Minimale Hausmusik und geil gemeinte Popsongs vom talentierten Neomusiker Johannes Finke.
Hat hier jemand ein kleines Testosteron-Problemchen? Einen Hormonüberschuss vielleicht? Oder möchte da einer einfach nur sexy sein? Hä, Johannes? Zuerst gibt er sich natürlich erstmals prüde und träumt wie ein kleiner Junge davon, einmal „das beste Fussballspiel“ zu sehen; das Beste an „Mein Stand-By“ übrigens, sind die ersten zehn Sekunden, danach kommt nur noch warme Luft. Anyway, dass Finke es draufhat, veranschaulicht der Deutsche auf dem nachfolgenden Stück, der Single-Auskopplung „Wo bist du?“, nicht ganz so gut wie der gleichnamige Song von Kollege Justus, aber doch ein sehr hübscher und ansehnlicher Poptrack: „Wo bist du? / Wo bin ich? / Was liegt dazwischen / Wenn wir das nur wüssten“ kann man gar mitsingen, ohne als obszön oder notgeil abgestempelt zu werden. Was danach kommt, nämlich nicht mehr. Die Songstrukturen bleiben zwar scheu wie ein kleines und unschuldiges Mäuschen, aber textlich wird Druck gemacht. „Alles vom ersten Kuss bis zum derbsten Fick, es war nie schlecht“; das als Exempel. Und wie der Finke in seinen leisen, akustischen Gitarrenpopsongs das Wort „Fick“ akzentuiert, ist ja sowas von erotisch, dass man „Nichts wird sich immer alles nicht ändern“ fast schon als deutsche Sexplatte gelten lassen dürfte. Erwähnte Ausdrücke brauchen etwa genauso viel Mut wie „die Menschen auf der Strasse, die scheisse aussehen“ zum „Rudelfick“ herauszufordern. Und während man sich überlegt, ob das nun lustig, frech, derb oder stockdumm ist, wollen wir bereits wieder „frei und unkontrollierbar geil sein“. Wie Raketen eben. Ganz im Gegensatz dazu, die Struktur der dreizehn Tracks von Johannes Finke, die sich textlich knapp (aber nicht prägnant) und musikalisch reduziert (aber nicht präzise) halten. Die zwischenzeitlich wirklich gelungenen Melodiebögen würden in anderer Präsentation grössere Ausrufezeichen setzen können, aber so bleiben „die neue grosse Depression“ (mit klasse Refrain) und seine Freunde einfach unabgeholt am Bahnhof stehen. Umso mehr fallen wieder die erstaunlich häufig vorkommenden Geilheitssymptome auf. Und diese sind in ihrer alltäglichen Verwendung auf diesem Album fast schon revolutionär und nicht einmal störend. Irgendwie muss der Finke ja auf sich aufmerksam machen; bei diesen Songs, die sich - antagonistisch zu den Worten - verstecken und besser sind, als man hört.
Seit 18. Mai 2006 im Handel.
Anspieltipps: Wo bist du; Die neue grosse Depression; Minimale Hausmusik
Trackliste: 1) Mein Stand-By; 2) Wo bist du; 3) Retour; 4) Die Menschen auf der Strasse; 5) Raketen; 6) Die neue grosse Depression; 7) Minimale Hausmusik; 8) Hallo; 9) 39 Grad; 10) Nichts wird sich immer alles nicht ändern; 11) Das Kapital; 12) Bis zum Schluss; 13) How fantastic (Genua)
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Bio:
Der 1974 in Marbach geborene Autor und Verleger pendelt zwischen Stuttgart und Berlin. 1999 erschien der vielgelesene und -diskutierte Gedichtband "Sex mit Monika Kruse oder Stell' Dir vor es ist Pop und keiner geht hin!", von dem die jüngste Literaturgeschichte sagt: "Explizite Anti-Schnösel-Pop-Dichtung" (Von Acid bis Adlon). Zuletzt schrieb er das deutsche Intro für das 'Battleship Potemkin'-Projekt der Pet Shop Boys und das Theaterstück "Agenten & Akteuere 1" mit Robert Stadlober in der Hauptrolle. Seine Songs erscheinen bei Pavlek Records, zuletzt die EP "your wohnzimmer & my leben" (im Vertrieb von Hausmusik), aktuell das Album "Nichts wird sich immer alles nicht ändern".