Wunderschön. Hypnotisch, meditativ, verträumt, ja beinahe halluzinogen.
Bernhard Wagner und Michael Bearpark spielen Gitarre und mögen Effekte und Loops. Soweit so gut; was die beiden jedoch aus dieser knappen Instrumentalisierung machen, grenzt an Zauberei. Minimalistisch-experimentelle Ambient- oder Chilloutmusik könnte man dies nennen, es steckt jedoch viel mehr dahinter als nur ein bisschen ’nach-dem-Ausgang-rumhängen-und-friedlich-einschlafen-Musik’ (was ich unter Chillout verstehe). Im Gegenteil: Nach dem Ausgang, eventuell leicht angeheitert, treibt einen diese Platte mit ihrer jenseitigen Langsamkeit und den sphärischen Klängen in den Wahnsinn (oder kopfüber zum Klo, falls mehr als nur angeheitert). Das Gehörte zu beschreiben, fällt mir etwa so leicht wie einem Zweijährigen die Matrizenrechnung beizubringen. Für beides fehlt mir schlicht das musikalisch-technische bzw. mathematische Wissen, einen Versuch kann ich jedoch trotzdem starten. Gesang und Melodien fehlen völlig, ab und zu bekommt man etwas von einem Takt oder Beat mit (oder bildet man sich dies nur ein?), meistens hört man nur lang gezogene, schwebende Effekte und eine (zwei?) Gitarre, die zwar nur schwer als solche erkannt wird, die ganz scheu irgend etwas vor sich hin spielt bzw. loopt. Zwischen den Stücken gibt’s keine Unterbrüche oder Pausen (ausser zwischen Track 5 & 6 gibt’s eine Art Seitenwechsel von ’Overwritten’ zu ’Der Doppelgänger’), lückenlos fliesst das eine ins andere, nur am Display kann man erkennen, welches ’Stück’ man sich gerade zu Gemüte führt. Ist jedoch völlig unnötig, denn diese Musik ist dermassen zeit- und raumlos, dass man sich einen Dreck um Stücke, Melodien, Takte, Zeiten, Räume, Welten oder Daseinsformen schert. Wunderschön. Hypnotisch, meditativ, verträumt, ja beinahe halluzinogen wirkt dieser Stoff. Das legalste und gesündeste Betäubungsmittel überhaupt. Dies ist vor allem der hier verwendeten Live-Looping-Technik zu verdanken, welche es den Künstlern ermöglicht, live gespielte Elemente oder Töne aufzuzeichnen und endlos abzuspielen. Ausserdem kann man dank dieser Technik die einzelnen Töne oder Fragmente verziehen, verlangsamen, rückwärts abspielen, mit neuen Aufnahmen anreichern oder langsam ausklingen lassen. Was dann daraus entsteht lässt sich nicht im Voraus bestimmen oder planen, elektronisch unterstützte Gitarrenimprovisation sozusagen. Trotz all der Eigenart, Verträumt- und Weltfremdheit (obwohl man die Musik wunderschöne imaginäre Landschaftsbilder hervorzurufen vermag), erscheint das Gehörte nie verkrampft, erzwungen oder gekünstelt. Pedaltone wollen nicht speziell sein, sie sind es. Entsprechend ist das Album nicht in jedermanns Ohren ein Hörgenuss; Radiozuhörer, Partygänger oder Traditionalisten könnten schwer Mühe bekunden (gut, eben genannte gehören auch nicht zur Zielgruppe); Träumer, Surrealisten, technisch Interessierte oder stressgeplagte Ruhelose entdecken in diesem Werk jedoch ganz bestimmt eine neue Art der Entspannung.
Seit 2005 im Handel.
Anspieltipps: Nur als Gesamtwerk konsumier- und erschliessbar
Trackliste: Side One: Overwritten I-V; Side Two: Der Doppelgänger I-V
similar artists: Brian Eno, Robert Fripp, Harold Budd, Mike Oldfield, Steve Reich,
The Orb, Black Earth,
Air,
Mono
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Bio:
Bernhard Wagner lernte Michael Bearpark am Cambridge Loopfest 2004 kennen. Einen Tag später gingen sie in Michaels kleines Kellerstudio, installierten ihre Gitarren und Effekte, drückten die Aufnahmetaste und legten los. Die beiden kennen sich auch heute noch nicht besonders gut, auf musikalischer Ebene hats jedoch von Anfang an gefunkt. Im Sommer 2006 kam Michael für 4 Tage nach Zürich, wo sie in einem professionellen Studio 5 Stunden Musik aufgenommen haben. Diese muss nun noch aufgearbeitet, abgemischt und gemastert werden. Die beiden sind sich noch nicht sicher, was sie mit dem neuen Sound machen werden, interessierte Zuhörer sollen also Augen und vor allem Ohren offen halten.