New Age? Bitte nicht gleich die Nase rümpfen. Ein Blick über den Tellerrand (genauer: ins ferne Japan) bereichert und befreit von den Fesseln des Alltags...
Die Shou: ein Wind-Instrument mit 17 Bambusröhren unterschiedlicher Länge. Die Quena: ein in Peru beheimatetes Aerophon, das noch heute von Hirten in den Anden genutzt wird. Die Shakuhachi: eine ursprünglich aus China stammende Bambusflöte, die von buddhistischen Mönchen für eine Art „Atem-Ton-Meditation“ verwendet wird. Die Koto: eine japanische Harfe mit 13 Saiten, die man mit künstlichen Nägeln aus Elfenbein spielt. Die Dizi: eine Qürflöte mit 2000-jähriger Geschichte und das wohl bekannteste chinesische Blasinstrument überhaupt.
Klänge, die uns fremd sind. Klänge, die nur selten in westlichen CD-Playern landen. Und Klänge, die allesamt auf Eri Sugais „Mai“ zu finden sind. Ein Freund hat das Album von seinem Austauschsemester mitgebracht und es mir augenzwinkernd in die Mappe gesteckt. Dann ging das Geschenk fast zwei Wochen vergessen, bis ich mich endlich heranwagte. Raum verdunkelt, die beigelegten Räucherstäbchen entfacht und Kopfhörer auf - ich wünschte, ich hätte es früher getan.
„Horizon“ eröffnet mit einer Melodie, die – wie auch A Lullaby of Takeda - an Wärme kaum zu übertreffen ist. Weiter geht es mit dem durch Trommeln und Anna Sugar unterstützten Honen Bushi. Sie hört man später nochmals in „Rakuen“. „Konjaku Monogatari“, das einzige Lied auf Japanisch, erinnert ein wenig an westliche Kirchenmusik, jedoch mit eigener orientalischer Spiritualität. „Aqua“ besteht komplett aus Vocals und „First Love“ wird von einem Klavier begleitet. Der Titeltrack „Mai“ heisst auf Deutsch so viel wie Tanz, „Song of Birth“ ist etwas mehr „upbeat“ und „China Rose“ bildet der perfekte Abschluss eines traumhaften Albums.
Bei all den oben erwähnten Instrumenten, habe ich das wichtigste überhaupt vergessen: die glasklare Stimme von Eri Sugai. Sie ist nicht nur Gesang, sondern vor allem auch Stilmittel. Nur, wer ist sie eigentlich? Das Internet verrät, dass Sugai Musik für über 500 Werbespots produziert und schon 1994 mit einem Pop-Album auf sich aufmerksam machte. Sie erinnert an Künstler wie Enya, Miriam Stockley, Lisa Gerrard, Maire Brennan und Azam Ali, und tönt trotzdem anders. Auf magische Weise gelingt es ihr, die asiatische Instrumentalisierung japanischen Folks mit harmonisch westlichen Elementen zu vermischen, ohne dabei den typischen New-Age-Klischees zu verfallen. Was hier mit technischen Beigaben wie Synthesizern, mehrfachem Layering und Echo-Effekten geschaffen wird, ist eine wahre Wohltat.
Fragt sich nur noch, wie ich eines der in Japan erschienenen Nachfolgewerke (Air, Stẽlla Mirus II) bekomme, um mich bei meinem Freund zu revanchieren – „Kaori“ hat er ja schon. Ein schönes Weihnachtsgeschenk wär's allemal!
Seit September 2000 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label
Anspieltipps:
> Horizon
> Honen Bushi
> A Song Of Birth
Diskographie:
> Watashi Wa Genki Tayo (1994)
> Air (2000)
> Mai (2000)
> Kaori (2005)
> Stẽlla Mirus II (2006)
Ähnliche Künstler:
> Enya
> Miriam Stockley
> Lisa Gerrard
> Maire Brennan
> Azam Ali