Mit „The Boxing Mirror“ jammert Alejandro Escovedo aus tiefsten Depressionen zu uns herauf. Eine gedämpfte E-Gitarre versetzt einem in den blauen Dunst einer Verlierer-Bar, spärliche Perkussion und eine schnapsgestärkte Stimme stellen die Weichen Richtung Blues. Von Beginn weg ist klar, dass Escovedo es seinen Zuhörern nicht leicht machen wird. Wer zum Vergnügen gekommen ist, dem wird eine distinguierte Singer-Songwriter-Schulter gezeigt, die höheren Ansprüchen als banaler Entzückung genügen will. Alejandro Escovedo ist derjenige, auf den kultivierte Senioren zurückgreifen können, wenn sie über den Unterschied zwischen dahingerotzten Tonansammlungen und echter Musik sprechen. Die Texte sind geballte Lebenserfahrung eines vom Leben schwer geprüften Kämpfers und Denkers mit einem Spektrum von grau bis sandfarben (manchmal auch erdig). Fazit scheint zu sein, dass wir am Ende sterben, ohne Antworten erhalten zu haben. Musikalisch begleitet wird diese hammerharte Härte des Seins hauptsächlich mit Drums und Gitarre, oft auch mit Streicher-Arrangements.
Sofern man Country nicht abgeneigt ist, klingt`s eigentlich nicht allzu übel. Allerdings muss man sagen, dass Escovedo ein intelligenter, aber nicht sonderlich talentierter Musiker ist. So hat er oft das Gespür für das richtige Stilmittel zum richtigen Zeitpunkt (Einsatz der Streicher, Gitarrensolos u.ä.), die Umsetzung begeistert jedoch nicht wirklich. Die einzelnen Parts in einem Song greifen nicht harmonisch ineinander, ergeben nur Stückwerk und kranken so letztendlich daran, dass selten eine richtige Melodie zustande kommt. Unter diesen Voraussetzungen wird natürlich keine Atmosphäre aufgebaut. Und wenn’s mit der Stimmung in „Died A Little Today“ doch mal klappt, wird sie vom folgenden „Take Your Place“ fast schon vorsätzlich wieder zerstört. Dieser nervtötende Rhythmus sollte niemandem zugemutet werden. Übrigens ebenso wenig wie „Looking For Love“, das aus unerfindlichen Gründen von einem total beschissenen Tinnituston begleitet wird. Diese drei sich ständig wiederholenden Piepser im Hintergrund sind bereits Grund genug, dass die Scheibe nie wieder in meinem Player landen wird. Und wenn gleich hinterher das faulig süssliche Klagelied „The Ladder“ erklingt, bekräftigt das diesen Entschluss.
Seit 28. April 2006 im Handel.
Anspieltipps: Died A Little Today
Trackliste: 1) Arizona; 2) Dear Head On This Wall; 3) Notes On Air; 4) Looking For Love; 5) The Ladder; 6) Break This Time; 7) Evita`s Lullaby; 8) Sacramento & Polk; 9) Died A Little Today; 10) Take Your Place; 11) The Boxing Mirror
similar artists: Elvis Costello, Corey Harris, Terry Callier, Scott Miller
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Bio:
Pedro Escovedo, Vater von zwölf Kindern, wanderte aus Saltillo (Mexico) nach Texas aus, wo Alejandro geboren wurde. Während der Vater sich als Musiker, Boxer und Gelegenheitsarbeiter durchschlug, erreichten drei seiner Söhne beachtlichen Erfolg im Musikgeschäft. Alejandros Brüder Coke und Pete arbeiteten unter anderem mit Santana und Malo zusammen. Er selbst, bekennender Fan der Rockmusik, war Mitglied in zahlreichen Bands. Ende der 80er Jahre vollführte er eine Veränderung hin zur „persönlicheren“ Musik, was ihn zum Singer-Songwriter machte. Mit seinen Soloalben fand er viel Beachtung und auch Anerkennung. „The Boxing Mirror“ ist bereits der achte Longplayer des Künstlers und setzt sein Schaffen gemäss mehrheitlicher Meinung der Musikpresse würdig fort.