"Stormcock" ist das Referenzwerk in Harper’s Katalog. Ursprüngliche Gesetzmässigkeiten des Urteilens über Musik lässt es kaum zu. Denn "Stormcock" beantwortet Fragen, welche nicht gestellt wurden.
Das Bedürfnis, Musik zu messen ist allgegenwärtig. Dabei werden allerlei Indikatoren herbeigezogen. Immer wieder muss die Gretchenfrage beantwortet werden: Ist es möglich, individuelles Schaffen zu richten? Sind wir nicht zum Scheitern verurteilt, wenn es darum geht, über ein Universum, welches sich in einem Kunstwerk verbirgt, nach unseren eigenen Massstäben zu urteilen?
Das ist ein Paradoxon, welches genau so alt ist wie die Kritik an der Kunst. Wir gelangen immer wieder an jenen Punkt, wo wir uns eingestehen müssen, dass der eigene Geschmack alleiniger Richter ist. Das Gefühl, von einem Album tief betroffen zu sein, werde ich nicht in andere Menschen übertragen können. Und dabei handelt es sich um eine zwischenmenschliche Misere. Du fühlst nicht, was ich fühle, wenn ich mir das grossartige und schändlich missachtete "Stormcock" von Roy Harper anhöre.
Harper hatte nach seinem Militärdienst mit einer mentalen Instabilität zu kämpfen. Bei seinen Aufenthalten in Anstalten wurde er unter anderem mit Elektroschocks therapiert. An dieser Stelle bleibt offen, inwiefern sich diese Tortur in seiner Musik niederschlug. Aber befasst man sich eingehend mit "Stormcock", muss man zum Schluss kommen, dass hier sehr wohl die Verletzungen an seiner Seele vertont wurden.
"Stormcock" könnte ein verschollenes Glied zwischen Pink Floyd’s "Meddle" und Led Zeppelin’s "IV" sein. Diese Vergleiche sind nicht unangebracht. Zumal Jimmy Page auf "Stormcock" ein Gastspiel gibt. Jedoch ist nicht nur Page’s Gitarrenarbeit bei „The Same Old Rock“ tadellos, - auch die Versiertheit Harper’s auf der akustischen Gitarre ist erstaunlich. Bei "Stormcock" handelt es sich um das Referenzwerk im Katalog von Roy Harper. Kein anderes Album von ihm glänzt komplett ohne Taucher.
„Me And My Woman“ ist der Track, welcher trotz der gesamthaften Grösse des Albums, spezielle Erwähnung verdient. Harper’s Epik in den Vocals, die aufwühlenden Wechsel, die Melodieführung und schlussendlich die Orchestrierung lassen den letzten Song auf "Stormcock" als einmaliges Kleinod erstrahlen.
Die zuvor beschriebene zwischenmenschliche Misere kann man bedauern. Oder man kann sie dazu nutzen, eine ganzheitliche Ansicht des Albums zu erlangen. Fremder Geschmack kann nämlich als Herausforderung angenommen werden. Und gerade an "Stormcock" dürften sich die unterschiedlichsten Geschmäcker erfreuen.
Das Universum, welches sich in "Stormcock" verbirgt, mag ein tragisches sein. Man muss jedoch nichts über den Menschen Roy Harper wissen, um das zu spüren. Seine Musik genügt sich in ihrer Rolle als Vermittlerin. Und so wohnt dieser grossen Misere schlussendlich ein Anflug Bescheidenheit inne, welchen wir mit Dankbarkeit bemerken.
Seit 1971 im Handel.
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Anspieltipps:
> Me and my Woman
> Hors d’Oevres
Diskographie:
> 1967 - Sophisticated Beggar
> 1968 - Come Out Fighting Ghengis Smith
> 1969 - Folkjokeopus
> 1970 - Flat Baroque and Berserk
> 1971 - Stormcock
> 1973 - Lifemask
> 1974 - Valentine
> 1975 - HQ (US title: When An Old Cricketer Leaves The Crease)
> 1977 - Bullinamingvase (US title: One of those Days in England)
> 1980 - The Unknown Soldier
> 1982 - Work of Heart
> 1984 - Born in Captivity
> 1985 - Whatever Happened to Jugula? (with Jimmy Page)
> 1988 - Descendants of Smith
> 1988 - Loony on the Bus
> 1990 - Once
> 1992 - Death or Glory?
> 1994 - Commercial Breaks (Previously unreleased album from 1977. 9 of the 11 tracks are available on Loony on the Bus)
> 1994 - Garden of Uranium (Re-issue of Descendants of Smith)
> 1998 - The Dream Society
> 2000 - The Green Man
> 2001 - Royal Festival Hall Live 2001
Ähnliche Künstler:
> Led Zeppelin
> Pink Floyd
> Roger Rodier