Erneut
kreativ und vielseitig integriert Björk Anthony Hegarty, Timbaland,
Harfen und Hörner sowie heftige Beats in ihre neuste Suppe: Technisch
perfekt, aber kaum eingängig.
Trotz der Tatsache, dass Björks letzten beiden Platten mehr von technischen Mitteln geprägt waren (bei „Medulla“ war die Stimme das Hauptorgan, bei „Drawing Restraint 9“ gab es keinen roten Faden), erscheint es nun schwieriger, die tonnenschwere Türe, welche in „Volta“ führen würde, zu öffnen. So kommt es, dass einem das vermeintlich billigste und schlechteste Stück „Declare Independence“ am meisten Spass bereitet, weil nur hier wirkliche Präsenz zu spüren ist (was natürlich nicht stimmt!), in den anderen Tracks ist aber Björk dermassen kompliziert und vielschichtig, dass weder einschichtige Melodien noch emotionaler Zündstoff vermittelt werden könnte.
Zweifellos ist man erneut erstaunt darüber, wie grandios Björk Kontinent durchmischte Instrumente und Elemente in spielerischer Manier verwendet, kommt dabei aber auch nicht über diese Verwunderung hinaus.
Fazit: Björk scheint nach ihrem versponnenen Soundtrack von 2005 nun zum zweiten Mal an ihrer „L’art pour l’art“-Kunst zu scheitern, weil ihr hyperenergischer, monumentaler Sound einfach zu wenig schlecht ist, folglich keine Türen öffnet, sondern nur wirkungslos im Raum steht, schwirrt, zirpt, tanzt und rockt, jedoch nur ganz selten im Herz und Hirn ankommt. Zu veranschaulichen ist diese Tatsache beispielsweise an den langen Pausen zwischen den Songs, wo die Zeit der Platte nicht voranschreitet, denn hier sind nur Geräuschkulissen – zweifellos grandios gestaltete – zu hören, aber wenig Harmonie (oder Disharmonie) und noch weniger Melodie. Die grosse Künstlerin wollte – so macht es den Anschein – dieses Mal einfach zu viel und das Tragische ist, sie hat noch nicht einmal etwas falsch gemacht oder nicht erreicht; die Platte besitzt handwerklich so viel Qualität wie keine andere Neuerscheinung dieses Jahres, das Album ist darüber hinaus fulminant instrumentiert, brillant gesungen und exzellent produziert.
„Vertebrae By Vertebrae“ ist beispielsweise riesig aufgebaut und entfacht eine nachhaltig wirkungsvolle Atmosphäre, „Earth Intruders“ ist der gelungene Schlachtruf zum Starten, „Wanderlust“ kann ganz laut endlos in die Ferne treiben und „The Dull Flame Of Desire“ ist eines der besten Duette seit langem.
Was fehlt, ist am Ende nur der Spass. Und dafür kann Björk schliesslich nichts.
Seit 4. Mai 2007 im Handel.
Anspieltipps: Wanderlust
Trackliste: 1) Earth Intruders; 2) Wanderlust; 3) The Dull Flame Of Desire; 4) Innocence; 5) I See Who You Are; 6) Vertebrae By Vertebrae; 7) Pneumonia; 8) Hope; 9) Declare Independece; 10) My Juvenile
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Bio:
Björk Gudmundsdóttir beginnt bereits früh, mit Musik umzugehen. Ihre erste Veröffentlichung stammt aus der Kindheit und beinhaltet ausschliesslich isländische Songs. Die kreative Björk versucht es vorerst im Alternativ-Punk und beginnt als Drummerin der rein weiblichen Band Spit & Snot. Ein Jahr später, mit 15, spielt sie Progrock mit Exodus, um ein Jahr darauf erneut Punk zu spielen. Mit 18 findet sie in Kukl, einer grossen isländischen Punkband, Platz, wo sie erstmals nicht nur die Nebenrolle einnimmt, sondern ins Rampenlicht gerät. 1986 bringt sie ihren Sohn Sidri zur Welt. Mit ihrem Mann Thor spielt sie in der unformierten Band Sugarcube, die Jahre später zu ersten internationalen Erfolgen kommt. Björk und Thor haben sich bereits getrennt, als „Birthday“ von Melody Maker zur Single des Jahres erkoren wird. 1992 lösen sich die Sugarcubes nach einer Tour mit U2 auf, und ein Jahr später erscheint „Debut“, Björks erste Soloplatte. Bis heute ist Björk wohl die wichtigste weibliche (Avantgarde)-Popkünstlerin der Welt, veröffentlichte zahlreiche Meisterwerke, sammelte schauspielerische Erfahrungen ("Dancer In The Dark") und polarisiert stetig mit bizarren Veröffentlichungen oder originellem Auftreten. Zuletzt erschien 2005 der Soundtrack „Drawing Restraint 9“ zum Film ihres Lebenspartners Matthew Barney und im Mai 2007 kam mit „Volta“ nach drei Jahren Pause endlich wieder ein neues Studioalbum der Isländerin heraus.