Genre: Stilmix | Label: Virgin Music (EMI Music)
Wunderdame
Der abenteuerlustige Musikhörer sollte die dargebotene Hand unbedingt
ergreifen und die Französin Camille Dalmais auf ihrer Reise in
ungewohnte musikalische Gefilde begleiten – wenn er’s denn nicht schon
längst voller Freude getan hat.
Was in Frankreich zumindest der Fall zu sein scheint, ist eigentlich nicht wirklich vorstellbar: Dass dieses Album eine aussergewöhnliche Grosszahl an Käufern zu finden vermag. Natürlich nicht, weil es schlecht wäre - so gerecht ist die Musikwelt bekanntlich ja eher selten - nein, viel mehr repräsentieren die Klänge auf “Le Fil“ doch ungefähr das Antonym zum Begriff “Massentauglichkeit“. Nur schon die Idee, einen Grundton, ein Summen, wie einen Faden (fr. fil) durch das ganze Album ziehen zu lassen, mag den einen oder anderen bereits abschrecken – ob man diese Geistesblüte nun als nervend oder brillant empfindet, sei schlussendlich dem Hörer überlassen. Allerdings entspricht eigentlich kein Ton auf diesem sehr durchdachten, innovativen und äusserst ungewöhnlichen Album dem, was man unter massentauglicher Musik verstehen könnte – die ideenreiche Französin offenbart auf ihrem Zweitling Klangwelten, wie sie noch niemand zuvor auf die Hörerschaft losgelassen hat: Im Vordergrund steht offensichtlich Camilles Stimme, die sie auf derart viele faszinierende, ja beinahe abenteuerliche Weisen einsetzt, dass “Le Fil“ auch schon als A-cappella-Album bezeichnet wurde. Sie variiert zwischen kindlichem, süsslichem, sexy oder rauem Gesang, plötzlich schwingt eine arabische Note mit, plötzlich gar eine opernhafte, dann wird die Stimme wiederum als Beatbox oder sonstige schräge Klänge erzeugendes Instrument benutzt – auf jeden Fall ist dies unbestreitbar prachtvoll und sorgt somit für manches, was “Le fil“ zu einem der interessantesten Popalben des letzten Jahres, vielleicht auch dieses Jahrzehnts, machte. Ganz zutreffend ist das A-cappella-Etikett freilich nicht: “Le Fil“ ist (glücklicherweise mag man sagen) nicht reine Vokal-Musik geworden; neben Soundeffekten, Perkussion und Keyboard werden auch Bläser, Gitarre und Kontrabass eingesetzt, aber trotzdem in keiner Sekunde den Gesang verdrängend. Auch vor allem deswegen ist es Camille gelungen, ein zu alledem höchst abwechslungsreiches Werk zu erschaffen. Elemente aus diversen Stilrichtungen wie dem französischen Chanson, balladeskem Pop, Jazz, Latin, Blues, tanzbarer oder avantgardistischer Elektronik (etc.) liess die kecke Französin in ihren aufregenden Mix verfliessen. Zu meinen Highlights zählen die nonchalant groovenden Hits “Ta Douleur“ und “Au Port“, die wunderschönen “Vertige“ und “Pâle Septembre“ und allen voran das mit jazzigem Bass und brillanter Gitarre versehene “Baby Carni Bird“. Ausfälle gibt’s keine, mal von der zweiten Hälfte abgesehen: Während die Musik nach 35 wundervollen Minuten ausklingt, wird der Faden, das Summen, noch mal genau so lang weiter gezogen. Vielleicht ist sowas ja unverbraucht, allerdings doch etwas unnötig und vor allem nicht hörbar. Nichtsdestotrotz gilt für “Le fil“: Muss man haben!
Seit 14. Februar 2005 im Handel.
Anspieltipps: Ta Douleur, Baby Carni Bird, Au port, Pâle Septembre
Trackliste: 1) La jeune fille aux cheveux blancs; 2) Ta douleur; 3) Assise; 4) Janine 1 - (Interlude); 5) Vous; 6) Baby Carni Bird; 7) Pour que l'amour me quitte; 8) Senza; 9 Janine 2 - (Interlude)10) Vertige; 11) Au Port; 12) Janine 3 - (Interlude); 13) Pâle Septembre; 14) La Rue De Ménilmontant; 15) Quand Je Marche
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Bio:
Camille Dalmais, 1978 geboren, wuchs als Tochter einer Lehrerin und eines Schriftstellers in der französischen Hauptstadt auf. Während ihrem Studium (Kunst und Politikwissenschaften) nahm Camille auch Gesangs- und Tanzkurs und sammelte damit auch wichtige Erfahrungen und verfeinerte ihr Talent. Ihren Namen durfte im Jahr 2002, als sie ihr erstes Album “Le Sac de Filles“ veröffentlichte, wohl nur gerade Kennern der jungen französischen Musikszene ein Begriff gewesen sein. Wirkliche Berühmtheit erlangte die Pariserin, die selbst weniger dem französischen Chanson sondern mehr der Soul-, brasilianischen und klassischen Musik anhängt, durch ihre Zusammenarbeit mit Marc Collin and Olivier Libaux (alias Nouvelle Vague), die mit ihren köstlichen Bossa Nova-Klängen weltweit verzauberten. Vielleicht hängt es auch mit dem einschlagenden Erfolg dieses reizenden Projekts zusammen, dass Camilles “Le Fil“ dermassen erfolgreich wurde – hat sie doch diese Kollaboration definitiv auf sie aufmerksam gemacht und weitere Zusammenarbeiten mit namhaften Künstlern zur Folge. 2005 erschien nun ihr neustes Album “Le Fil“, mit welchem sich Camille im Vergleich zum weit französischer klingenden Debütalbum noch mal deutlich weiterentwickelt hat, ihrem Stil grundsätzlich aber treu geblieben ist.

Diskographie:
> Le Sac des filles (2002)
> Le Fil (2005)