Genre: Singer/Songwriter | Label: Jagjaguwar (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 9.0/10
Re: Zeitlos
Ein Leisetreter kramt die Buntstifte hervor, sucht sich ein paar Motive in der Vergangenheit und taucht dann trotzdem alles in Blau und Schwarz. Nun ja, fast alles. „Bon Iver“ ist nicht das Album, das man erwartet hat. Es ist besser.
Am Anfang und über allem steht „Perth“. Trommeln, Bläser und eine Melodie, für die man töten würde – wenn sie nicht dermassen entwaffnend wäre. Und während man den Song tatsächlich in den Krieg ziehen sieht, um sich einen Platz in der persönlichen Bestenliste zu erkämpfen, fragt man sich bereits, ob es überhaupt noch besser kommen kann. Aber es sind nicht alles Kriegsschauplätze auf „Bon Iver“. Zumindest das mit den Plätzen aber wird zum Thema. Justin Vernon schleicht von einem Ort zum anderen. Im Gegensatz zu „For Emma, Forever Ago“, das sich ganz und gar auf einen beschränkte. Irgendwo schrieb jemand, man vermisse auf „Bon Iver“ den Hüttenzauber. Genau so etwas aber lässt sich nicht wiederholen. Vernon weiss das und geht über Wisconsin hinaus. Während „Perth“ sofort zündet, wächst „Holocene“ erst mit der Zeit zum genauso umwerfenden Song. Erst meint man, es fehle chronisch der eine Ton, um die Melodie perfekt zu machen. Dabei wird alles und insbesondere das Schlagzeug nur ein wenig verschleppt. Man kann nicht anders, man muss immer wieder hinhören, bis es schliesslich klickt. Und zwar richtig. Bei „Michicant“ funktioniert das wieder etwas schneller. Was Bon Iver aus diesen Stücken herausholen, das ist nicht nur eine Entdeckungsreise für besonders feinfühlige Menschen. Die Zeit, die man in der Regel nie hat, man muss sie sich nehmen. Eine Fahrradklingel als Perkussion bringt einen zum Schmunzeln, Bläser und eine klagende Pedal-Steel bringen einen ins Grübeln.
„Hinnom, TX“ ist in der einen oder anderen Hinsicht das merkwürdigste Stück auf „Bon Iver“. Es macht klar, dass Kanye West gar nicht so weit weg ist, wie man denkt. Und noch viel näher: Die 80er. Spätestens „Calgary“ und vor allem „Beth/Rest“ untermauern diesen Eindruck. Vielleicht nur wegen einer schrägen, persönlichen Assoziation denkt man zum Schluss an „Twin Peaks“. Justin Vernon ist kein musikgewordener David Lynch. Sein zweites Album aber ist so spannend und vielfältig wie einer von Lynchs Filmen. Zugegeben, ein unausgegorener Vergleich. Assoziationen seien aber bei „Beth/Rest“ erlaubt, das sich vor dem Kitsch und den 80ern dermassen in acht nehmen muss, dass es sich mit einer ganz grossen Melodie zur Wehr setzt. Glaubt man der Floskel, man solle im Moment leben, dann lässt sich für diesen hier speziell festhalten: Es ist einer zum sehr lange verweilen. Natürlich ist es aber nur eine Floskel. Bewusst wird einem dies, wenn man ein Retroalbum hört, das nicht nur im Moment, sondern vielleicht auch für die Zukunft zeitlos erscheint.
Seit 17. Juni 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Perth
> Holocene
> Michicant
Diskographie:
> For Emma, Forever Ago (2008)
> Blood Bank EP (2009)
> Bon Iver (2011)
Ähnliche Künstler:
> Iron & Wine
1"verpuffter hüttenzauber"
am Donnerstag, 14. Juli 2011 11:01
ja, weg ist er. wer aber beim hören von bon iver, bon iver danach verlangt, ist nicht auf der höhe der zeit. mondän ist es geworden, eine grossstädtische eleganz vor sich hertragend. diese leute haben grosse musik geliefert, man wird sich zum ende dieses jahres daran erinnern.