Genre: Alternative/Progrock | Label: Inkmusic (Broken Silence) | Unsere Wertung: 7.0/10
WM-Favorit Österreich
Across The Delta kommen aus Österreich. Im Skisport letzte Saison glücklicherweise enttäuschend, bezüglich alternativer Musikkultur jedoch eine Goldgrube.
Doch wen interessieren mitten im Sommer die Resultate der einzigen wirklich spannenden Sportart, dem alpinen Skisport. Zur Zeit frönen die Massen, soweit ich dies mitbekommen habe, eher diesem hochkomplexen Ballsport. Bei mir zuhause hängt darum die österreichische Fahne im Balkon. Einerseits um meine Sympathie für dieses grossartige, zweitschönste Alpenland zu bekunden, andererseits um allfällige fussballbegeisterte Passanten zu irritieren. Heimlich hoffe ich dann, dass diese, an meinem Balkon vorbei laufenden Menschen sich folgende Gedanken machen (und ja: ich traue dies meiner Nachbarschaft durchaus zu): 'Hööö, was esch das denn för ne Fahne, Mann?', 'Aber die send doch ade WM gar ned debii, Mann', oder 'Häää, huere schwuul, det wohnid Ööschtriicher, Mann'.
Soweit die Sport- und Nachbarschaftsberichterstattung. „Passports & Souvenirs“ startet mit dem gleichnamigen Song mit Piano und eindringlichem Gesang. Der erste, vom Intro vermittelte Eindruck passt. Schon bei „Everlasting Sound“ erkennt der geübte Hörer sofort, dass hier eine üppige Portion Zeit und Detailversessenheit drin steckt. Schön konstruierter Rocksong, saubere Gitarrenarbeit, cleverer Umgang mit Rhythmus und Dichte. Doch sogleich gerate ich mit einem persönlichen, wohl ewig währenden Problem in Kontakt: der Gesang. Ich bin der Meinung, dass Gesang dann angebracht ist, wenn er 1. eigenwillig und unverkennbar ist (Björk, Anthony Hegarty, Wild Beasts, Scumbucket, Amanda Palmer, The Cranberries) oder 2. stimmlich nicht zwingend überzeugend ist, jedoch exakt zur Musik / zum Gesamtkunstwerk passt (Joy Division, Interpol, Art Brut) oder 3. ein eigenes Genre begründet (Singer/Songwriter). Im Falle von Across The Delta muss ich zugestehen, dass mit dieser eine Spur zu ausschweifend oder aufdringlich ist. Stimmlich überzeugt Johannes Reisinger durchwegs, vor allem in den ruhigen Songs (z.B. Das abschliessende „Symbol Eraser“) glänzt dieser, ausserdem kommt er mit der englischen Sprache bestens zurecht (uns Alpenbewohnern wird ja jeweils vorgeworfen, das englische nicht akzentfrei über die Lippen zu bringen; Blödsinn), trotzdem liefert die Band eine dermassen vielseitige, wuchtige Soundkulisse, dass bezüglich Gesang rein quantitativ ein bisschen weniger eben mehr wäre. Vereinzelte, mehr oder minder ausgiebige Instrumentalparts auf dem Album sprechen für sich.
Ein erster Höhepunkt ist „Like a Lantern in a Hall“. Eine Spur dezenter als die bisherigen Tracks, der Refrain wie aus einem Guss, wunderbarer Zwischenteil, selbstverliebtes Gitarrenspiel im Hintergrund. Einflüsse wie Dredg (mit denen haben die Lamps Of Delta schon spielen dürfen) oder Porcupine Tree hört man deutlich raus. Das Album verläuft auf ungeraden Bahnen. Mal kräftig bis heftig, mal dezent und beinahe zärtlich, dann wieder aufrecht und direkt. Die Band kombiniert mit einer beinahe beängstigenden Selbstverständlichkeit sauberen Pop mit phasenweise beeindruckendem Progressiverock und konsumentenfreundlichem Alternative. Trotzdem oder gerade dank dem wird das Album nie nervig (weil zu laut oder chaotisch) oder langweilig. Die Stücke sind meist mehrfach verschachtelt und entsprechend aufwändig konstruiert, man könnte eine gewisse Übereifrigkeit im Sinne von schweizerischer Perfektion oder Pingeligkeit vorwerfen. Etwas mehr unsaubere Dreistigkeit hätte hier und da nicht geschadet. Entsprechend fehlen sogenannte 'Ear-catcher'. Jeder Song verlangt vom Hörer Konzentration, überrascht und fordert, trotzdem bleibt relativ wenig hängen.
Fazit: Wunderbar konstruierte Platte, vielseitig, durchdacht, musikalisch wie technisch auf hohem Niveau. Oder dumm ausgedrückt: die Vertonung von Carlo Jankas Skifertigkeiten. Darauf würde ich mir nun gerne ein kühles Stigl und 'nen Palatschinken gönnen (wie so häufig wird es auf ein Eichhof und 'ne Cervelat rauslaufen...).
Seit 28. Mai 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Like a Lantern in a Hall
> Machines Working in a Starry Hall
Diskographie:
> Dancing to Architecture (2006)
> Passports & Souvenirs (2010)
Ähnliche Künstler:
> Dredg
> Placebo
> Porcupine Tree