Es herrschten fünf Jahre Funkstille, doch nun ist der
Altmeister zurück. Mit mehr Groove, mehr Optimismus – und vor allem
mehr Ausgeglichenheit, wie es scheint.
Bob Dylan, der im Mai das Rentenalter erreichte, ist von der Pensionierung weit entfernt. Vielmehr scheint er momentan eine Art zweiten Frühling zu erleben. Noch immer ist er umtriebig, macht Filme, Radio und Platten und tourt und tourt und tourt. (Was man dann Never Ending Tour nennt.) Soeben ist sein 44. Album auf Columbia erschienen, der Plattenfirma, welcher er schon seit Beginn treu ist. „Modern Times“ heisst das neue Werk, das die Trilogie vollendet, die mit „Time Out Of Mind“ (1997) und „Love And Theft“ (2001) begann. Und gleich eines vorweg: Die Entwicklungsgeschichte ist abgeschlossen. Hatte es 1997, eine ernsthafte Lungenkrankheit war gerade ausgestanden, noch pessimistisch geheissen „I'm trying to get to heaven before they close the door“ oder „It's not dark yet, but it's getting there“, so regiert nun viel mehr ein (zuweilen etwas irritierender) Optimismus, der schon 2001 angeklungen war.
Nicht uneingeschränkt zwar, denn mit der düsteren acht Minuten-Ballade „Ain't Talking“ weckt Dylan Erinnerungen an Zeiten, als kaum ein Stück unter fünf Minuten zu haben war und die Texte oft zu bedeutungsschwanger waren. Auch kommen ernste Themen zur Sprache, doch ansonsten zieht sich eine Leichtigkeit durch die Platte, die man so noch nicht von Dylan kannte. Hat der Barde nun seine Mitte gefunden, ist er ausgeglichen geworden? Oder gar altersmilde?
So weit zu gehen, wäre frech. Zweifelsohne aber herrscht Freude. Gleich zu Beginn des Albums wird mit dem Intro von „Thunder On The Mountain“ schon der Tarif durchgeben, ein lüpfiger Groove und – bereits nach 40 Sekunden – eine erste Textstelle, die Dylanologen weltweit beschäftigen wird: „I'm wondering where in the world Alicia Keys could be...“ Nun ist also auch Dylan in den „Modern Times“ angelangt, willkommen!
Aber vorsichtig, bitte, denn: Dylan ist nicht gleich Dylan. Hymnen wie „Blowin' In The Wind“ sind längst passé und heute brilliert der Meister nicht mehr mit plakativen Botschaften. Auf „Modern Times“ ist es eher die gut funktionierende Bluesband, die durch niemals endendes Touren mit Dylan zusammengeschweisst und perfekt aufeinander eingespielt ist. Gerade der Opener, aber auch „Someday Baby“ oder die – wie man munkelt – Katrina-Anspielung „The Levee's Gonna Break“ erinnern wunderbar an die bluesigen und seit einigen Jahren sogar richtig guten Dylankonzerte und deren eigenwillige Interpretationen. Und die Stimme nicht zu vergessen! Heute gibt Dylan sich wieder richtig Mühe, zu singen. Beispiele? „Beyond The Horizon“, der Schmachtfetzen „When The Deal Goes Down“ oder das entspannt vor sich hingroovende „Spirit On The Water“. Und wer weiss, vielleicht war ja die Vermutung einer Schweizer Sonntagszeitung richtig, Dylan erlebe auch gefühlsmässig einen zweiten Frühling...
Erfahren wird man es nie. Der Meister ist in den letzten Jahren wort- und interviewkarg geworden. Es ist auch egal. „Modern Times“ ist solider Stoff, solider Sound, es ist Dylan, wie Dylan sein soll: unvorhersehbar, überraschend, manchmal kryptisch, aber früher oder später immer überzeugend.
Seit 25. August 2006 im Handel.
Anspieltipps: Spirit On The Water; Ain't Talking; Workingman's Blues #2
Trackliste: 1) Thunder On The Mountain; 2) Spirit On The Water; 3) Rollin' And Tumblin'; 4) When The Deal Goes Down; 5) Someday Baby; 6) Workinman's Blues #2; 7) Beyond The Horizon; 8) Nettie Moore; 9) The Levee's Gonna Break; 10) Ain't Talking
similar artists: Willie Nelson,
Van Morrison
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Bio:
1941 in Duluth, Minnesota als Robert Zimmerman geboren. Musikalische Wurzeln im Folk und Blues. Grosse Leidenschaft für Woody Guthrie. Anfangs 1960er Umzug nach New York, erringt Bekanntheit durch seine Performances mit Gitarre und Harp. Erstes Album 1962, auf dem vor allem Traditionals sowie die Hommage „Song To Woody“ enthalten sind. Danach steiler Aufstieg als „Stimme einer Generation“, als er die berüchtigten Anti-Kriegs-Hymnen „Blowin' In The Wind“, „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ und „Masters Of War“ veröffentlicht. Die Öffentlichkeit schubladisiert zu früh – 1964 tritt er am Newport Folk Festival mit Stromgitarre auf, erfindet den Folk-/Blues-Rock und Pete Seeger, so die Legende, rennt backstage mit einer Axt herum und will die Kabel durchtrennen.
Danach langes Touren, Konzerte in aller Welt, die immer wieder durch Booing und einmal durch einen „Judas!“-Ruf unterbrochen werden. Legendär Dylans Reaktion: „I don't believe you!“ Locker schrammelt er weiter sein Intro, ruft, mutiger, „You're a liar!“, dreht sich um, sagt „Play fucking loud“ und dann legt die Band los mit einer in die Fresse hauenden Version von „Like A Rolling Stone“. Musik-Geschichte.
Eine treue Fangemeinde hat sich längst gebildet, als Dylan auf dem Höhepunkt der Karriere 1966 bei einem Motorrad-Unfall schwer verletzt wird. Der Rückzug in die Einsamkeit, die Rückkehr mit seltsamen Klangexperimenten, Country, Stimmverfremdungen. Viele Fans ratlos. In den Siebzigern wieder auf Tour, Never Ending, diesmal. Die Bekehrung zum Christentum. Unsägliche Alben folgen, Gospel und Kirchenchöre. Alkohol und Drogen tun das Ihrige. 1989 ist er wieder zurück: „Oh Mercy“, produziert von Daniel Lanois, wird zum Meilenstein und bringt Dylan wieder Glück.
In den Neunzigern eine Audienz beim Papst Johannes Paul II, ein Lungenpilz, MTV unplugged, endlich wieder Studioalben, Never Ending Touring und ein gefeierter Dokumentarfilm von Martin Scorsese, der die Anfangszeit dieses unglaublichen Künstlers beleuchtet.