eine Rückschau auf Stücke, die der Texaner für andere Künstler über Jahre hinweg geschrieben hat. Hat Kris Kristofferson zwar nicht die Stimme solcher Interpreten wie Roger Miller, Jerry Lee Lewis oder Johnny Cash, so schien das der Wirkung der Songs nicht den geringsten Abbruch zu tun, im Gegenteil - zu den Worten dieses gebeutelten Poeten würde keine andere Stimme besser passen.> Kaufen


Kris Kristofferson - The Silver Tongued Devil And I (1971)
"Kristofferson" war bereits fast perfekt und hatte Überhits wie "Bobby McGee", aber fühlte sich etwas wie eine Compilation an - sein Zweitling hingegen ist aufwändiger produziert, berührender, ja stimmig von der ersten Sekunde bis zum Schluss, und vor allem auch gesegnet mit der vielleicht schönsten Country-Ballade überhaupt ("When i Loved Her"). Bis dato unübertroffen.> Kaufen


Billy Joe ShaverBilly Joe Shaver - Old Five and Dimers Like Me (1973)
Billy Joe Shaver war ein besserer Songwriter als Sänger, seine Songs wurden von Elvis Presley bis zu Johnny Cash gesungen und am allerbesten von Waylon Jennings. An einem seiner eigenen Alben führt aber kein Weg vorbei: Im Klassiker "Old Five And Dimers Like Me" nimmt der Texaner in einfachen, aber tiefschürfenden Songs Old-Timey, Honky Tonk, Folk, Blues, Gospel und R&B auf und schenkte dem Outlaw Country und Americana einen seiner grossen Klassiker - auf späteren Alben blieben seine Songs grossartig, aber keines war so stimmungsvoll produziert wie dieses, Dank und Lob gebührt Kris Kristofferson. > Kaufen


Waylon JenningsWaylon Jennings - Honky Tonk Heroes (1973)
Zwei Einzelgänger spannten zusammen und retteten mit einem halbstündigen Meisterwerk den Honky Tonk. Waylon Jennings versprach dem unbekannten Songwriter Billy Joe Shaver, ein Album allein mit dessen Songs aufzunehmen - und löste sein Versprechen schliesslich ein, nachdem Shaver die Geduld verlor und Jennings Gewalt androhte, will man der Legende glauben. Die Geschichte ist gut, die Musik noch besser - Waylon Jennings war endlich frei von Nashville-Zwängen (obschon dieses Album in Nashvilles RCA-Studios eingespielt wurde!) und tat was er wollte, Tompall Glasers Produktion ist rau, ungeschminkt und zeitlos und Shavers Zeilen ... die lassen niemanden unberührt. Die definitive Geburtsstunde des Outlaw Country. > Hören & Kaufen


Waylon Jennings - Dreaming My Dreams (1975)
Als Album "Honky Tonk Heroes" nicht ganz ebenbürtig, musikalisch aber detaillierter und vielfältiger, setzte sich Waylon Jennings mit "Dreaming My Dreams" und einer Handvoll seiner besten Songs zum ersten Mal an die Spitze der Charts.  Die gewaltigen Balladen "Dreaming My Dreams" und "She's Looking Good" werden nur noch vom bissigen Willie Nelson-Seitenhieb "Bob Wills Is Still The King" übertroffen. > Kaufen


wn.jpgWillie Nelson - Shotgun Willie (1973)
Willie Nelson musste viel Jahre und Alben, zu lange auf jeden Fall, auf den verdienten kommerziellen Erfolg warten, in den Siebzigern liess der Texaner dann den Süden hinter sich und reiste nach New York, um für Atlantic Records "Shotgun Willie" einzuspielen und Grenzen konventioneller Country-Musik zu sprengen. Erfolg brachte ihm das zwar auch keinen, trotz Übersongs wie "Whiskey River" oder "Sad Songs And Waltzes", aber rückblickend ist "Shotgun Willie" der Beginn der besten Phase seiner Karriere. Spätestens wenn die Memphis-Soul-Bläser im Opener einsetzen, gibts kein Halten mehr, wobei Nelson bereits mit der ersten Zeile mein Herz gewonnen hat - "Shotgun Willie sits around in his underwear ..."  > Kaufen


Willie Nelson - Phases and Stages (1974)
Eines der besten Konzeptalben aller Zeiten, Nelson sinniert mit wohlgewählten Worten über das Ende einer Ehe, in der ersten Hälfte aus der Sicht der Frau, in der zweiten gibt der Mann seine Version wieder. In der ersten Hälfte der Siebziger eilte Nelson von Erfolg zu Erfolg, "Phases And Stages" dürfte bis heute sein ambitioniertestes und schönstes Album sein. > Kaufen


Willie Nelson - Red Headed Stranger (1975)
Dass gerade dieses Album zum erfolgreichsten seiner Alben werden sollte, ist gelinde gesagt erstaunlich. Sparsamer und rauer instrumentiert als die zwei vorangegangenen Meisterwerke erwartete keiner der Beteiligten, dass sich dieses schmucklose Konzeptalbum über einen flüchtigen Priester mit  Blut an seinen Händen gut verkaufen würde - einige Wochen nach Release war Willie Nelson einer der grössten Stars der Country-Musik. Ein Album wie ein fesselnder Film. > Hören & Kaufen


Jerry Jeff WalkerJerry Jeff Walker - ¡Viva Terlingua! (1973)
In einer einzigen Nacht im Sommer 1973 aufgenommen ist dieses fantastische Album von einer Spontaneität und herzhaften Fröhlichkeit gezeichnet, die es zu einem meiner liebsten Live-Alben überhaupt macht. Hier ist Jerry Jeff Walker auf einer Höhe mit Jennings & Co. > Hören & Kaufen


David Allan CoeDavid Allan Coe - The Mysterious Rhinestone Cowboy / Once Upon a Time (1974)
Eine  Bear Family-Reissue zweier erstklassiger Alben eines richtigen Outlaws, der Dauergast in Gefängnissen war und, so sagt er selbst, nach einem Mord an einem Mitinsassen dem Todestrakt entkam. Seine frühen und besten zwei Alben sind gezeichnet von den Gefühlen und Erfahrungen eines Mannes, der schon damals alles durchgemacht hat und geradezu gespickt mit grossartigen Songs, der grossartigste darunter dürfte "You Never Even Called Me By My Name" sein, dessen Übertitel "The Perfect Country & Western"-Song durchaus ernst zu nehmen ist. > Kaufen
 

Joe ElyJoe Ely - Honky Tonk Masquerade (1978)
Ende der Siebziger machte Joe Ely seinen Einstand mit zwei fabelhaften Country-Rock-Alben, "Honky Tonk Masquerade" dürfte knapp das Bessere sein - Prächtig instrumentiert war schon das Debüt, hinreissende Akkordeon-Klänge und mexikanische Bläser wechseln sich schon da mit Rockabilly und Rock'n'Roll-Gitarren ab, aber Stücke wie "Boxcars" oder "Jericho" und der Titelsong machen "Honky Tonk Masquerade" definitiv zu einem essentiellen Werk des Outlaw Country. > Kaufen

und zum Schluss noch zwei Songs, die nicht auf den erwähnten Alben zu finden sind ...

Waylon Jennings & Willie Nelson - Good Hearted Woman (Live)
(1972)
Einer der grössten Outlaw Country-Hits. Wer sie irgendwie auftreiben kann, soll zu Waylon Jennings gleichnamiger Platte greifen, ansonsten ist der Song auch auf der immens erfolgreichen Jennings-Nelson-Glaser-Colter-Compilation "Wanted: The Outlaws" zu finden, die ein guter Einstieg ins Outlaw-Genre sein mag, aber wer Lunte gerochen hat, kommt ohnehin nicht drum rum, sich die oben erwähnten Alben zu besorgen und hat das wichtigste Material dann sowieso. 


Highwaymen - Highwayman
(1985)
Kris Kristofferson, Waylon Jennings, Willie Nelson und Johnny Cash waren die Highwaymen und "Highwayman" ist der beste Song auf einem Album, das eigentlich das beste country-Album überhaupt hätte sein müssen - wäre dieses Album nur nicht in den verdammten 80er-Jahren aufgenommen worden. Dem epischen Titelsong der vier Outlaws aber ist die Produktion vielleicht sogar zugute gekommen.

» 1 Kommentar
1Kommentar
am Donnerstag, 17. Juni 2010 14:35von nico
merle haggard's rückzieher hinsichtlich der produkiton von gram parsons' erstem solo album ist bezeichnend für die damaligen verhältnisse im countryland. merle hatte sich zuerst einverstanden erklärt, das album zu produzieren. nachdem aber klar wurde, dass parsons musikalische vorlieben die eng gesetzten grenzen des traditionellen country schnell sprengen würden, liess haggard vom vorhaben ab. ich kann mir vorstellen, dass diese unheilvolle entwicklung mit dylan's plug-in am newport folk festival 1965 ihren anfang nahm. 
 
süffig formuliert und sorgfältig ausgewählt! musikalisches hintergrundwissen anschaulich vermittelt. idee und umsetzung top!
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