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Charlotte Gainsbourg: 5:55

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von Tobias Imbach am Freitag, 13. Oktober 2006 in Neuerscheinungen   
Genre: Alternativer Pop, Trip Hop
Label: Warner
CH-Vertrieb: Warner Music Switzerland
Unsere Wertung:Charlotte Gainsbourg: 5:55

Wachträumen
Charlotte Gainsbourg: 5:55Keinerlei Überraschungen, was aber keineswegs negativ gemeint ist. “5:55“ ist genau das, was man eigentlich erwarten durfte: Ein grossartiges Hörvergnügen.

Wer rechnet denn eigentlich schon nicht mit einem grossartigen Album, wenn bei dessen Erschaffung begnadete Künstler und Produzenten wie Nicolas Godin und Jean-Benôit Dunckel (Air), Jarvis Cocker (Pulp), Neil Hannon (The Divine Comedy), Tony Allen (Fela Kuti) und Nigel Godrich (u.A. Produzent von Radiohead und Beck) mitwirken? Und äh … nicht zu vergessen, Charlotte Gainsbourg, ihres Zeichens eine der besten jungen Schauspielerinnen aus Frankreich und die Tochter von S.G. und J.B., die dabei im Mittelpunkt stand und zu diesem Zusammentreffen von erstklassigen und bestens harmonierenden Künstlern aus der alternativen Popmusik Anlass gab. Man durfte gespannt sein und “5:55“ wurde ein klassisches Konzeptalbum, das die grossen Erwartungen erfüllen kann. Im musikalischen Zentrum steht die Nacht und das Wachliegen zu später Stunde und so klingt “5:55“ ein bisschen wie der nachdenkliche Soundtrack zu einem in der Zukunft angesiedelten Film Noir oder einfach auch wie die klangliche Untermalung zum Träumen und Sinnieren unter der Decke. Zudem klingt vieles, nicht wirklich verwunderlich, nach Air, und zwar nach deren letztem Album “Talkie Walkie“, so manches Instrument scheint direkt aus Stücken wie “Mike Mills“ entnommen zu sein. Aber stören tut das natürlich kein bisschen.

Die durchs Band tollen Lyrics wurden von Cocker, Hannon und Gainsbourg selbst geliefert … hübsches Detail sind hier die französischen Einsprengsel etwa auf “Jamais“ oder dem Titelstück - dieser sprachlichen Vermischung hatte schon Serge Gainsbourg mit grösstem Vergnügen gefrönt. Charlotte Gainsbourg selbst singt so wie ihre Mutter, haucht, flüstert und singt zart und einfach schön. So hat “5:55“ so manches Highlight, herausragend gerieten “Everything I Cannot See“ mit hinreissendem Piano (!) und Streicherarrangement. Letzteres ist auch vor allem beim tollen “The Songs That We Sing“ hörenswert, scheint in genialer Manier direkt aus Serges “Bonnie & Clyde“ importiert worden zu sein. Aus dem Rahmen springt “Night-Time Intermission”, über definitiv coolem Blaxplo-Soul-Jazz-Sound spielt Gainsbourg Interviewerin und Befragte selbst. Ansonsten bleibt “5:55“ zu jeder Sekunde zurückhaltend, schlicht und nachdenklich, bis zum abschliessenden “Morning Song“ und wenn man denn wirklich einen Kritikpunkt finden will, dann findet man ihn hier: Das Klangbild bleibt oft eher steril und künstlich, dies verpasst dieser traumhaften Musik vielleicht ein paar Kratzer, aber wiederum; wen stört das schon? Durch tatkräftige Unterstützung gelang Charlotte Gainsbourg zwanzig Jahre nach “Charlotte Forever“ ein Album, das definitiv in die Gainsbourg-Musikgeschichte passt und nur schon deswegen absolut hörenswert ist.


Seit 8. September 2006 im Handel.

Anspieltipps:
Af607105; Songs That We Sing; Everything I Cannot See
Trackliste: 1) 5:55; 2) Af607105; 3) Operation; 4) Tel Que Tu Es; 5)Songs That We Sing; 6) Beauty Mark; 7) Little Monsters; 8) Jamais; 9) Night-Time Intermission; 10) Everything I Cannot See; 11) Morning Song
similar artists: Jane Birkin, Coralie Clement oder Sophie Zelmani stellenweise

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace  > Label > CH-Vertrieb

Bio:
Charlotte Gainsbourg gilt heute als eine der besten jungen Schauspielerinnen aus Europa, für 30 Filme, darunter Hochkaräter wie “21 Grams“ oder “ The Cement Garden“, trat sie bislang vor die Kamera. Doch im Mittelpunkt des Interesses stand die 1971 in der britischen Hauptstadt zur Welt gekommene Französin zuerst als Sängerin. Mit ihrem berühmten Vater Serge Gainsbourg, der nebenbei auch der Oberprovokateur vom Dienst war, nahm sie im Alter von gerade mal 13 Jahren den legendären Titel “Lemon Incest“ auf, räkelte sich im skandalträchtigen Videoclip zusammen mit Papa im Bett und schockierte la Nation.  Etwas später wagte sie schon den Schritt in die Schauspielerei, kurz zuvor nahm sie ihr Debütalbum “Charlotte Forever“ auf, auf dem sie Songs von ihrem Vater interpretierte. Aber entgegen dem Anschein fühlte sich Charlotte Gainsbourg in der Öffentlichkeit alles andere als wohl und zog sich bald darauf zurück, blieb dem Schauspiel aber treu. In den nächsten Jahren erlangt Charlotte Gainsbourg zumindest in Frankreich einen hervorragenden Ruf mit grossartigen Leistungen wie jener als Catherine Deneuves Tochter in “ Paroles et Musique“ oder ein Jahr später in Claude Millers grossartigem “L'Effrontée“, wofür Gainsbourg gar mit dem César ausgezeichnet wurde. Durch solche Erfolge gelang es Charlotte Gainsbourg dann auch aus dem riesigen Schatten ihres Vaters herauszutreten. Auch wenn man bis zu diesem Jahr nichts über ein neues Album von Gainsbourg hören konnte, bestund die Möglichkeit, auf neue musikalische Erzeugnisse von ihr zu stossen. So sang sie 1996 für den Film “Love etc.“ den Titelsong, 2000 war sie auf einem Album von Madonna kurz zu hören, für Badly Drawn Boys Album “Have You Fed The Fish?“ stellte sie Back-Vocals zur Verfügung und den Hit “If“ sang sie mit Etienne Daho im Duett. Charlotte Gainsbourg ist heute mit dem französischen Filmemacher Yvan Attal verheiratet, in dessen Filmen sie auch schon die Hauptrolle übernahm.  
 
  Charlotte Gainsbourg: 5:55
Diskographie:
> Charlotte Forever (1986)
> 5:55 (2006)


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