Linda Lewis zweites Studioalbum führt uns unsere eigene Betrachtung von Musik vor. Die Auseinandersetzung mit Perfektion fällt mit „Lark“ leichter, als wir es uns gewohnt sind. Das macht „Lark“ zu einem ganz aussergewöhnlichen Album.
Selten genug setzt man sich als Mensch mit Perfektion auseinander. Nach ausschweifender Phantasterei und Entrückung findet man sich bald zurückgeworfen, - auf die einzige Möglichkeit, Perfektion zu messen. Und das verhält sich so: nach einem Giro aller Gipfel menschlicher Empfindungen muss man sich eingestehen, nicht anders als menschlich fühlen zu können, nicht anders als menschlich wahrnehmen zu können. Auch im Zusammenhang mit Perfektion. Gerade im Zusammenhang mit Perfektion!
Die einen finden es erbaulich, zu wissen, dass alles Beste seinen Ursprung im Menschlichen hat. Die anderen befinden sich auf dem höchsten und pursten Gipfel menschenmöglicher Empfindung und suchen verzweifelt nach der Stiege, welche ihnen den Griff nach den Sternen erlaubt. Perfektion ist und bleibt in jedem Fall menschlich. Erfahren kann man das auf die eine oder die andere Art.
Ich sehe mich gerne damit konfrontiert. Das perfekte Album – man getraut sich das ja kaum auszusprechen. Geschweige denn aufzuschreiben, wo doch jedem Wort so unbequeme Resistenz zukommt. Ist Perfektion zum Tabu verkommen? Scheuen wir sie in Wahrheit so sehr, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als sie zu leugnen und ihr eine Aura des Unerreichbaren und Fantastischen zuzusprechen?
Linda Lewis lehrt mich mit „Lark“ das Gegenteil. Wie einfach Perfektion erreicht werden kann nämlich. „Lark“ entfaltet innerhalb dieser Lektion seine grenzenlose Erbaulichkeit. Lewis hat auf „Lark“ keinerlei Ambitionen, Musik neu zu erfinden. Sie ergibt sich Althergebrachtem und Bewährtem. Diese Bequemlichkeit macht sich definitiv in der Art und Weise bemerkbar, wie sie die losen Enden von Blues, Soul und Folk zusammenbringt. Die Grundstimmung des Albums ist vielmehr Gelassenheit denn Umtriebigkeit, welche man in der Diversität ihrer Musik vermuten könnte. Das liegt vielleicht daran, dass man es bei der Selbstverständlichkeit der Musik Lewis’ bleiben lassen könnte, diese Anteile zu deklarieren, um sie isoliert voneinander zu betrachten. Man versteht die Maschine nicht besser, wenn man sie in ihre Einzelteile zerlegt. Die richtige Kombination, das Zusammenwirken, die Komplementarität und Ergänzung sind entscheidend. Und die Maschine funktioniert im Fall von „Lark“ einwandfrei. Weder Zündungsstörungen, noch Übersetzungsprobleme oder Bremsversagen. „Lark“ entwickelt eine erdige Präsenz. Die Musik ist im Moment des Hörens das einzig Richtige, was zu tun ist. „Lark“ verbindet einen in seltsamer Weise mit der eigenen Hörgewohnheit.
Ist es nun ein Vergehen, dieses Album als perfekt zu bezeichnen? Ich würde diese Frage nicht stellen, wäre ich mir nicht gewiss, dass mir meine Betrachtung niemand absprechen kann. Oder anders: was für mich perfekt ist, kann für euch eine handbreit von den Sternen entfernt sein. Wenn’s denn so ist, muss es sich dabei um die knappste Handbreit überhaupt handeln. Nur soviel: selten habe ich es als dermassen simpel und befreiend empfunden, der Perfektion nachzugeben, wie im Fall von Linda Lewis’ „Lark“.
Seit 1972 im Handel.
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Anspieltipps:
> Spring Song
> Feeling Feeling
Diskographie:
> Say No More (1971)
> Lark (1972)
> Fathoms Deep (1973)
> Heart Strings (1974)
> Not a Little Girl Anymore (1975)
> Woman Overboard (1977)
> Hacienda View (1979)
> A Tear and a Smile (1983)
> Second Nature (1995)
> Whatever... (1998)
> Kiss of Life (1999)
> Live in Old Smokey (2006)
Ähnliche Künstler:
> Stevie Wonder
> Minnie Riperton / Rotary Connection
> Gene McDaniels