Das Cover von “Incesticide“ zeigt ein Ölgemälde Cobains. Ein auf
Knochen reduziertes Wesen, eine Mohnblume, eine Porzellanpuppe, die
Stirn entzwei. You puke, you sweat, you shit your bed. Sinnbild des
körperlichen Zerfalls.
[Übersicht zum Nirvana-Special auf exitmusic.ch]
Nach “Nevermind“ verging ein Jahr, bevor Nirvana mit “Incesticide“ nachdoppelte. Für Kurt die wohl intensivste Zeit seines Lebens: Heirat mit Courtney Love; Geburt von Frances Bean (für dessen Sorgerecht Cobain später kämpfen musste); Tournee in Europa, Kalifornien, Australien, Neuseeland, Japan und Hawaii; Konzerte mit Pearl Jam und den Chili Peppers; vorzeitiger Abbruch des Drogenentzugs.
„I feel really sorry for anyone who thinks they can use heroine as a medicine because, duh, it don't work. Drug withdrawel is everything you ever heard: You puke, you sweat, you shit your bed. It's evil, leave it alone!“
Im September 1992 die MTV Music Awards. Nirvana will “Rape Me“ spielen, was ihnen untersagt wird. Hinter der Bühne Handgreiflichkeiten zwischen Cobain und Axl Rose, welche die Medien, wie alles von Nirvana, genüsslich ausschlachten. Wenige Tage zuvor lässt sich Kurt beim Reading Festival in Anspielung auf seinen Gesundheitszustand in einem Rollstuhl und mit einem Patientenkittel bekleidet auf die Bühne fahren. Dann ist es so weit – am 15. Dezember erscheint “Incesticide.“
Die Platte? Eine Collage aus Cover-Versionen, Raritäten, Radio-Sessions und Demos, die wunderschön Nirvanas Entwicklung aufzeigt. So sind mit Crover, Grohl, Peters und Chamming gleich vier verschiedene Drummer zu hören. Die Band wurde damals als Vorbote des Grunge gefeiert – ein Begriff, den Mudhoney Sänger Mark Arm schon 1980 verwendete und der in der alternativen Szene zu “Bleach“-Zeiten schon längst präsent war, und ein Titel, den Cobain stets ablehnte.
Im Booklet rechnet die Band mit rassistischen, schwulen- und frauenfeindlichen Nirvana-Fans und den Medien ab. Musikalisch zeigt “Incesticide“ die Wandlung vom Grunge auf “Bleach“ zum Punk-Pop auf “Nevermind“: Simpel gestrickte Riffs in “Stain“ und “Aero Zeppelin“, in Gitarrenrock verpackte Popmelodien wie “Sliver“ und “Been a Son“, pure Grunge Tracks im Stile von “Dive“ und “Mexican Seafood“ sowie ungeschliffener Punk mit “Beeswax“ und “Hairspray Queen“. Dazu Covers von Devo (“Turnaround“) und den Vaselines (“Molly's Lips“ und “Son of a Gun“), eine ursprüngliche Version von “Polly“ (das wie “Aneurysm“ während einer BBC-Session entstand), das langsame “Big Long Now“ und “Downer“ vom Rerelease von “Bleach“.
“Incesticide“ kam zu einer Zeit, als Cobain und Courtney als Drogen konsumierendes Rock'n'Roll-Ehepaar von den Medien regelrecht ausgeschlachtet wurden und für viele Amerikaner das Hassobjekt #1 waren. An die Vorgänger reicht die Platte zwar nicht ran, sehr schön verdeutlicht sie aber die Entwicklung und das musikalische Schaffen der Band. Das wahre, ungeschliffene Gesicht von Nirvana, die vom polierten Pop-Glanz von Nevermind bewusst nicht mehr viel übrig liessen.
Seit Dezember 1992 im Handel.
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Anspieltipps:
> Sliver
> Been A Son
> Mexican Seafood
Diskographie:
> Love Buzz / Big Cheese (1988)
> Bleach (1989)
> Blew (1989)
> Sliver / Dive (1990)
> Molly’s Lips / Candy (1991)
> Here She Comes Now / Venus in Furs (1991)
> Smells Like Teen Spirit (1991)
> Nevermind (1991)
> Come as You Are (1992)
> Lithium (1992)
> Hormoaning (1992)
> In Bloom (1992)
> Incesticide (1992)
> Oh, the Guilt / Puss (1993)
> In Utero (1993)
> Heart-Shaped Box (1993)
> All Apologies / Rape Me (1993)
> MTV Unplugged in New York (1994)
> Pennyroyal Tea (1994)
> Singles (1995)
> From the Muddy Banks of the Wishkah (1996)
> Nirvana (2002)
> With The Lights Out (2004)
> Sliver: The best-of box (2005)
Ähnliche Künstler:
> Mudhoney
> Meat Puppets
> Butthole Surfers