Die Geschichte, die dieses Album begleitet, ist genauso berührend wie die Musik selbst.
Little Jimmy Scott hatte es nie einfach. Seine Körpergrösse und seine Sopran-Stimme zeugen von der angeborenen Erbkrankheit, die seine Pubertät (und damit das folgende Wachstum und den Stimmbruch) ausbleiben liess. Mit dreizehn Jahren wurde er Vollwaise, als er seine Mutter bei einem Autounfall verlor. In seinen Zwanziger-Jahren konnte er erste Erfolge als Sänger verzeichnen, zum Feiern derer kam er allerdings nicht. Er sang den Hit “Everybody’s Somebodys Fool“ mit der Lionel Hampton Band, gelistet wurde er aber nur als anonymer Sänger. Einige Jahre später sang er “Embraceable You“ für Charlie Parker – fälschlicherweise wurde eine Sängerin an seiner Stelle in den Credits erwähnt. Erst 1962 schien sich das Blatt für ihn gewendet zu haben. Seine ersten Alben Mitte der 50er für das Savoy-Label bescherten Little Jimmy Scott zwar keinen Erfolg, liessen allerdings R&B-Star Ray Charles auf ihn aufmerksam werden. Charles holte Scott zu seinem Tangerine Label, heuerte einige geniale Studiomusiker an und lieferte Scott so eine unübertreffliche Vorlage.
Die meisterliche Verwertung jener Vorlage ist offensichtlich. Seine entrückt anmutende Stimme gibt starken Gefühlen Ausdruck. Ob von schwerer Pein gezeichnet oder durch die erwiderte Liebe beflügelt, sein Gesang geht bei jedem der zehn Stücke unter die Haut. Wie Jimmy Scott, hier offenbar auf dem Höhepunkt seiner stimmlichen Fähigkeiten, jedes der Worte perfekt akzentuiert, die langen Noten zur Perfektion hin hält, das ist selten gehört und höchste Sangeskunst. Kein Wunder, zählte ihn etwa Lady Lay zu ihren Lieblingssängern, und kein Wunder, werden gar Vergleiche mit dem sonst so unerreichbaren Frank Sinatra gezogen, wenn es um die technische Virtuosität geht. Was “Falling In Love Is Wonderful“ aber definitiv zu einem der besten Vocal Jazz-Alben aller Zeiten macht, ist die hinreissend schöne Orchestrierung. Die schmelzenden Streicher heben Scotts Gesang in jedem Stück in den Himmel, Wundertaten sind vom gefühlsvoll aufspielenden Ray Charles am Piano zu bestaunen, die Flöten umschmeicheln in aller Sänfte unsere Ohren. Geradezu in die Knie zwingen so die genial arrangierten Instrumental-Zwischenspiele in “If I Should Lose You“ und “I’m Getting Sentimental Over You“. Ein weiteres Highlight ist “I Didn’t Know What Time It Was“, bei dem sich schwungvoller Piano-Blues vor die bittersüsse Streicherfassade drängt. Man beachte auch das Klavierspiel im himmlisch schönen “How Deep Is The Ocean“ – nur im Hintergrund tänzelnd, wie einzelne Wassertropfen fallen die Noten ins Klangmeer, in einem kraftvollen Intermezzo zieht Charles den Hörer dann mit sich in die Tiefe. Kurzum: Scotts Gesang ist genial, doch die Musik ist es nicht minder.
„Falling In Love Is Wonderful“ bricht Herzen genauso wie es den bereits gebrochenen Trost spendet, doch was sicher bleibt: eines der schönsten und besondersten Vocal-Alben des letzten Jahrhunderts. Meinen grössten Dank an Jimmy Scott, Ray Charles und die Goldgräber bei Rhino.
Rhino? Ja, weil: Das Musiker-Glück sollte Jimmy Scott noch zwanzig weitere Jahre verwehrt bleiben. Herman Lubinsky, der Inhaber des Savoy-Labels, liess verlauten, dass Scott immer noch bei ihm unter Vertrag stünde und beantragte den Verkaufsstopp von “Falling In Love Is Wonderful“. Mit Erfolg. Nur wenige Tage nach dem Verkaufsstart 1962 verschwand das Album aus den Regalen und fristete die nächsten Dekaden das Dasein als Sammlerstück. Jimmy Scott nahm noch ein weiteres Album für das Tangerine Label (“The Source“, 2000 veröffentlicht) auf und kehrte daraufhin zum Savoy Label zurück. Anfang der Siebziger-Jahre gab Scott seine Musikerkarriere auf und reiste ins heimische Cleveland zurück, wo er als Liftboy arbeitete. Anfang der Neunziger-Jahre nahm sein Leben eine erneute Wende, diesmal zum dauerhaft Positiven. Als Jimmy Scott 1991 auf der Beerdigung seines langjährigen Freundes Doc Pomus sang, rief er sich der Musikindustrie wieder in Erinnerung. Im Jahr darauf war Scott in Lou Reeds “Power and Glory“ zu hören, das ebenjenem Songwriter Doc Pomus gewidmet war und kam zu einem mittlerweile legendären Auftritt im meisterlichen Finale von David Lynchs TV-Serie Twin Peaks. Ab Mitte der 1990er Jahre veröffentlichte Jimmy Scott wieder neue Musik. Und ganze vierzig Jahre nach dem ursprünglichen Release ermöglichte das Boutique Label Rhino Handmade “Falling In Love Is Wonderful“ den verdienten Re-Release.
Seit 1962/2002 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label
Anspieltipps:
> They Say It’s Wonderful
> I’m Getting Sentimental Over You