Genre: Drone, Ambient, Darkwave, Noise, Industrial | Label: Denovali (Creative Eclipse) | Unsere Wertung: 7.0/10
The Stranger in Me
Bei „Phantom Ghost“ handelt es sich um eine Art musikalisches Äquivalent zu einer spiritistischen Seance, Wahrsagerei und Absinthrausch, zu englischen Spuknovellen und Edgar Allan Poe. Es ist Musik, die nicht den Verstand, sondern das Gemüt ins Visier nimmt. Die nicht analysiert, sondern empfunden werden will.
„Phantom Ghost“ ist surreal und symbolistisch, mal bedrückend und mal rauschhaft. Es ist Musik aus dem Unterbewusstsein für das Unterbewusstsein. Ein Hörgang durch das Album ist eine Konfrontation mit dem faszinierenden Fremden in sich selbst.
Trotz der relativ meditativen Grundstimmung des Albums herrschen in den einzelnen Stücken verschiede Gefühlslagen vor. Mit ätherisch-verkitschten, kathedralen-artig verhallten Stimmfetzen beginnt das Album. Dabei kommen zeitweise Gedanken an die klangliche Architektin Julianna Barwick und ihre Choralmusik für hippe junge Leute, die sich zu cool für New Age-Kompilationen aus der nächsten ex libris-Filiale finden, auf. Immer wieder erscheinen unerwartet geheimnisvolle Stimmen aus dem Nichts. Sie hören sich nicht nach Disneyland an wie die Tracks von einigen obskuren, billigen Witch House-Projekten, sondern sie scheinen wirklich aus einer anderen Sphäre zu kommen. AUN hat die Stimme als Ausdrucksmittel entdeckt.
In anderen Stücken klingen die nächtlichen industriellen Welten und die toten Städte von Future Sound of London oder Burial an. Wieder andere haben einen militärischen Grundklang und klingen nach Überwachungsstaat, Totalitarismus und Verfolgung. Trotz aller Tiefe: Die bodenlosen Abgründe, die auf ähnlichen Veröffentlichungen bisweilen auf den ahnungslosen Hörer lauern, gibt es hier nicht.
Auf den letzten Alben waren gewisse rudimentäre Indie-Rock-Wurmfortsätze vorhanden. AUN hat sich in der Zwischenzeit unter das Messer gelegt. Die Drums, die auf den letzten Alben nach Rock klangen, haben Platz für den Drum-Computer gemacht. Ein industriell angehauchter Drum-Computer, die sich keinen Deut darum schert, irgendwie menschlich zu klingen. Die Gitarrendrones, die den letzten Alben eine so organische Note verliehen haben, wurden durch eisige Synthesizerflächen weitgehend ersetzt. Wenn man es nicht wüsste, würde man nur vom Höreindruck dieses Albums nicht davon ausgehen, dass die Band durch My Bloody Valentine und Sonic Youth beeinflusst wurde. Das Einzige, was dieses Album mit Rockmusik verbindet, ist der Name des Albums, den es sich mit der Zweitband von Tocotronics Fahnenträger Dirk von Lowtzow teilt. Aber das ist auch schon alles.
Mit den Synthesizern gelingt es AUN, neue Klänge zu erschliessen und sehr abwechslungsreich zu klingen- Im Vergleich mit den Vorgängern ist das Klangbild aber ein bisschen zu abgeschliffen. Ein paar Kanten und Ecken mehr hätten dem Album gut getan. Dennoch ist das Album wie ein beeindruckender Film, der vor dem inneren Auge abläuft. Denn die Klänge von AUN schaffen es immer wieder, Bilder im Kopf des Hörers aufkeimen und wuchern zu lassen.
Wenn Trent Reznors Gage nach der letzten Oscarverleihung zu hoch wurde, um ihn für einen düsteren Soundtrack anzustellen, dann könnten die Kanadier eine gute und kostengünstigere Alternative sein.
Seit 28. Oktober 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Out of Mind
> Ghost
> Hidden Track
Ähnliche Künstler:
> Fuck Buttons
> Blanck Mass
> Trent Reznor
> Tim Hecker
> Julianna Barwick
> Atrium Carceri
> Tangerine Dream
> Future Sound of London
> Nurse With Wound
> Fennesz
> Atomtrakt
> Dead Can Dance
Diskographie:
> Blackhorse (2007)
> Whitehorse (2007)
> Multigone (2008)
> Motorsleep (2009)
> Utica EP (2009)
> VII (2010)
> Black Pyramid (2010)
> Phantom Ghost (2011)