Seit ihrem Debüt 1990 hat Ani DiFranco praktisch jedes Jahr
ein Studioalbum veröffentlicht. Wie gewohnt erhält man auch auf dem
diesjährigen Silberling Einsicht in Ani`s Gedankenwelt.
Nach 16 Jahren und noch mehr Studioalben kann man ohne allzu grossen Zynismus feststellen, dass Vieles aus DiFranco`s Feder sich in einem Gedichtband besser gemacht hätte als auf einem Tonträger. Auch „Reprieve“ besteht zu fünf Sechstel aus musikalisch blassen und lyrisch grundsätzlich schwermütigen Songs, bei denen über Vereinsamung, Weltentfremdung und Identitätsverlust in einer anonymitätsgierigen Gesellschaft geklagt wird.
Angesichts der wirklich guten Songs, die es im Gesamtwerk der Songwriterin vereinzelt zu entdecken gibt, ist es schade, dass DiFranco ihre Zuhörer nur selten mit ihrem zweifelsohne vorhandenen Talent belohnt und auf „Reprieve“ grösstenteils im rasch langweilenden Gitarren- und Basspurismus verweilt.
Immerhin ist der Opener „Hypnotized“ ein zwar dezenter aber auch sehr stimmiger Moment. Dass es sich dabei um einen Höhepunkt der Scheibe handelt, ist eher unbefriedigend. Denn auch die sonstigen Halbhöhepunkte wie etwa das textlich pfiffige „Half-Assed“ vermögen nicht vollends zu überzeugen. Und zwei bis drei einigermassen ansprechende Tracks reichen nun mal nicht aus, um den faden Geschmack der restlichen Lisa-Simpson-Weisheiten zu übertönen. Dies ist insbesondere bedauerlich, als man in fast jedem Song ein gewisses Potenzial entdecken kann, welches aber in improvisiert wirkendem Geschrammel oder ödem Sprechgesang untergeht. Zudem sind die Versuche, Feminismus auf poetische Weise in die Texte einzuarbeiten ziemlich kläglich („Manhattan is an island/ like the women who are/ surrounded by children“).
Vieles ist nur unausgereiftes Stückwerk, dem es an Form und Einheit fehlt. Kurz gesagt, mangelt es dem ganzen Album schlicht an Melodie. Wer bereits fünf, zehn oder 15 Scheiben der Dame sein Eigen nennt, wird wohl auch diese haben wollen. Auf der Suche nach schöner Musik darf man hier aber ruhig einen kleinen Bogen machen. Vielleicht hin zu Tracy Chapman, die es stets fertig bringt, ihre Botschaften und Anliegen wohlklingend zu verpacken. DiFranco hingegen sollte ihr Konzept der alljährlichen Platte überdenken und die Quantität zugunsten der Qualität vernachlässigen.
Seit 8. August 2006 im Handel.
Anspieltipps: Hypnotized; Decree; Half-Assed
Trackliste: 1) Hypnotized; 2) Subconscious; 3) In The Margins; 4) Nicotine; 5) Decree; 6) 78% H2O; 7) Millennium Theater; 8) Half-Assed; 9) Reprieve; 10) A Spade; 11) Unrequited; 12) Shroud; 13) Reprise
similar artists: Aimee Mann,
Fiona Apple, Beth Orton,
Natalie Merchant, Poe,
Tracy Chapman
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Bio:
Angela Marie DiFranco wurde 1970 in Buffalo, New York, geboren und startete ihre musikalische Karriere mithilfe eines Lehrers bereits mit 9 Jahren, indem sie in lokalen Coffee-Houses Beatles-Covers vortrug. Schon mit 14 hatte Ani ihre ersten Songs geschrieben und zog ein Jahr später von Zuhause aus, um ihr musikalisches Können in verschiendensten Folk-Clubs unter Beweis zu stellen. Mit 19 Jahren hatte sie bereits mehr als 100 eigene Songs in der Tasche und zog nach New York City um, um sich ernsthaft um ihre Musikkarriere zu kümmern. Die 500 ersten Demo-Tapes verkauften sich ausserordentlich gut und 1990 gründete Ani DiFranco ihr eigenes Label, Righteous Babe, auf dem sie seither jedes Jahr mindestens ein neues Album veröffentlicht hat. Ani DiFranco ist nicht nur bekannt für ihren Erfolg als Musikerin, sondern setzt sich auch politisch intensiv für verschiendste Zwecke ein.
Diskographie:
> Ani DiFranco (1990)
> Not So Soft (1991)
> Imperfectly (1992)
> Puddle Dive (1993)
> Like I Said (1993)
> Out Of Range (1994)
> Not A Pretty Girl (1995)
> Dilate (1996)
> Living In Clip (1997)
> Little Plastic Castle (1998)
> Up, Up, Up, Up, Up, Up (1999)
> To the Teeth (1999)
> Revelling / Reckoning (2001)
> So Much Shouting, So Much Laughter (2002)
> Evolve (2003)
> Educated Guess (2004)
>
Knuckle Down (2005)
> Reprieve (2006)