Bomb The Bass ist gereift und ersinnt Musikstücke zum Hinhören mit
weniger Hip Hop, dafür mehr entspanntem Trip-Hop als früher. Jede
Minute ist durchdacht, ausgewogen, clever, nichtsdestotrotz berührend
vertraulich.
Geschätztes Auditorium,
Endlich meldet sich einer der Pioniere der Sampling-Technik zurück. Tim Simenon firmiert wieder unter dem Namen Bomb The Bass für Selbstgemachtes. Statt wie weiland Fremdes anzureichern sowie rhythmisch gekonnt zu vermengen und uns tanzen zu machen, entschlackt der Brite seine Musik konsequent, verzichtet gänzlich auf genreübliche Hüpf-Effekte und kreiert mit einem analogen monophonen Synthesizer (Mini-Moog) für den Geniesser einen wahren Ohrenschmaus teils minimalen Zuschnitts. Hier wird primär gehört, eher sekundär getanzt.
Nicht nur die beiden letzten sphärisch düsteren Tracks, ‚Hold Me Up’ und ‚Fuzzbox’, erinnern an Massive Attack: Den einzelnen Klangspuren wird ausreichend, keineswegs übermässig Raum zugestanden, die beiden Sänger (Paul Conboy bzw. Jon Spencer) tun mit ausdruckstarker Stimme ihr Übriges, was in summa eine bedrohliche, eindringliche Atmosphäre schafft. Gerade die diesbezüglich tragende Bedeutung des Basses, von jeher – nomen est omen – zentral für Bomb The Bass, ist in ‚Burn The Bunker’ augenfällig. Knappe Geräuschkaskaden ergänzen sich mit prächtig simplen Harmonien und prägendem, unaufdringlichem Canto zu einer homogenen Hör-Collage – alles auf einem soliden Bass-Fundament gebaut.
Das Bemühen um das minimalistische, mitunter repetitive Moment manifestiert sich vielleicht am klarsten in ‚No Bones’: Das ist Drum und Bass auf den absolut notwendigen Kern reduziert, ergänzt von einer denkbar simplen Melodie. Verwunderlich ist, wie behutsam Paul Conboy seinen Gesangspart einfügt; Flagrant sind notabene Conboys stimmliche Ähnlichkeiten mit dem heiligen Bono, ohne dass er allerdings dessen pseudo-religiöses Erhebungsgetue übernähme oder sich auch an bizarren Falsett-Eskapaden ergötzen würde. Eigenständiger klingt der Sänger in ‚Old John’, neuerlich mit tiefer Intimität ans Werk gehend.
Im knapp vierzig Sekunden langen Interludum ‚So Special’, eigentlich eine Quantité négligeable, wird die Rückbesinnung Simenons auf die Ursprünge der elektronischen Musik überdeutlich – Kraftwerks Informatiker grüssen hier ebenso wie in der Single-Auskoppelung ‚Butterfingers’. Unterstützt von Fujiya und Miyagi, wird eiskalte Computer-Musik jedoch mit ruhigem, beinahe flüsterndem Gesang (David Best) belebt, nicht zusagen: erwärmt, möglicherweise in konterkarierender Absicht – diese Komposition hat derart Klasse, dass es lohnt, nur ihretwegen ‚Future Chaos’ zu erwerben.
Wir könnten wahrlich ohne Not weiter schwärmen, etwa über das feinsinnige, mit zurückhaltendem Bass unterlegte Intro von ‚Burn the Bunker’, über einen fabelhaften Sound-Vorhang, der perfekt mit dem vokalen Beitrag Conboys verwoben wird (‚Hold Me Up’), über den Soul in ‚Black River’, über den in rührender PacMan-Akustik gehaltenen Schluss des Openers ‚Smog’, könnten die Mix-Perfektion des gesamten Oeuvres über den Klee loben (von Junk Scientist), aber davon nehmen wir tunlichst Abstand, denn es würde die Gefahr dräuen, die Qualität des zu Hörenden zu zerschrieben.
Bomb The Bass dekliniert die elektronische Musik durch, überschaut Dekaden der entsprechenden Entwicklung, bevor (!) zur Tat geschritten wird und reduziert die Sauce (nicht zuletzt textlich) auf die relevante Essenz ein. Das Resultat ist eine exzeptionelle und famose Arbeit, zweifelsohne ein Meilenstein. Kaufen.
Unsere Ansicht: Man höre und beurteile all dieses selbst. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Seit 19. September 2008 im Handel.
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Anspieltipps:
> alle
Diskographie:
> Into The Dragon (1989)
> Unknown Territory (1991)
> Clear (1995)
> Tracks (mit Jack Dangers) (2001)
> Future Chaos (2008)
Ähnliche Künstler:
> Coldcut
> Nightmares On Wax
> The Crystal Method
> Airlock
> Massive Attack