Genre: Singer/Songwriter | Label: Two Gentlemen (Irascible) | Unsere Wertung: 7.0/10
Gross i
m Bilde
Habt ihr den Bericht im Magazin gelesen? Das Bild auf der Coop-Zeitung gesehen? Das Interview im Radio gehört? Anna Aaron hatte vier lange Jahre Zeit, sich auf den erwarteten Rummel vorzubereiten.
Nein,
Anna Aaron ist keine Popdiva! Auf keinen Fall. Und so fühlt sie sich auch nicht. Man hat das Gefühl, umso länger die Pause nach dem Release der EP "Dry Your Tears Little Murderer" dauerte, umso mehr wartete die Presse darauf, auf das eingeschlagene Phänomen Sophie Hunger erstmals eine Nachfolgerin auszurufen. Die beiden scheinen zwar befreundet zu sein und präsentieren sich ähnlich privat verschwiegen und philosophisch erklärend in Interviews. Doch musikalisch gibts da wenig Gemeinsamkeiten, auch wenn die hellen Melodien im Vergleich zur EP bei Anna Aaron deutlich zugenommen haben und es zwischen der mystischen Tristesse, der pompösen Dunkelheit nun eine regelmässige Freundlichkeit in Form von mitreissenden Refrains Platz gefunden haben, die die Kühle manchmal in den Hintergrund drängen.
Anna Aaron bedient sich musikalisch weiterhin einer schwer greifbaren Sprache, die Themata und Wirkungen der Songs wechseln sich ab, auch wenn der Kampf zwar in jeder einer Zeile, aber nicht mehr in jedem Ton zu erkennen ist. Das eigentlich wundervolle "The Drainout", das sich in einer mit dem Trompeter Erik Truffaz veredelten Form auf der LP wiederfindet, wirkt plötzlich ein bisschen gar brav, das fetzige "Sea Monsters" klassisch eingängig. Die Tiefe in Anna Aarons Songs ergibt sich unter anderem durch die Tiefe in
ihrer Stimme, was erst bei näherer Betrachtung und nur in einzelnen
Songs - zum Beispiel im Refrain von "Queen of Sound" - etwas beholfen
wirkt.
Anna Aarons grosse Leistung auf "Dogs in Spirit" ist es, dass sie den Spagat zwischen eigenwilligen Kompositionen und pompösem Kitsch, zwischen bekannter Mystik und einem faszinierender Gedankenwelt meistert und jedem Song seine besondere Note aufdrückt. Sie nimmt die Melodien, die sie anspringen gerne an und interpretiert sie ungefiltert, so dass sie kombiniert faszinierend und eigenwillig gelingen - auf die Spitze treibt es nur das überbetonente "In the Devil's Camp". Wundervoll gelungen ist hingegen die angesprochene Mischung im brodelnden Sanftmut von "Siren", in der packenden Bitterkeit von "King of the Dogs" und der betörenden Verletzlichkeit von "Joanna".
Für die Bezeichnung Popdiva muss nicht nur die Musik sondern auch der Wille der Interpretin passen. Anna Aaron will nicht: Ihre neue CD ist zu verspielt, zu angriffig und vor allem weiterhin unberechenbar. Selbst, wenn gewartet wird.
Seit 19. August 2011 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Sea Monsters
> Siren
> Joanna
> A Sun Shines on Aimée
Diskographie:
> Dry Your Tears Little Murderer EP (2007)
> Dogs in Spirit (2011)
Ähnliche Künstler:
> Tiny Vipers
> Zola Jesus
> Nina Nastasia
> Marissa Nadler
> Keren Ann
1Kommentar
am Dienstag, 4. Oktober 2011 21:56
Ich habe Anna Aaron bisher zweimal live gesehen. Einmal vor einem Jahr als Vorgruppe und Alleinunterhalterin am Piano vor WovenHand und im August mit eigener Band. Die Entwicklung finde ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuschend. Das erste Konzert war magisch, das zweite überzeugte nur zur Hälfte. Sie ist und bleibt aber eine interessante und spannende Persönlichkeit, die in der schweizerischen Musikszene wirklich ihren Platz hat.