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Marvin Gaye - Here My Dear

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von Tobias Imbach am Freitag, 29. Juni 2007 in ältere Schmuckstücke   

Genre: Soul  |  Label: Motown (Universal Switzerland)

Here My DearErst gescheut, spät geliebt
Das legendäre „Here My Dear“ ist Marvin Gayes persönlichstes und vielleicht auch bestes Album.

1961 heiratete Marvin Gaye Anne Gordy, die älteste Schwester des Motown-Label-Gründers Berry Gordy. Anne Gordy liess sich nach vierzehn schwierigen, problemgeprägten Ehejahren von Gaye scheiden, und sollte als Abfindung einen Teil der Einnahmen erhalten, die ihr Ex-Gatte mit seinem nächsten Album erzielen würde. An sein neustes Werk machte sich Gaye damals mit dem Gedanken im Hinterkopf, möglichst rasch und ohne grossen kreativen Einsatz zu arbeiten. Ironischerweise erschuf der leidende Künstler nach und nach sein anspruchsvollstes, tiefsinnigstes und persönlichstes Album, ausschliesslich seiner Exfrau und der gescheiterten Ehe gewidmet.

Im Gegensatz zu Gayes grossen künstlerischen und kommerziellen Erfolgen wie “What's Going On“ (1971) oder “Let’s Get It On“ (1973) ist “Here My Dear“ schwerer verdaulich geraten. Blicke in seelische Abgründe, bittere Selbstmitleidigkeit und ungehemmter Sarkasmus sind auf “Here My Dear“ dauerpräsent und machen es zu einem Album, mit dem sich Kritiker als auch Publikum reichlich schwer taten. Damals verkannt, als zu eigenwillig abgetan, hatte es im Laufe der Zeit den Ruf als einzigartiges Meisterwerk erlangt.

Der berühmteste und zentrale Song von “Here My Dear“ ist das geniale  „When Did You Stop Loving Me, When Did I Stop Loving You”, das ohne übliche Songstrukturen auskommt und in drei verschiedenen Formen auf dem Album erklingt. Ein absolutes Highlight ist auch das einleitende “Here My Dear“, unverhohlene Abneigung in wärmsten, wohlig-kitschigen Klängen verpackt. Meist in einem sanften Klangbild gehalten, fungieren hauptsächlich gedämpfte Drums, Bläser, (Bass-)Gitarren und besonders herausragend die von Gaye eingespielten Keyboardklänge als musikalische Untermalung. Die Bezeichnung Smooth Soul passt dazu ganz gut, ausserdem haben auch groovige Funk- und Jazz-Elemente ihren Platz gefunden und veredeln diesen warmen, organischen Mix, dem auf Dauer hin nicht widerstanden werden kann. Der brillant arrangierte Gesang ist’s aber, wie jeder Soulhörer weiss, der Marvin Gaye-Alben wirklich in den Soul-Olymp hebt, und bei “Here My Dear“ ist das nicht anders, auch wenn sich die seelische Erschöpftheit und der Schmerz natürlich bemerkbar machen.

Ein Album, ohne herausragende Hits, das von Anfang bis zum Schluss gehört werden sollte und seine wahre Grösse erst dann offenbaren wird, sobald sich Hörer ihm wirklich widmen. „Here My Dear“ bietet nicht nur die genialsten Lyrics in Gayes Repertoire, sondern auch einige der grössten Vocal-Leistungen, nicht nur von Marvin Gaye, nicht nur im Bereich der Black Music, nein, überhaupt. Zusammen mit “What’s going on“ und “Let’s Get It On“ sein grösstes Werk und eines der besten R&B-Alben der 70er.


Seit 15. Dezember 1978 im Handel.

Anspieltipps:
Here My Dear, When Did You Stop Loving Me, When Did I Stop Loving You, Sparrow, Funky Space Reincarnation
Trackliste: 1) Here, My Dear; 2) I Met a Little Girl; 3) When Did You Stop Loving Me, When Did I Stop Loving You; 4) Anger; 5) Is That Enough; 6) Everybody Needs Love; 7) Time to Get It Together; 8) Sparrow; 9) Anna's Song; 10) When Did You Stop Loving Me, When Did I Stop Loving You [Instrumental]; 11) A Funky Space Reincarnation; 12) You Can Leave, But It's Gonna Cost You; 13) Falling in Love Again; 14) When Did You Stop Loving Me, When Did I Stop Loving You [Reprise]
similar artists: Al Green, Stevie Wonder, Kim Weston, Tammi Terell

> Hören und Kaufen > Label > CH-Vertrieb

Bio:
Marvin Gaye wurde 1939 in Washington als Marvin Pentz Gay Junior geboren (das e fügte er später, wie Sam Cooke es zuvor schon getan hatte, seinem Nachnamen hinzu). Seine Eltern waren Mitglieder der christlich-konservativen Freikirche "House of God" (der Vater war Prediger) und schon in jungen Jahren erlernte Marvin Gaye das Klavier- und Schlagzeugspiel. Nach dem Schulabschluss und der Dienstzeit in der amerikanischen Luftwaffe begann Gaye seine musikalische Karriere durch die Mitgliedschaft in diversen Doo/Woop-Bands wie den Rainbows, später den Moonglows, aber auch als Schlagzeuger für Smokey Robinson.  Nach einem Konzertauftritt in Detroit erhielt Gaye 1961 von Berry Gordy das Angebot, eine Solokarriere beim legendären Detroiter Label Motown zu starten. Gaye fühlte sich zu Beginn etwas in die Rolle des Schmacht-Soul singenden Romantikers gedrückt, avancierte aber nach und nach zum grössten Star des Labels, alleine 1964 hatte Gaye knapp 40 Top 40-Singles, darunter legendäre Duette mit Kim Weston, Tammi Terrell und Mary Wells wie “Ain't No Mountain High Enough“ oder “Your Precious Love“. Nachhaltig veränderte Marvin Gaye die Soullandschaft, als er 1971 “What’s Going On“ veröffentlichte, das eine Kehrtwende bedeutete, was Inhalt und Stil seiner Musik anging. Berry Gordy wollte dieses von Gaye selbst produzierte, überambitiöse Werk erst gar nicht veröffentlichen. Schlussendlich wurde es doch veröffentlicht und ebnete so den Weg für einzelne Musiker, etwa Stevie Wonder, die sich bald auch künstlerische Freiheiten nahmen. Nach dem jazzigen “Trouble Man“-Soundtrack folgte 1973 mit dem erotisierenden “Let’s Get It On“ ein weiterer Meilenstein. Weg von sozialkritischen Themen wandte sich Marvin Gaye hiermit persönlichen Fragen zu. In Gayes Leben häuften sich im Verlauf der 70er-Jahre die persönlichen Probleme. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau Anna Gordy Gaye, die er im 78er-Werk “Here My Dear“ thematisierte, schien Gaye seine Drogenprobleme nicht mehr in den Griff zu kriegen. Auch die zweite Ehe, die er mit Janis Elizabeth Hunter eingegangen war, drohte zu scheitern. 1981, Gaye war in der Zwischenzeit aufgrund von finanziellen Problemen aus den USA weggezogen, nahm er mit dem tiefgründigen “In Our  Lifetime“ ein weiteres ambitiöses Werk in Angriff. Bevor Motown das Album allerdings veröffentlichte, überarbeitete und verfremdete das Label die Aufnahmen ohne Gayes Zustimmung, was zu einer Trennung führte. 1982 kam Gaye bei Columbia Records unter und brachte mit “Midnight Love“ sein letztes Album raus, das ihm zu erneutem Star-Status verhalf. Darauf zu finden war mit “Sexual Healing“ auch einer seiner grössten Hits, bei dem er, abgesehen vom Gitarrenspiel, jedes einzelne Instrument selbst einspielte. Auch mit Motown-Chef Berry Gordy versöhnte sich Gaye kurz darauf wieder, und auch wenn dies erst eine positive Entwicklung nach den vielen  problemreichen Jahren hätte verheissen können, geriet sein Leben immer mehr aus den Fugen. Um die Situation wieder in den Griff zu kriegen, kehrte Gaye zurück in die Staaten, zu seinen Eltern. Unglücklicherweise half dies Marvin Gaye nicht viel, er stürzte in tiefe Depressionen, zerstritt sich mit den Eltern und versuchte mehrmals, Selbstmord zu begehen. Ein Tag vor seinem 45. Geburtstag starb Marvin Gaye – von seinem Vater nach einem erhitzten Streit erschossen, aus Notwehr.

Marvin Gaye
Diskographie:
> The Soulful Moods of Marvin Gaye (1961)
> That Stubborn Kinda Fellow (1963)
> Marvin Gaye Recorded Live on Stage (1963)
> When I'm Alone I Cry (1964)
> Marvin Gaye & Mary Wells - Together (1964)
> Hello Broadway (1964)
> How Sweet It Is To Be Loved By You (1965)
> A Tribute to the Great Nat "King" Cole (1965)
> Moods of Marvin Gaye (1966)
> Marvin Gaye & Kim Weston - Take Two (1966)
> Marvin Gaye & Tammi Terrell - United (1967)
> Marvin Gaye at the Copa (1967)
> In the Groove (1969 als “I Heard It Through the Grapevine” wieder veröffentlicht)
> You're All I Need (1968)
> Easy (1969)
> M.P.G. (1969)
> That's the Way Love Is (1970)
> What's Going On (1971)
> You're the Man (1972)
> Trouble Man (1972)
> Let's Get It On
> Diana Ross & Marvin Gaye - Diana & Marvin (1973)
> Marvin Gaye Live! (1974)
> I Want You (1976)
> Live at the London Palladium (1977)
> Here, My Dear (1978)
> In Our Lifetime (1981)
> Midnight Love (1982)
> Dream Of A Lifetime (1985)
> Romantically Yours (1985)
> Vulnerable (1997)
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