Hätte die Numero Group das erste und einzige Album der Colorado-stämmigen Band Propinquity nicht neu aufgelegt, wären deren verträumte Folkklänge wohl für immer verschollen.
Während um 1970 Bands wie Crosby, Stills, Nash & Young oder Grateful Dead auf der Spitze des Erfolgs standen, experimentierten die zwei jungen Herren Jason Potter und Pat Hubbard mit ihren Gitarren und schufen eigenwillige Harmonien, die den Grundstein für den späteren Klang von Propinquity legen sollten.
Die eigentliche Geschichte von Propinquity begann 1967, als Hubbard ein alljährliches Schülerkonzert namens „Sing-In Boulder“ leitete und diesem zu regionalem Erfolg verhalf. Er nahm bereits 1969 mit dem darauf aufmerksam gewordenen Oak Throne, Besitzer des lokalen Non-Profit Labels „Owl“, erste Songs auf. „Charmaine“, einer davon, findet sich als Bonustrack auf dem neu aufgelegten Album. Noch im selben Jahr verliess Pat Hubbard Boulder, um sich in Oberlin (Ohio) mit seinem alten Schulfreund Jason Potter zu treffen und dort einige Zeit zu verbringen.
Unterdessen übernahm die 18-jährige Carla Sciaky, ein Ausnahmetalent, die Führung des „Sing-In Boulder“ und begann nebenbei mit Mel Stonebraker aufzutreten. Schnell bot sich dem Duo die Möglichkeit in einem Restaurant, „The Hungry Farmer“, regelmässig zu musizieren.
Wahrscheinlich durch das gleichnamige Lied der Nitty Gritty Dirt Band inspiriert, nannten sich die beiden kurzerhand „Propinquity“, was soviel wie „sich nahe stehen“ bedeutet.
Von Oberlin ernüchtert, kehrte Hubbard 1971 nach Boulder zurück und begann mit der Band zu proben. In dieser Zeit trat der Perkussionist Jeff Harper der Truppe bei. Erstaunlicherweise schaffte es die liebliche Folkband, gegen Ende des Sommers, das gesamte „Hungry Farmer“ Woche für Woche mit 200-300 Menschenseelen zu füllen.
Hubbard, der sich einen vielschichtigeren Sound wünschte, verlangte nach Jason Potter. Ende Oktober stiess dieser mit einer handvoll Kleidung und einer brandneuen akustischen Gitarre zur Band. Mit Potters Songschreiber-Talent sollte die Band nun mehr als genug Material für ein Album haben.
Trotzdem spielte die nun komplette Band von 1971 – 1972 noch immer im „Hungry Farmer“ und gelegentlich in Ski-Resorts. Sonst arbeitslos, stand es ihnen frei zu üben, wann immer Sciaky und Stonebraker nicht die Schulbank drückten. Obwohl alle gut von den Gigs leben konnten, brauchten sie mehr Equipment und schrien förmlich danach ins Studio zu gehen, um ihre Songs aufzunehmen. Ob Zufall oder Schicksal: Genau zur rechten Zeit liefen sie Oak Throne vom Owl Label über den Weg. 1972 verbrachten sie Februar und März, Tag und Nacht im Studio. Das Owl Label, bekannt für experimentellen Sound, veröffentlichte mit Propinquitys Album eines der kommerzielleren Sorte.
Jedes Mitglied ausser Jeff Harper hat mindestens einen Song zum Debütalbum beigesteuert. Dadurch entstand eine wunderschöne Mischung atmosphärischer, teilweise leicht Rock-angehauchter Folksongs. Diese beginnen meist verhalten mit einfachen Gitarren- oder Pianoklängen, können aber durchaus ins Uptempo übergehen. Was simpel beginnt steigert sich in einigen Songs zu einem komplexen Klangteppich. Obschon sich die Melancholie wie ein roter Faden durch das Album zieht, sind es besonders die Harmonien welche den Songs Wärme verleihen und ein Gefühl von Geborgenheit hervorrufen.
Das Album wird mit dem unerhört wehmütigen und gleichzeitig hoffnungsvollen „People Come“ eröffnet, ein Lied über das Ende einer Beziehung. Die zwei Stücke „I A Fairy Tale Lady“ und „Miles Before Sleeping“, welche Sciaky beisteuerte, sind ganz im Stile britischer Folksängerinnen wie Anne Briggs oder Vashti Bunyan. Spärlich von Gitarre und Piano begleitet, trägt Sciaky mit ihrer ätherischen, ausdrucksstarken Stimme ihre melancholischen, selbstgeschriebenen Stücke vor – „when I was younger I did dream, now I am older and I’ve seen – I still dream“, singt sie etwa in „I A Fairy Tale Lady“. In „Tappan Square“ und „Standing In The Doorway“, singen Hubbard und Potter vom Abschied nehmen. Mit grösster Wahrscheinlichkeit vom Verlassen Oberlin’s, dessen Universitätspark den Namen „Tappan Square“ trägt und besonders im Herbst einen Besuch wert sein soll. Stonebrakers Beitrag „Dorian: 240 Lament“, ist ein schöner, merklich an Townes Van Zandt’s Songwriting angelehnter Song, was kaum verwundert, da es wiederum Stonebraker ist, der das einzige Cover des Albums, „I’ll Be Here In The Morning“, singt. Das Duett von Hubbard und Sciaky im Lied „Window“ verursacht Gänsehaut und betört zugleich.
Die wahre Perle des Albums ist „Ohio“, eine Ode an die Vergangenheit. Hubbard singt von Träumen, der Zeit in Ohio und dem Wunsch sich wieder dort hin zu begeben. Hinreissend wird Ohios Natur im Refrain besungen und man beginnt sich schon selbst nach Ohios aufgehender Sonne und zirpenden Grillen zu sehnen.
Das Album verkaufte sich unter den fünf- bis sechshundert Fans von Boulder bis Colorado Springs recht gut, doch schien dies nicht genug zu sein, um die durch die Aufnahme entstandenen Kosten zu decken. Obwohl Propinquity fortfuhr, eigene Songs zu schreiben und vorzuführen („Child“ und „Suite For Windy Spring“), schien die Hoffnung, ein weiteres Album aufzunehmen sehr klein. Trotz einer längeren Tour begann sich die Gruppe allmählich aufzulösen. Zurück bleibt ihr erstes und einziges wundervolles Album, das glücklicherweise von der Numero Group neu aufgelegt wurde. Über den Verbleib der Mitglieder heisst es am Ende des Booklets schlicht: „Propinquity stayed true to their name, all still in Boulder, all still great friends“.
Seit 1973 / 25. September 2007 im Handel.
> Hören und Kaufen > Label
Anspieltipps:
> People Come
> And I A Fairy Tale Lady
> Window
> Ohio
Diskographie:
> Propinquity (1973)
Ähnliche Künstler:
> Crosby, Stills, Nash (&Young)
> Grateful Dead
> Jonathan Edwards
> Anne Briggs
> Vashti Bunyan
> Heron