Zwei Kanadier fabrizieren zeitgenössische Tanzmusik mit einer
Kanonade von Ideen, dass einem beinahe Hören und Sehen vergeht. Teils
Gefahr laufend, der Beliebigkeit zu verfallen, finden Crystal Castles
immer wieder zurück ins wohlige Kistchen des traditionellen
elektronischen Songs. Beeindruckend.
Geschätztes Auditorium,
halten wir mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg: Das anzuzeigende Debüt von Crystal Castles lehrt Madonna, Kylie und Danii Minogue, Usher, Timbaland, Timberlake, Rihanna und Konsorten das Fürchten, denn wer die Jugend tanzen machen will, muss nicht zwingend ein durchgestyltes, kompromisslos kommerziell gestaltetes Sammelsurium von (erhofften) Chartstürmern auf den umkämpften gesättigten Markt werfen, sondern sollte eigentlich mit Lo-Fi-Liedern wie ‚Through The Hosiery’ bombensicher Erfolge feiern. Wäre da bloss nicht die Sache mit dem Marketing …
Mit überdeutlich an Atari-Akustik und Nintendo-Chic erinnernden Klangstrukturen (‚Air War’, ‚Knights’) demonstrieren der Soundtüftler Ethan Fawn und Sängerin Alice Glass, dass Pac-Man als Basis für verspielte Discoheuler ausgezeichnet geeignet ist. Mitunter erschreckend banale süsslich-fette Melodien (‚Vanished’, ‚Knights’) und monotoner Gesang wiederholen sich, dass der Hörer einzunicken droht, um allerdings rechtzeitig von einem überraschenden Tongewitter aus dem Halbschlaf gerissen zu werden (‚Good Time’). Entfällt das Überraschungsmoment (‚1991’), kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, es handele sich um einen wenig inspirierten Füller, was Crystal Castles wahrlich nicht nötig hätten, denn an Ideen mangelt es ihnen offenkundig mitnichten. Wie beispielsweise augenzwinkernd Italo-Disco-Versatzstücke (‚Through The Hosiery’, ‚Black Panther’) und Synthie-Pop-Sequenzen (Ausklang von ‚ Reckless’) der Achtziger aufbereitet werden oder die Siebziger mit der folgenden Dekade fusioniert wird (‚Black Panther’), ohne dass man sich gelangweilt abwendet, ist bemerkenswert, wenn auch nicht durchgehend überzeugend. Bisweilen gehen Fawn/Glass die Sache ungemein entspannt an, entwickeln ihre Ideen gar langsam (‚Magic Spells’, ‚Air War’) und entfalten Loops mit (zu) viel Raum, hierin den französischen Air durchaus nicht unähnlich, wobei der unaufdringliche Beat die Konstante ist. Die Simplizität der Melodien ermöglicht letzten Endes, dass sämtliche Tracks als ein grosser Mix zu hören sind. Manchmal wünscht man sich vermehrt Pausen respektive Rhythmuswechsel wie im unterkühlten, glänzend komponierten ‚Vanished’ oder während des kecken Songs ‚Through The Hosiery’.
Zur unbestrittenen Bestform läuft das Ahornblatt-Duo auf, wenn Madame Glass ihre Stimme nicht quotenkonform erklingen lässt (‚Courtship Dating’), sondern vielmehr in rotzfrecher Punk-Manier wutentbrannt ins Mikro sing-schreit (‚Alice Practice’, ‚Love And Caring’), unterstützt von einem Sound, der in seiner Kompromisslosigkeit im Windschatten der Intelligent Dance Music von Autechre, Male Or Female, oder AGF steht und DJ Shadow auftauchen lässt. Der stilbildenden Autorität Autechre dürfte mit ‚Xxzxcuzx Me’ eine gelungene Hommage bereitet worden sein (man beachte den Titel). Im eklatanten Gegensatz dazu steht das vollumfänglich überflüssige arbiträre Finale ‚Tell Me What To Swallow’: Musste die Esoterik-Tante Enya unbedingt als Patin fungieren? Sollte das Gehauche als Witz gemeint sein, bitten wir darum, das nächste Mal auf eine dergestalt erwünschte Rezeption deutlich hinzuweisen, denn so bleiben wir ratlos.
Trotz des lauen Endes: lebhafter, interessanter Einstand der nach einem vielleicht mutigeren Nachfolger geradezu schreit.
Unsere Ansicht: Man höre und beurteile all dieses selbst. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Seit 9. Mai 2008 im Handel.
Anspieltipps: Black Panther, Alice Practice
Trackliste: 1) Untrust Us; 2) Alice Practice; 3) Crimewave (Crystal Castles VS Health); 4) Magic Spells; 5) Xxzxcuzx Me; 6) Air War; 7) Courtship Dating; 8) Good Time; 9) 1991; 10) Vanished; 11) Knights; 12) Love And Caring; 13) Through The Hosiery; 14) Reckless; 15) Black Panther; 16) Tell Me What To Swallow
similar artists: StereoLab, Console (die Loops), Le Tigre (in de punkigen Momenten)
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Bio:
Seit 2005 als Crystal Castles firmierend, sind Ethan Fawn und Alice Glass seit einigen Jahren erfolgreich als Remixer tätig (u. a. für Bloc Party und Klaxons). Der Name der Gruppe dürfte als Fluchtpunkt der präsentierten Musik zu dechiffrieren sein: Atari publizierte 1983 mit ‚Crystal Castles’ ein Videospiel, das an Pac-Man erinnert.