Jeder
erinnert sich an die fabelhaften Welten von Martin Handford und seinem
Protagonisten Walter, der sie aufsuchte. Doch statt einem gutgelaunten
bebrillten Wollpullover zwischen Dutzenden von Figuren finden wir auf
„The Crying Light“ einen Charakter, der alle Welten vereint, und doch
nirgendwo zuhause ist.
Antony Hegarty und seine Johnsons vollführen einen schwerfälligen Tanz, aber so konsequent, dass sie mit ihrem dritten Album zu beeindrucken wissen und mit ihrer pianobetonten Kammermusik, die sich zwischen Folk und Pop eingependelt hat, immer erfolgreicher sind. Es ist die Erscheinung und die unnatürliche Stimme von Antony, die im ersten Moment polarisieren. Das zweite Ohr aber erlaubt es, dass wir aus unserer Schwarz/Weiss Welt in ein sattes Grau treten.
Der Begeisterte sieht plötzlich gewöhnliche Songstrukturen und gefällige Lyrics, der Geschockte erkennt eine ungewöhnliche Wärme hinter einer geglaubten Kunstfigur. Man findet vielleicht keinen gemeinsamen Nenner zu diesem sonderbaren androgynen Wesen, aber trotzdem ist und bleibt die Wirkung einnehmend.
Der symbolisch grosse Unterschied zu „I Am A Bird Now“ besteht darin, dass die Gäste verschwunden sind. Drückten Rufus Wainwright,
Devendra Banhart und
Lou Reed auf dem Zweitling noch ihre Begeisterung musikalisch aus und erfanden sich mit der Hilfe von Antony jeweils neu, so dass Pathos und totale Leidenschaft im Vordergrund (ent)standen, meint man auf der neuen Platte eher einen Antony zu hören, der die Einheit mit der Musik sucht, der sich Zeit lässt und in einem Prozess mit ihr zu verschmelzen sucht.
„I need another place / Will there be peace? / I need another world / This one’s nearly gone” säuselt er in “Another World”, dem Titelsong auf der vorankündigenden Ep vom letzten Jahr. Ein Jahr, in welchem er sich von weltbewegenden Discohymnen mit Herkules & the Love Affair zu peinlichen Schnulzen mit Herbert Grönemeyer beamte.
„The Crying Light“ ist überraschend unspektakulär und sucht keine Verwandlung, das Werk zeigt sie nur auf. Man findet darauf einen Weltenbummler, der eigentlich gar keiner sein möchte.
Seit 16. Januar 2009 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Kiss My Name
> Another World
> Everglade
Diskographie:
> Antony and the Johnsons (2000)
> I Am A Bird Now (2005)
> The Crying Light (2008)
Ähnliche Künstler:
> Rufus Wainwright
> Bat for Lashes
> My Brightest Diamond
> Joan As Police Woman
> Micah P. Hinson
> Devendra Banhart
> Marc Almond
> The Divine Comedy
> Scott Walker
2Kommentar
am Mittwoch, 12. Mai 2010 12:51
...Gänsehaut, Tränen, wiedererkenen/-finden, bittersüßer Durst nach Schmerz, Sehnen nach Liebe. Es gibt keinen Künstler, den ich mit soviel Hingabe verehre, wie Antony Hegarty. Eine sehr schmerzvolle Trennung 2006 hat mich zu ihm geführt und auch wenn seine Musik immer wieder Anlaß gibt, dass diese Narben scheinbar auch nach Jahren nicht ganz verheilen wollen, nehme ich das gern in Kauf - für all das, was mir seine Musik an wundervollen Momenten schenkt. Ich bin ihm von Herzen dankbar! Frank/Dresden