Brian Eno – Another Day On Earth (2005) (Rough Trade/Musikvertrieb) |
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| von Rudolf J. Merkle am Montag, 22. August 2005 in Neuerscheinungen | |
![]() Beredtes Schweigen ertönt. Geschätztes Auditorium, Brian Eno macht es einem nie leicht, auch mit dem anzuzeigenden Album nicht. Der Rezensent will nicht verbergen, hin und her gerissen zu sein. Ist „Another Day On Earth“ nun genial oder banal? Die Frage ist nur fair zu beantworten, wenn man sich um Enos Songs bemüht. Selten hat man sich mehr gewünscht, die Meinung der Hörerinnen und Hörer zu einem an dieser Stelle präsentierten Album einzuholen. Um nicht missverstanden zu werden, sei zunächst festgehalten: Wir wollen die Musik – wie stets – h-ö-r-e-n, nicht f-ü-h-l-e-n. Dass Eno «Ambient» zumindest die entscheidenden Impulse verlieh, wenn nicht gar erfand, ist unumstritten. Auf diesem Weg schwebt er dahin, allerdings hat er sich – endlich – wieder klassischerer Popsong-Strukturen erinnert, was das Album zugänglich macht. Man würde scheitern, wollte man dem nicht kategorisierbaren Musik-Techniker ein homogenes Konzept nachweisen, das den 11 Songs zugrunde läge. Der Opener „This“ ist rhythmisch – mit Verlaub – derart simpel, er könnte sich mit adäquatem Marketing in den Pop-Charts tummeln. „A Long Way“ lässt einen hingegen nicht wippen, sondern in einem überdimensionierten Sofa herumfläzen – und etwas gelangweilt gähnen. „How Many Words“ ist Pop pur, wie man ihn einstweilen schon ehedem vom Engländer gehört hat: nett, zahm, süss-kitschig, melodiös, mit Streicherimitaten, orchestral. Im sphärischen, harmonischen „Going Unconscious“ ist der Soundteppich gleichmässig gewoben, nichts überrascht, lieblich ergiesst sich gewissermassen ein akustisches Rinnsal. Ist das nun belanglos oder von Belang? Auch in „Caught Between“ sucht man vergeblich nach dem spannenden, dem erregenden Moment. Nichtsdestotrotz fesselt die Musik, hat man sich einmal auf sie eingelassen. Eine Perle ohnegleichen ist „ And Then So Clear“. Das ist vertonte Zerbrechlichkeit, einfach zauberhaft. Wie etwa in „Passing Over“ die Melodie verzögert entwickelt und mit Stimmverzerrer gearbeitet wird, zeigt ausgezeichnet die Arbeitsweise des bald sechzigjährigen Soundtüftlers. Geradezu zelebriert scheint das Unspektakuläre im Titelstück „Just Another Day“. Erst die konzentrierte Rezeption entschlüsselt eine Klangstruktur von erstaunlicher Subtilität. „Bone Bomb“ verleitet dazu, sich wieder einmal Laurie Anderson zu widmen. Erfreulich an diesem Song ist das verstörende Ende. Man glaubt den lächelnden Meister anfügen zu hören: „Habe noch mehr auf Lager.“ Fazit: Insgesamt zitiert Eno hauptsächlich sich selbst. Er präsentiert sich diesmal nicht avantgardistisch, kantig und lärmig, sondern gelassen, soft, wohl temperiert und merkwürdig vertraut. Tagträumerinnen und –träumern und Leuten, die willens sind, sich für Musik Zeit zu nehmen, sei „Just Another Day On Earth“ empfohlen. Unsere Ansicht: Selbst hören und selbst urteilen. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit. Seit 13. Juni 2005 im Handel. Anspieltipps: Passing Over, And Then So Clear, Just Another Day similar artists: David Byrne, Daniel Lanois, Mark Hollis (Talk Talk), John Cale > Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb Bio: Brian (Peter George St. John le Baptiste de la Salle) Eno (Studio; Synthesizer, Tape Recorder, Gesang etc.) stammt aus Woodbridge England und wurde 1948 geboren. Das seit dreieinhalb Jahrzehnten als Musiker, Produzent, Video-Künstler, Schriftsteller und Dozent aktive Multitalent gilt als Innovator, der Grenzen zwischen E- und U-Musik auslotet und Konventionen hinterfragt. Der Brite ist primär ein Studio-Tüftler, der seinen Sound mit allen Segnungen modernster Technik sowie allerlei a priori nicht eigentlich musikalischen Gerätschaften konstruiert. Das Gründungsmitglied von Roxy Music geht seit 1973 eigene Wege und kann bis dato auf ein gleichermassen umfassendes wie einflussreiches Oeuvre zurückblicken. Als eigentlicher Meilenstein in der Musikhistorie ist besonders das 1978 erschienene Album „Ambient I: Music For Airports (1978)“ zu erwähnen, das ohne Zweifel die elektronische Musik in nicht zu überschätzender Weise beeinflusst hat (Ambient, Trance, Chill, New Age usf.). Die Arbeiten folgender Gruppen bzw. Künstler sind m. E. im weiteren Sinn als Referenz – nicht allein – dieses Albums Enos zu qualifizieren: 808 State, The Orb, Massive Attack, Archive, die Publikationen von !K7 (Kruder & Dormeister, Tosca etc.), Daniel Lanois, Radiohead usf. Diese Liste ist mehr als nur unvollständig. Vielleicht hat er überdies (natürlich auf einem Mac …) eine der am häufigsten erklingenden Melodien aller Zeiten komponiert: die Startmelodie Windwos 95. Die Grössen, mit denen das Unikum des modernen und avantgardistischen Klanges generell und im Speziellen als Produzent kooperierte, liest sich wie ein Who is Who des Musikuniversums: David Bowie, Talking Heads, Ultravox, U2, John Cale, Robert Fripp, Cluster, Dieter Moebius, Achim Roedelius, Elvis Costello, Howie B., Laurie Anderson, Ramones, Coldplay, Nico, Luciano Pavarotti usf. Derweil Brian Eno bisweilen anscheinend gelangweilt, mit harmonischen Akkorden kokettierend auf flachen, ruhigen Gewässern surft, kraxelt er in der Substanz oftmals in fragmentierten Klanggebirgen herum – permanent nahe am Abgrund. Nie ist man vor nihilistischen Spässchen gefeit. Ein Faszinosum bleibt sein Schaffen alleweil. Diskographie: (eine vollständige Übersicht bietet http://rubli.net/_beepdiscog/) > (Roxy Music) > No Pussy Footin’ (mit Robert Fripp, 1972) > Here Come The Warm Jets (1973) > Taking Tiger Mountain (1974) > Another Green World (1975) > Evening Star (mit Robert Fripp, 1975) > Discreet Music (1975) > Cluster And Eno (mit Cluster, 1977) > Before And After Science (1977) > After The Heat (mit Dieter Moebius, Hans-Joachim Roedelius, Konrad Plank, 1978) > Music For Films (1978) > Ambient 1: Music For Airports (1978) > From Ibiza (mit Pete Sinfield, 1979) > A Land of Clear Colors (mit Pete Sinfield, 1979) > Ambient 2: The Plateaux Of Mirrors (mit Harold Budd, 1980) > Ambient 3: Day Of Radiance (mit Laraaji/Edward Gordon, 1980) > Fourth World I: Possible Music (mit Jon Hassell, 1980) > My Life in The Bush Of Ghosts (mit David Byrne, 1981) > Ambient 4: On Land (1982) > Apollo: Atmospheres & Soundtracks (1983) > More Music For Films (1983) > Pearl (mit Harold Budd, 1984) > Begegnungen I und II (mit Dieter Moebius, Hans-Joachim Roedelius, Konrad Plank, 1984/85) > Hybrid (mit Michael Brook, Daniel Lanois, 1985) > Thursday Afternoon (1985) > More Blank Than Frank (1986) > Wrong Way Up (mit John Cale, 1990) > Never Net (1992) > Shutov Assembly (1992) > Neroli (1993) > Glitterbug (Soundtrack, 1994) > Box Set I: Instrumental (1994) > Box Set II: Vocal (1994) > Spinner (1995, mit Jah Wobble) > Songs In The Key Of X (TV-Musik «The X-Files» mit Elvis Costello, 1996) > The Drop (1997) > Bang On A Can (1998) > Music For Onomoyoji (mit Peter Schwalm, 2000) > Drawn From Life (mit Peter Schwalm, 2001) > 18 Keyboard Studies (mit Roger Eno, 2002) > The Equatorial Stars (mit Robert Fripp, 2004) > Another Day On Earth (2005)
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