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Coldcut – Sound Mirrors (2006)

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von Rudolf J. Merkle am Montag, 23. Januar 2006 in Neuerscheinungen   
Genre: Elektronische Tanzmusik
Label: Ninja Tune
CH-Vertrieb: Musikvertrieb
Unsere Wertung: Coldcut – Sound Mirrors (2006)

Intelligente, zeitgemässe Tanzmusik
Coldcut – Sound Mirrors (2006) Coldcut präsentieren sich (endlich) wieder. Was sie präsentieren ist erwartungsgemäss gut. Zumindest meistens. Gewiss, die Soundcollagen sind disparat und verlangen dem Hörenden phasenweise einiges ab, doch die Beschäftigung mit dem Album lohnt allemal. Diese Musik geht in die Beine – und in den Kopf.

Man sitzt da, wackelt im keineswegs stillen Kämmerlein mit dem Allerwertesten, zwar ungelenk, nichtsdestotrotz umso kecker, und freut sich, dass es richtiggehend hiptriphopt (“Aid Dealer“). Mit “Sound Mirrors“ bieten das Duo Jonathan More/Matt Black und dessen geladene Gäste eine erstaunliche stilistische Vielfalt, ohne die eigene Linie vermissen zu verlassen. Hiphop-Anleihen sind prominent repräsentiert (etwa in “Everything Is Under Control“, „Aid Dealer“ oder dem technoiden “True Skool“), aber nicht kostümiert als auf Hitparaden schielender amerikanophiler, pseudocooler Abklatsch. Hier wird mit Verve Reimkunst vorgetragen, deren Inhalt zumindest teilweise gesellschaftspolitisches Engagement (“Everything Is Under Control“, “Aid Dealer“) deklariert – wie man es von Coldcut gewohnt ist.
Die interessante Musikreise geht über nachgerade chansonorientierte Elektrosongs (mit einem mächtige Blues-Einschlag: “Man In A Garage“; einiges schwächer, da allzu affektiert: “Whistle And A Prayer“) zu mehr oder minder gelungenen Ambient(re)konstruktionen (“Sound Mirrors“). Auch kitschige Eingeständnisse scheuen Coldcut offenkundig nicht (“Walk A Mile In My Shoes“). Im einzelnen Song erkennt man stets von neuem die Spielfreude und das – selten überstrapazierte – Bemühen, zwischen den Genres zu lavieren. Ohne Not fusionieren gekonnt jazzige Gelassenheit, glaubhafte Hiphop-Attitüde und Funk-Sound zu innovativer Elektro-Moderne (“Boogieman“), selbst in bluesige Gefilde wagt man sich vor (“Man In A Garage“). Rhythmisch besonders zu gefallen vermögen Sequenzen, deren Ursprung zweifellos in den Spielereien des Drum’n’Bass zu suchen sind (“Aid Dealer“, “Just For The Kick“); nichts ist allerdings abgeschmacktes Kopieren. Die Instrumentierung ist – eingedenk des bisherigen Oeuvres Coldcuts durchaus folgerichtig – von erschlagender Quantität. Von höchstem Niveau ist die Produktion – nie haben Coldcut besser geklungen.
Ratlos lässt einen einzig das Assugrin gesüsste “Colours The Soul“. Was in Teufels Namen haben sich die beiden Chefs von Ninja Tune bloss dabei gedacht? Wollten Sie einen uninspirierten finalen Kontrapunkt in diesem ansonsten wirklich wunderbaren Album setzen? Welch’ kolossaler Missgriff …
Insgesamt bleibt „Sound Mirrors“ des ungeachtet ein (mit Einschränkungen) herausragender, ausgenommen kreativer Beginn des musikalischen Jahres 2006, der übrigens weit weniger dunkel ausgefallen ist, als einige Rezensenten vermeinen uns weismachen zu müssen.
Unsere Ansicht: unbedingt selbst hören und selbst urteilen. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.


Ab 27. Januar 2006 im Handel.

Anspieltipps:
Aid Dealer, Man in A Garage, Just For The Kick
Trackliste: 1) Everything Is Under Control; 2) True Skool; 3) Man In A Garage; 4) Walk A Mile In My Shoes; 5) Mr. Nichols; 6) Sound Mirrors; 7) Boogieman; 8) This Island Earth; 9) Just For The Kick; 10) Aid Dealer; 11) Whistle And A Prayer; 12) Colours The Soul
similar artists: DJ Krush, The Crystal Method, (Leftfield, Faithless)

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb

Bio:

Der ehemalige Kunst-Dozent Jonathan More und der Programmierer Matt Black formieren Coldcut. Die DJ-Dinosaurier und VJ-Helden feierten ihre ersten Erfolge in der Acid-House-Szene der Achtziger. Besonders mit der Gründung des für die elektronische Tanzmusik prägenden Labels Ninja Tune (Anfang der Neunziger; Künstler: Fink, Daedelus, DJ Vadim, Mr Scruff, Cinematic Orchestra, The Herbaliser, Kid Koala etc.) und ihren zahlreichen Kooperationen – u. a. mit Lisa Stansfield (der ausgezeichnete Song „People Hold On“ ist ein Resultat), DJ Krush und Steve Reich – setzten sie sich selbst ein Denkmal. Technisch gehören sie ohne Zweifel zu den Pionieren des Samplings und Remixings. Coldcut organisieren des Weiteren Multimedia-Spektakel, führen einen Club, konzipieren sehr erfolgreich Homepages etc. Der Kreativität der beiden Alleskönner scheinen keine Grenzen gesetzt. Es sei dringend angeraten, die früheren Publikationen der anzuzeigenden Musikgruppe wohlwollend übers Ohr zur Kenntnis zu nehmen (hauptsächlich „Philosophy“).

Coldcut – Sound Mirrors (2006)
Diskographie:
> What's That Noise (1988)
> Some Like It Cold (1991)
> Philosophy (1994)
> Cold Krush Cuts (Mix album with DJ Food, DJ Krush) (1997)
> Let Us Play (1997)
> Let Us Replay (1999)


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