Apollo Sunshine verströmen mit ihrem dritten Longplayer vielseitige Freuden. Dazu gehört auch ein beträchtliches Mass an Schwermut und Irritation. Aus vermeintlichen Gegensätzen modelliert das Trio aus Boston ein bekömmliches und frisches Album.
Ich bin gerne Herr der Lage. Ich bin kein Kontrollfreak aber alleweil kontrollgierig. Da gibt’s bedeutende Unterschiede. Gewollter und kontrollierter Kontrollverlust kann befreiend auf mich wirken. Kontrollierter Kontrollverlust. Also doch Kontrollfreak? Folgendes: da gibt es Musik, welche diese Zustände herausfordert. Aufschlussreiche Momente sind das jeweils, wenn einen ein Stück Musik die Kontrolle verlieren oder aufgeben lässt. Die Frage des aktiven oder passiven Kontrollverlusts stellt sich da nicht mehr. Apollo Sunshine erwecken mit ihrer einladenden Unbeschwertheit ein Vertrauen in mir. Die Lenkung der Geschicke innerhalb dieses Hörerlebnisses überlasse ich völlig ihrer Musik. Seltsam daran ist, dass dieses Gefühl in meinem Kopf um sich zu greifen scheint. Ich stelle mir das so vor, dass sich die Musik in Hirnareale überträgt, welche mit dem Hören von Musik nicht in direktem Zusammenhang stehen. Das ist kein Phänomen rein psychologischer Natur. Ich glaube, es handelt sich dabei grundsätzlich um neuronale und physiologische Vorgänge. Musikhören ist Chemie. Nur so kann ich das vollumfängliche Wohl erklären, welches mit Apollo Sunshine von mir Besitz ergreift.
Was ich eigentlich zu sagen versuche ist, dass Apollo Sunshine eine ganz wunderbare Band sind. Melodiös bis mitreissend rhythmisch. Barock bis reduziert. Psychedelisch bis modern. Gegensätze? Nicht im Universum von Apollo Sunshine. “Shall Noise Upon“ lässt alle (un)kontrollierten Kontrollfreaks ins sonore „Om“ verfallen. Es hat die angenehme Eigenschaft, die Frequenz unseres Kosmos aufzunehmen, zu modulieren und in verdaulichen Portionen wiederzugeben.
Folkige Gitarren ergänzen sich in diesem Sinn prächtig, mit schwerer oder bedächtiger Elektronik. Nicht umsonst ist das Album von einem Mann namens Edan koproduziert. Edan – man erinnert sich – ist verantwortlich für ein Bastard-Hip Hop-Album („Beauty and the Beat“), wie man sie bis dahin nur ab Def Jux oder von gewissen Exponenten des Stonesthrow-Katalogs kannte. Ich glaube, es ist nicht anmassend, zu behaupten, dass man seine Mitarbeit zumindest zweimal ganz direkt zu hören bekommt. Der Hybrid – und mit Edan war bei “Shall Noise Upon“ bestimmt ein Fachmann des Hybrids an den Reglern – funktioniert ganz wundervoll. Bottle Neck-Gitarren über einem gemächlichen Drum Machine-Beat, das ganze untermalt von wabernden Synths.
Die Grundessenz von “Shall Noise Upon“ bleibt trotz aller progressiven Einflüsse der Folk. Immer wieder sieht man sich in die staubigen Gassen eines North-Of-The-Boarder-Kaffs versetzt. Calexico’s Tex Mex ist in diesen Momenten ganz nah. Die Instrumentierung lässt auch ein-, zweimal an die Brüder Ween denken.
Die Vielseitigkeit von “Shall Noise Upon“ lässt keine Wünsche offen. Ein Prozess ist in Gang gesetzt, dessen Fortschreiten man bei nächster Gelegenheit sehr gerne wieder beiwohnt.
Seit 2. September 2008 im Handel.
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Anspieltipps:
> Breeze
> Happiness
Diskographie:
> Katonah (2003)
> Apollo Sunshine (2005)
> Shall Noise Upon (2008)
Ähnliche Künstler:
> Olivia Tremor Control
> Apples in Stereo
> The Flaming Lips
Inspiration:
> The Zombies
> Phil Spector
> Blues Project
> Beach Boys