Genre: Ambient, Neoklassik | Label: Bedroom Community (namskeio) | Unsere Wertung: 7.0/10
Aus der Tiefe des Raumes
Wie weit darf die Forschung gehen? Was kommt für die Menschheit an erster Stelle: wissenschaftlicher Fortschritt oder Moral?
Das sind die Kernfragen, auf denen der sowjetische Regisseur Andrei Tarkowski sein legendäres Science Fiction-Drama „Solaris“ aufbaute. Mit diesem Film beschäftigen sich nun der Isländer Daníel Bjarnason und der Australier Ben Frost, dessen Wahlheimat ebenfalls der nordische Inselstaat ist, gemeinsam.
Schwarmartig dräuend läutet das polnische Sinfonietta Cracovia-Streichorchester in „We Don´t Need Other Worlds, We Need Mirrors“ die Reise mit beeindruckend tiefem Melodieverständnis ein. Die Komponisten sind sich der beachtlichen Wucht dieses Ensembles bewusst und schöpfen es als Quelle treibender Kraft für ihre Stücke aus. Im Gegensatz dazu sind die spartanischen Piano-Konstruktionen, wie zum Beispiel in „Simulacra II“ besonders sanft und weich gehalten. Deshalb gelingt es oft, den Hörer mit der Schwere der Streicher förmlich zu erdrücken, und trotzdem reduziert zu bleiben. Gerade diese Fokussierung verursacht die beträchtliche Intensität dieses Werkes. Das Zittern, die bedrohlichen Vibrationen werden zu Ende geführt von gehörigen Explosionen. All das macht dieses Album unbequem, aber lässt einen die Stimmung und den Grundgedanken des Films in einer eindrucksvoll subjektiven Weise nachempfinden. So hat man bei „Hydrogen Sulfide“ die kalte Leere des Alls vor Augen, während „Unbreakable Silence“ so finster und gefährlich wirkt, wie der Ozean, der im Film die Psyche der Forscher als Rache für ihre zweifelhaften Experimente ins Chaos stürzt.
Das sonderbare, was „Sólaris“ so ungewöhnlich und eigenständig macht, ist im Prinzip seine bizarre Auswirkung. So ist man von der unglaublichen Enge, die mit sehr reduzierten Mitteln erzeugt wird, gleichzeitig überwältigt wie überfordert. Die gewaltigen Dynamiksprünge machen dieses Album klaustrophobisch, wie es die Raumstation aus seinem Vorbild ist. Ein ganz schön zäher Brocken ist das also, ein Werk, das viel Zeit für die Auseinandersetzung benötigt. Ein eindrucksvolles Experiment ist es wirklich geworden. Ob dieser Versuch geglückt ist, kommt auf den Standpunkt an. In jedem Fall haben die beiden Künstler ein beklemmendes, atmosphärisches Pendant zum Spielfilm geschaffen. Von Unterhaltung brauchen wir hier sowieso nicht zu sprechen, das war vermutlich auch gar nicht das angestrebte Ziel.
Seit 4. November 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> We Don´t Need Other Worlds, We Need Mirrors
> Unbreakable Silence
Diskographie:
> Sólaris (2011)
Ben Frost
> Theory of Machines (2007)
> By the Throat (2009)
Daníel Bjarnason
> Processions (2010)
Ähnliche Künstler:
> Jóhann Jóhansson
> Scott Walker
> Tim Hecker
> Nils Frahm
> Valgeir Sigurdsson