Genre: Post-Dubstep, Alternative R&B, Downbeat-Songwriter, Chillwave | Label: Vagrant (Irascible) | Unsere Wertung: 6.0/10
Die kalte Schulter
Kopfstimme und Harfenklänge. So engelhaft wie das auf den ersten Blick scheint, ist es dann beim genaueren Hinhören aber nicht. Von wegen „Heaven is a Place on Earth“! Schein ist halt nicht Sein.
Wie man an diesen ersten Zeilen sieht, ist es eine echte Herausforderung, über Pat Grossi a.k.a. Active Child zu schreiben und dabei Klischees aussen vor zu lassen. Ein Mann mit Harfe, Kopfstimme und gefühlsbetonter Musik bietet sich einfach dafür an. Gefühlsbetonte Musik und Kopfstimme hat sich dank Fleet Foxes, Wild Beasts und Bon Iver in der Blogosphäre gut eingebürgert. Aber die Harfe verbindet man wahlweise mit Orpheus, Hector Berlioz, kitschiger New Age-Musik oder Joanna Newsom. Active Childs grosses Verdienst ist es, das Instrument in seine Fassung von elektronischer Musik einzuspannen. Dadurch bringt er eigentümlich schillernde Klangfarben in seine Musik. Doch damit hat es sich mit den Eigenheiten von Active Child, denn das Album enthält derart viel Konsens, dass es zum Teil ein bisschen zu viel des Guten ist.
Wenn man das Erstlingswerk „You Are All I See“ in den Kontext einer neunen Welle der elektronischen Musik, die R&B- und Post-Dubstep-Elemente zu geisterhaft schönen Songs verbindet, einbettet, dann beantwortet das fast alle Fragen: Hyperaktiv ist an Active Child höchstens der Name. Leider fällt Grossi zwischen Stuhl und Bank. Seine Songs haben nicht die Leichtfüssigkeit eines CEO, nicht die Magie eines James Blake, und nicht die künstlerische Ambition wie das aktuelle Album von Bon Iver. Dennoch gibt es immer wieder Momente in denen alles stimmt und man merkt, zu was für einem tollen Album Active Child fähig wäre, wenn es da auf „You Are All I See“ nur nicht so viel Füllmaterial gäbe.
Wenn man „You Are All I See“ autobiographisch deuten will, dann kann man ohne Übertreibung sagen, dass Grossi eine schwierige Phase durchlief. Er lamentiert auf dem Album ohne Ermüdungserscheinungen über die unnahbare Geliebte, die nichts von ihm wissen will, und dass er für sie nur ein „Mr. Anybody“ sei. Je weniger sie von ihm wissen will, desto mehr betet er sie an und verklärt sie zur „High Priestess“. Damit erreicht er den Höhepunkt des Albums. Kein Wunder, dass seine Angebetete bei so viel Gejammer das Weite sucht. Und damit wären wir beim Teufelskreis, der passenderweise „You Are All I See“ betitelt ist.
Grossis Texte sind sehr konkret und beziehen sich nicht auf geheimnisvolle Sphären, sondern auf das Alltägliche, das die Songs bisweilen entmystifiziert. Durch Halleffekte und andere Spielereien ist die Stimme Grossis stark im Vordergrund und hat etwas Unmenschliches, etwas Kühl-Distanziertes, das in Konflikt mit den höchst persönlichen Texten steht. Manchmal macht das den Anschein als ob ein Kühlschrank über seine Gefühle singen würde. Etwas abseits steht der letzte Song, „Johnny Belinda“, der auf einen Film der Nachkriegszeit von Jean Negulesco anspielt. Der Film handelt von einer vergewaltigten taubstummen Frau – kein leichter Abschluss eines ziemlich düsteren Albums.
Irgendetwas geht an Grossis Rechnung nicht richtig auf. Vieles ist überzeugend an „You Are All I See“, vieles ist ein bisschen zu unausgegoren oder zu glatt. Nach dem Album bleibt er für mich trotz einiger sehr überzeugender Songs „Mr. Anybody“.
Seit 23. August 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> High Priestess
> Hanging on
> Playing House (feat. How To Dress Well)
Ähnliche Künstler:
> How To Dress Well
> The Weeknd
> Bon Iver („Bon Iver“)
> James Blake
> Jamie Woon
> CEO
> Mount Kimbie
> Washed Out
> Nicolas Jaar
> When Saints Go Machine
Diskographie:
> Curtis Lane EP (2010)
> You Are All I See (2011)