Die Musik und Stimme doch so zart,
die Worte manchmal ganz und gar hart.
Verführung und ganz leichter Charme;
Ist man betört vom heimlichen Schwarm?
Überall spricht man über sie oder mit ihr. Carla Bruni ist höchst präsent. Und ihr spröder, leichter Folkpop wird in diesen Wochen so oft mit schalen Metaphern symbolisiert, dass einem schlecht werden könnte. Immer und überall wird das etwa folgendermassen klingen:
„Das neue Album der schönen Carla Bruni „No Promises“ eignet sich hervorragend für kalte Regentage und darf nicht ohne Rotweinglas in der linken Hand und auch ja anständiger Literatur in der rechten Hand konsumiert werden. Am besten ladet man noch Freunde in die grosse Stadtwohnung ein, zündet die eine oder andere Duftkerze an – und fertig ist der perfekte, gemütliche Abend voller Charme, Atmosphäre, Stil und Esprit.“
Das Traurige an „No Promises“ ist, dass diese Musik so klingt, als wäre sie ausschliesslich für solche verklemmten Abende entworfen worden. Das Gute aber an Brunis Zweitwerk ist diejenige Zwischenwelt, die horizontsprengende Menschen problemlos erreichen: Nämlich zeitlos gute Songs und fabelhafte Gedichte. Befassung statt Betrachtung. Hingabe statt Hinhören. Volle Konzentration anstatt prädestinierter Hintergrund-Sound zum pseudo-kultivierten Dinner. Mit ihren elf eigenkomponierten Songs will Carla Bruni denn auch verführen, genauer: Überzeugen. Und das wiederum erfordert Intelligenz. Sich auf „No Promises“ einzulassen bedeutet demnach, einen Schritt zu tun, der aus vielen Perspektiven als nicht relevant erscheint, aber genauso so wichtig ist, wie bei komplexerer Musik das der Fall wäre.
Die Belohnung? So gross ist diese dann auch nicht: Auf Kopfebene sind das zwar wundervolle Gedichte, die musikalisch prächtig vertont (wenn auch nicht immer kohärent abgestummen) wurden. Auf Gefühlsebene kommt dann aber etwa gleich viel zum Empfänger wie bei einer Modenschau, womit der Kreis wieder geschlossen wäre. Die Ursache der mangelnden Emotionsweckung beim Hörer liegt darin, dass Carla Bruni die Gedichte von Emily Dickinson, William Butler Yeats, Dorothy Parker etc. nur vertont hat; es sind keine wirklichen Songs entstanden. Anstatt zu singen, zieht es das Ex-Model vor, lediglich zu schwatzen, flüstern und hauchen. Sobald die Lieder nämlich eine ausgeprägtere Melodie beinhalten, wie im sehr schönen „Lady Weeping At The Crossroads“, hat man das Gefühl, dass Bruni die Gedichte nicht mehr schülerhaft vorträgt, sondern sie verehrt und ihnen ein Denkmal setzt.
Run until you hear the ocean’s
Everlasting cry
Deep though it may be and bitter
You must drink it dry.
Dieser Ausschnitt von W. H. Audens Gedicht legitimiert das Vorhaben der Italienerin und ist damit auch ein Appell an andere Musiker: Falls euch die Worte ausgehen, singt doch einfach ein paar schöne Gedichte. Auch wenn Carla Bruni das anständig vormacht, könnte man sich noch weiter von Beschallungsmusik entfernen und dieses Vorhaben druckvoller umsetzten. Für den regnerischen Rotweinnachmittag legen wir so lange „No Promises“ ein.
Seit 12. Januar 2007 im Handel.
Anspieltipps: Lady Weeping At The Crossroads; I Felt My Life With Both My Hands; Autumn; If You Were Coming In The Fall
Trackliste: 1) Those Dancing Days Are Gone; 2) Before The World Was Made; 3) Lady Weeping At The Crossroads; 4) I Felt My Life With Both My Hands; 5) Promises Like Pie-Crust; 6) Autumn; 7) If You Were Coming In The Fall; 8) I Went To Heaven; 9) Afternoon; 10) Ballda At Thirty-Five; 11) At Last The Secret Is Out
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Bio:
Carla Bruni überraschte 2002 mit ihrem Debüt-Album “Quelqu’un m’a dit”, welches sich kurzerhand in den Top 10 Europas durchsetzte und weltweit mehr als 2 Millionen begeisterte Käufer fand. Und die Verwendung des daraus stammenden Songs „Le plus beau de quartier“ in einem derzeit laufenden, sehr populären Werbespot beweist, wie zeitlos-charmant Carla Brunis Musik ist. Fünf Jahre später ist die bis anhin vorwiegend als Ex-Supermodel bekannte Französin italienischer Abstammung zurück – und überrascht mit einem neuen musikalischen Experiment. Anstatt auf den funktionierenden Chansonstil zurückzugreifen, singt sie ihre Songs neu in Englisch – eine Auswahl an Gedichten u.a. von Emily Dickinson – mit Feingefühl und Charme.