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CocoRosie - The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn

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von Rafael Werner am Donnerstag, 26. April 2007 in Neuerscheinungen   
Genre: Stilmix
Label: Touch And Go
CH-Vertrieb: Irascible
Unsere Wertung: CocoRosie - The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn


Sich auf etwas einlassen
The Adventures Of Ghosthorse And StillbornEin Stilmix kann nur vollkommen aufgehen oder gnadenlos untergehen: Die Casadys ergänzen ihren Trank und entdecken dabei neue, schwindelerregende Möglichkeiten.

Um ehrlich zu sein, Sierra und Bianca Casady sind tendenziell unmusikalisch, eher unsympathisch und beginnen spätestens seitdem sie ihre Kinderspielzeug-Masche auf mehr als einem Album proklamiert haben, zu nerven. Kommt dazu, dass der abflachende Rummel um das „New Weird America“ mit „Ys“ von Joanna Newsom, die man hier einfach im selben Atemzug nennen muss, seinen Zenit bereits erreicht hat und die ganze Bewegung sich spätestens nach diesem Werk wieder auf dem absteigenden Ast befindet. Um die denkbar schlechten Voraussetzungen für ein drittes CocoRosie-Album noch schwärzer zu malen, verfolgen wir den musikalischen Output der übertrieben bewusst freakigen Schwestern: Während „La Maison De Mon Rêve“ noch kleine, verquert romantische Träume von schlimmen Engeln zwischen erotisch, märchenhaft und paralleluniversal ansiedelte, war das Versuchskaninchen „Noah’s Ark“ – abgesehen von einigen überwältigenden Momenten (beispielsweise im geschlechterfreien Duett „Beautiful Boyz“ zusammen mit Kollege Antony oder in der Holpersteinmelodie von „Noah’s Ark“) – nicht mehr als der bemühte Nachruf eines verbrauchten Konzepts; die Rasseln, Pauken und Tiergeräusche  klangen melodramatisch, apokalyptisch unsicher und hörbar ausgelaugt, die Party schien auf einem sinkenden Boot stattzufinden, das Projekt CocoRosie wurde zur gefährlichen Sekte, in welcher selbst besternte Teddys weinen mussten. Das provozierende Outfit, das Zugehörigkeitsgefühl eines alternativen Trends und nicht zuletzt die gänzlich verkorkste, unmelodiöse Musik machten die beiden Schwestern ungemein populär – kurzum: Die Musik des Geschwisterpaars wurde total angesagt, war aber stets so unschön, dass niemand den Trend verweigern konnte.
Über ein Jahr seit der Veröffentlichung von „Noah’s Ark“ erscheint nun „The Adventures of Ghosthorse and Stillborn“ unter dem denkbar schlechtesten Stern; die Erwartungen sind riesig, das Konzept veraltet und die Schwestern mächtig unter Druck.
Und dann der Schlag mitten ins Gesicht: Eine Melodie, wenige Sekunden und bereits zum Weinen schöne Stimmung – ein Beat, Hip Hop, die Evaluation eines nostalgischen Schemas. Das erste Mal schaffen es CocoRosie einen normal strukturierten Song zu machen, mit Strophe (Rap), Refrain (Gesang) und Bridge (Geräusche) und diese Umformatierung steht den Schwestern überragend. Bei allem Neuen bleiben die beiden aber verspielt, kreativ und textlich sehr weit draussen, die Casadys haben es doch tatsächlich geschafft, sich selbst neu zu erfinden und damit ein Gesicht zu bekommen, das plötzlich Form annimmt, die Schönheit nicht unter Dreck versteckt und Mut besitzt, sich zu zeigen. „Rainbowarriors“ ist der gewagte Stilwandel, der perfekt funktioniert, „Promise“ das mit Effekten verzierte Versprechen des Weiterlebens der alten Band und „Bloody Twins“ das Aufziehen einer mysteriösen Spieluhr. Was danach kommt, übertrumpft in einem Refrain die ganze Bewegung des Eklektizismus. Während CocoRosie sich früher noch damit begnügten, möglichst viele Musikrichtungen zu kombinieren (was auf diesem Album glorios erweitert wurde), kommen nun noch Einlagen und Anspielungen auf Klassiker, andere Dekaden und ferne Kulturen hinzu. Auf „Japan“ vermischen die Schwestern ihren Hexentrunk so genuin, dass man von einer neuen Musikrichtung sprechen müsste, die erstaunlicher-, aber letztlich logischerweise wieder näher beim gängigen und bewährten Popstück liegt als alles, was die beiden bisher gemacht haben, weil der Song schlichtweg alles enthält. Im Refrain dieses Übersongs hat man das Gefühl, alle Farben würden auf einmal gemischt werden – und am Ende kommt doch das reinste Weiss heraus. Hier entpuppt sich auch das grosse Talent des herrlich harmonierenden Duos, welches nämlich nicht im Erschaffen grosser Tonfolgen liegt, sondern im Kreieren von völlig neuartigen, an mehreren Orten überlappenden Spielfeldern. Die Karten werden definitiv neu gemischt, die Freak-Folk Bewegung scheint sich damit selbst wieder aufgelöst zu haben und trotz alldem geben die Hexen nicht Ruhe, sondern zaubern weitere Zwischenwelten in die Luft: „Black Poppies“ ist der Schlummergesang der Toten (Puppen), „Werewolf“ das rührende, verlangsamte HipHop-Spektakel (erneut ein gewaltiger Stilmix) und „Houses“ der entstellte, gefolterte und strangulierte Klavierschlager, der nur einen verhängnisvollen Münzwurf von seiner Enthauptung entfernt liegt und es am Ende doch tatsächlich vollbringt in dieser so unbändig vielseitigen Schatulle noch einmal weitere Schubladen zu öffnen und dem universellen Weg zur Neudefinierung der Popmusik endgültig keine Bandagen mehr anlegt. 
Die Geisterbahnfahrten sind ausverkauft; die Wahrsagerei boomt ohne Gehalt zu haben; die Zuckerwatte wird herausgekotzt, Skelette bleiben davon übrig; das Karussell hört auf zu drehen; die Spiegel erkennen sich selbst nicht wieder; die Hexen sind geflohen.


Seit  9. April 2007 im Handel.

Anspieltipps: Rainbowarriors; Japan; Werewolf; Houses; Miracle
Trackliste: 1) Rainbowarriors; 2) Promise; 3) Bloody Twins; 4) Japan; 5) Sunshine; 6) Black Poppies; 7) Werewolf; 8) Animals; 9) Houses; 10) Raphael; 11) Girl And The Geese; 12) Miracle
similar artists: Devendra Banhart, Joanna Newsom, Faun Fables

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Bio:
CocoRosie sind die bezaubernd anzustaunenden Schwestern Sierra und Bianca Casady. Ihre Jugend verbrachte die eine in Paris, die andere in New York. Geboren wird die Band CocoRosie als Bianca ihre "französische" Schwester in Paris besucht und dann doch ein wenig länger bleibt. Die Schwestern kommen auf den musikalischen Trichter.  In einer kleinen Wohnung im 18. Bezirk spielte Sierra Gitarre und Flöte und Bianca die Percussions. Nach acht emsigen Monaten hält das Geschwisterpaar ihr Debut "La Maison De Mon Rêve" in den Händen, auf dem nicht nur beider Stimmchen, sondern auch jede Menge Hintergrundgeräusche festgehalten wurden. Im September 2005 kam nun ihre zweite Scheibe in die Plattenläden: "Noah’s Ark". Willkommen in der Welt von "Coco" Bianca und "Rosie" Sierra Casady. Ihr zweites Machwerk klingt weitaus geschliffener und rockiger als der Vorgänger. In bonbonfarbiger musikalischer Verpackung gibt es Texte über Strassenkämpfe, Rassismus und Kinderprostitution. Das dritte Werk der geheimnisvollen Schwestern heisst „The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn“ und erschien im Frühling 2007.

CocoRosie
Diskographie:
> La Maison De Mon Rêve (2005)
> Noah’s Ark (2005)
> The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn (2007)


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