“...we wanted the songs to be funereal but passionate…” (Robert Smith)
Wie auch immer das hätte klingen
sollen. „Faith“ – die textliche Auseinandersetzung über den Glauben an
und für sich – malt intensive, erschütternde, klaustrophobische
Soundkulissen, wie sie noch nie zuvor zu hören waren. Morbid, düster,
beinahe religiös...
Im Herbst 1980, vor Inangriffnahme der Aufnahmen
zu „Faith“, befand sich The Cure – nach einer missglückten
Australien-Tour – an einem ihrer Tiefstpunkte, welchen sie einige Zeit
später, Mitte 1982 nach Abschluss der Pornography-Tour – noch
unterschreiten würden.
Matthieu Hartley sah sich nach der Rückkehr von Australien nicht mehr
länger im Stande, als Keyboarder bei The Cure mitzuwirken, womit die
Band vom Quartett zum Trio schrumpfte. Leicht desillusioniert
mussten/wollten/sollten The Cure trotz alledem den Nachfolger zu
„Seventeen Seconds“ (1980) Gestalt annehmen lassen.
Die ersten Demo-Sessions Ende September 1980 sprachen jedoch eine
grundlegend andere Sprache, wie sich Robert Smith erinnert: „...the
demos were far from right...; ...the versions were somehow
lacklustre...“
Erschwerend hinzu kam der Umstand, dass Mastermind Smith das Album im
Kopf bereits deutlich beisammen hatte, doch die praktische Umsetzung
die gedanklich gespeicherten Vorstellungen verfehlten. Die weiteren
Sessions im Februar 1981 unterstrichen dies deutlich. Weitere Gründe –
nebst den vorgenannten bandinternen – lagen in den Tribut zollenden
Zinsen der Bewusstseins erweiternden Kapitaleinwürfen vergangener
Monate.
Rückblickend konstatiert ein doch zufriedener Smith: „I love the album,
even though at the time I wasn’t really sure we’d made it quite right.
It probably wasn’t as extreme as I’d hoped it would be, and I felt we’d
maybe pulled back from the edge too soon.”
Allen negativen Vorzeichen und schlechten Kritiken zum Trotz schaffte
das Album bereits zwei Wochen nach Veröffentlichung im April 1981 den
Chartseintritt (Höchstplatzierung Platz 14) und erbrachte The Cure die
bisherige Höchstplatzierung.
#1 The Holy Hour
Düster, ganz ganz düster wird’s zu Beginn von „Faith“. Der
charakterstarke Flanger-Basslauf von Simon Gallup, der stoische Beat
von Lol Tolhurst – untermalt von kaum Gutes verheissendem
Kirchturmglockengeläut und Tonanhaltkeyboard –, die sich aus der weiten
Tiefe langsam aber sicher heran schrammelnde Gitarre sowie der
weinerlich durchdringende Gesang von Rober Smith erschaffen innert
Kürze eine wohlige, andererseits beklemmende Atmosphäre. Das simple,
doch effektvolle Riffing wird schliesslich über die gesamte Songdauer
strikte durchgezogen, wobei die unterdessen noch weniger Gutes
verheissenden letzten drei Glockenschläge einen würdigen Abschluss
ergeben.
#2 Primary
Der mittels zwei E-Bässen und einem Baritone-Bass eingespielte,
gegenläufige 16tel-Grundtrack liefert das solide Fundament des nach
vorne strebenden und fast schon poppigen Single-Hits vorliegender
Platte. Der Album untypischste und gleichzeitig erfolgreichste
Cure-Song zu dieser Zeit. Kann es so eigentlich nur bei The Cure geben.
#3 Other Voices
„Other Voices“ knüpft dann strukturell gesehen wieder eher am
Openingtrack an: Der charakteristische Basslauf (übrigens interessante
und effekterhaschende Kanalaufteilung des allenfalls zweifach
eingespielten redundanten Basslicks), der gleichförmige Beat von A bis
Z und der jammernde, gleichzeitig klimpernde Smith lassen nach
vorgängigem Wirbelsturm wieder in die Tiefen der cure’schen
Gedankenwelt eintauchen. Ich beliebe ab hier das Zimmer zu verdunkeln.
#4 All Cats Are Grey
Percussives Drumming und ein fein gewobener Keyboardteppich saugen
einen langsam und bestimmt in sich auf. „All Cats Are Grey“ löst in mir
auf der Stelle eine Art Autogenes-Training-Gefühl aus. Alle Glieder
werden schwer und exakt ab hier schaffe ich es kaum noch, die
Stereoanlage ausser Betrieb zu nehmen. Lasse ich mich also mit diesem
Lied ein, so finde ich mich eigentlich erst wieder, wenn die Songzeile
„...I went away alone with nothing left but faith...“ des Schlusstracks
„Faith“ erklingt. Und das ist für mich mitunter etwas absolut
faszinierendes an diesem Album.
#5 The Funereal Party
Ein hymnenhafter und schwer lastender Song. Die absolut logische
Fortsetzung nach „All Cats Are Grey“. Mein persönliches Koma hält an,
resp. erleidet nachhaltige Schwere. Textlich möchte ich allgemein keine
allzu grossen Deutungen wagen; es höre/lese ein(e) jede(r) heraus, was
ihr/ihm stimmig scheint.
#6 Doubt
Bei „Doubt“ wage ich nun aber doch zu deuten, dass es sich hierbei
möglicherweise um die Vertonung des inneren Twists bezüglich
Zweifel/Glaube handeln könnte. Der Song beschreibt in jedem Falle eine
jähe Zäsur. Nach dem komatösen Zustand während voriger Tracks will
„Doubt“ vor allem Herausschreien und dies schieftonal – eigentlich
nicht unpassend, dass die Aufnahme auf dem linken Kanal zeitweise
leicht übersteuert. Stümperhafte, böse Zungen beliebten bei
Veröffentlichung zu behaupten, dass „Primary“ und „Doubt“ einfach nur
schnelle Versionen von den übrigen Songs auf „Faith“ darstellten.
#7 The Drowning Man
Ein Song in Form des tiefst möglichen Abgrundes, ähnliches, resp.
tiefergehendes habe ich seit Konsum dieses Songs nie wieder zu Ohren
bekommen (auch von The Cure nicht). Ich verspüre akute Atemnot ob
Textzeilen wie: „...you leave me breathing like the drowning man...“.
Back to coma, nur eben um Weiten tiefer – beinahe endgültig. Was Smiths
Gesang, der links/rechts sich ergänzend ineinander schmilzt, hier
offenbart ist eben schwärzer denn das schwärzeste Loch. Die
zweistimmige Gitarrenarbeit, untermauert durch den stets dagegen
pulsierenden Bass und der erneut percussive, zusätzlich mit Echoeffekt
überlagerte Rhythmus lassen einen verlieren – jeglichen Halt, Grund und
Boden! Fühlt sich an wie eine tiefe Müdigkeit, eine wohlige Wärme, eine
Rückkehr die es nie geben wird, ein Dasein, was nie war.
Zu den Gesangsaufnahmen für „The Drowning Man“ mag sich Smith an
folgende Begebenheit erinnern: „I remember trying to sing „The Drowning
Man“, and I was waiting for the vocals to start, forgetting that I was
the singer…”!
#8 Faith
Der Titeltrack mit seinen wunderbaren, verzogenen Einzählstöcken. Nur
schon diese drei Sekunden strahlen aus, was in den weiteren knapp
sieben Minuten Offenbarung wird: Hoffnungsvolle Hoffnungslosigkeit. Ein
ruhiger, Schritt für Schritt nach vorne gleitender Dramatizer. Keine
schiere „nur“ verschriene Dramatik, eher eine lyrische Dramaturgie,
vertont, um verstanden zu werden und Unverständnis zu produzieren; denn
wie, um alles in der Welt, hat man Aussagen wie „...there’s nothing
left but faith...“ zu deuten?
Ich denke das bleibt offen; zu hoffen.
Seit 14. April 1981 im Handel.
Anspieltipps: nur das Gesamtwerk – und zwar exakt von vorne bis hinten: Random Play Strictly Prohibited!!!
Trackliste: 1) The Holy Hour; 2) Primary; 3) Other Voices; 4)
All Cats Are Grey; 5) The Funeral Party; 6) Doubt; 7) The Drowning Man;
8) Faith
similar artists: Siouxsie And The Banshees, Joy Division, Sisters Of Mercy
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Bio:
Es war 1976 in Crawley, Sussex – inmitten der Blütezeit des englischen
Punks – als die siebzehnjährigen Studenten und Schulfreunde Robert
Smith (Gesang und Gitarre), Michael Dempsey (Bass), Laurence „Lol“
Tolhurst (Schlagzeug) und Porl Thompson (Gitarre) die Band Easy Cure
formierten. Schon von Beginn weg begannen sie ihre eigenen Songs zu
schreiben. Bereits 1977 auditionierten sie für Hansa Records und
ergatterten einen Vertrag – dotiert mit £ 1'000.--.
Doch bereits ein Jahr später, als Hansa Records und Easy Cure sich
nicht über die künftige Ausrichtung der Band einig wurden, unterschrieb
die schlicht in The Cure umbenannte und zum Trio geschrumpfte
Mannschaft (ohne Porl Thompson) einen Vertrag beim jüngst gegründeten
Label Fiction Records des ehemaligen Polydor A&R Chris Parry. Die
ersten Aufnahmen für Fiction Records – darunter das Stück „Do The
Hansa“, gedacht als Seitenhieb gegen Hansa Records, blieben vorerst
unveröffentlicht.
Die erste Single der heutigen Kultband The Cure – „Killing An Arab“ –
erschien schliesslich in 1978 und löste ob des Titels heftigste
Kontroversen bzgl. Rassismusverdacht aus. Der Songtext, welcher seitens
Smith in Anlehnung an den Roman „The Stranger“ des französischen
Existentialisten Albert Camus entstand, war fern ab einer rassistischen
Haltung, doch das erforderliche Verständnis/Feingespür hierfür war
seitens Musikpresse nicht vorhanden. Später wurde die Single nur noch
mit Anti-Rassismus-Aufkleber vertrieben.
1979 war das Jahr der ersten Full-Length-Veröffentlichung von The Cure.
Das Album „Three Imaginary Boys“ entstand während den Aufnahmepausen
der Band The Jam, welche gerade an „All Mod Cons“ arbeiteten. D.h. um
22:00, nachdem The Jam das Studio verliessen, schlichen sich The Cure
ein und spielten während fünf Nächten die Songs mehrfach Live ein, um
später eine Auswahl treffen zu können (unter Benützung des The Jam
Drum-Kits!!!). Das Resultat kommentiert Smith heute folgendermassen:
„..the icy veneer imposed by Chris Parry gave the record a distinctive
character, ’cause it didn’t sound like anybody else at the time. It had
a very stark quality to it, and as first albums go, I figured it was
pretty good; it just wasn’t the noise I really wanted to make.”
Weniger in Ordnung für Smith war die Welt, als er zum ersten Mal die
zugehörige Album-Graphik in Form der fertigen Platte (zugestellt per
Post!?) zu sehen bekam. Mit Staubsauger, Ständerleuchte und Kühlschrank
konnte er sich weiss Gott nicht identifizieren. Für Mastermind Smith
war klar, dass er fortan niemanden mehr Entscheidungen treffen lassen
würde, welche etwelche Belange der Band betrafen. So sah er sich,
gereift um die Erfahrung des Debutalbums, gezwungen, spätestens ab
„Seventeen Seconds“ die komplette Entscheidungsgewalt inne zu behalten.
Er nennt heute die Entstehung und den Release des Albums „Seventeen
Seconds“ in 1980 (neu mit Simon Gallup am Bass) als eigentlichen
Startpunkt von The Cure. Die nachfolgende Erfolgsgeschichte der heute
allseits bekannten Gruppe wird von diversen Zerreisproben begleitet
(nach dem letzten Konzert der Pornography-Tour am 11. Juni 1982
verlässt Simon Gallup die Band). Smith und Tolhurst arbeiten fortan
eher projektspezifisch und veröffentlichen nach den dunkeln LPs „Faith“
(1981) und „Pornography“ (1982) sehr poppige!!! und gleichzeitig
überaus erfolgreiche Singles wie „Let’s Go To Bed“ (1982), „The Walk“
(1983) und „Lovecats“ (1983). Ferner scheint Smith von seinem
Gitarristen-Posten innerhalb Siouxsie And The Banshees derart angetan,
dass umgehend die mediale Gerüchteküche zu brodeln beginnt. Das Album
„The Top“ (1984) erarbeitet Smith beinahe beiläufig und im Alleingang,
während dem er zusätzlich in die Siouxsie And The Banshees-Produktion
„Hyaene“ involviert ist.
1985 kehrt Simon Gallup wieder zu The Cure zurück, womit die Ära Smith
– Tolhurst – Thompson (war bei Easy Cure schon dabei) – Gallup und
Williams (Ex-Thompson Twins) eingeläutet wurde, welche ihr tragisches
Ende im Frühjahr 1989 findet, als ein Zerwürfnis für die
unwiderrufliche Trennung (begleitet mit einem immensen Rechtsstreit)
der Cure-Väter erster Stunde – Smith und Tolhurst – sorgte. Ab dann bis
heute bleiben Smith und Gallup die Fixsterne im Cure-Line Up. Das
Karussell dreht sich – obwohl die endgültige Auflösung von The Cure mit
jedem neuen Release Tatsache zu werden droht, denn “Disintegration“ war
bereits 1989...
Diskographie:
> Three Imaginary Boys (1979)
> Boys Don’t Cry (USA 1980)
> Seventeen Seconds (1980)
> Faith (1981)
> Happily Ever After (Seventeen Seconds & Faith) (USA 1981)
> Pornography (1982)
> Japanese Whispers (1983)
> The Top (1984)
> Concert (1984)
> The Head On The Door (1985)
> Standing On A Beach/Staring At The Sea (1986)
> Kiss Me Kiss Me Kiss Me (1987)
> Disintegration (1989)
> Mixed Up (1990)
> Integration (USA 1990)
> Entreat (1990)
> Wish (1992)
> Show (1993)
> Paris (1993)
> Wild Mood Swings (1996)
> Galore (1997)
> Bloodflowers (2000)
> Greatest Hits (2001)
> The Cure (2004)
> Join The Dots: B-Sides and Rarities 1978-2001 (2004)
Quellennachweis: Erster Abschnitt des Textes auf Basis der Liner Notes aus „Faith – Deluxe Edition“