So produktiv hat man Dakota Suite lange nicht mehr erlebt. Schon das
dritte hervorragende Album in diesem Jahr untermauert eine
Ausnahmestellung.
Der FC Everton erreichte in den letzten Jahren immer einen Platz in der vorderen Tabellenhälfte der englischen Premier League. Warum das hierher gehört, wissen wahrscheinlich jene, die Dakota Suite schon kennen. Chris Hooson, leidenschaftlicher „Evertonian“ und Mastermind der Band, lässt sich hauptsächlich von den Spielen seiner Lieblingsmannschaft zu seinen betrüblichen Zeitlupendramen inspirieren. Im Moment sieht es mit dem Erfolg der leidgeprüften Fussballer aus Liverpool aber ganz gut aus. Ein anderes Thema stand Pate für dieses Album. „The Side of Her Inexhaustible Heart“, mit seinem ungewöhnlich positiven, wenngleich gewohnt poetischem Titel, ist ein Meisterwerk der Lautlosigkeit, das erneut in Zusammenarbeit mit dem französischen Pianisten Quentin Sirjacq entstanden ist. All die schweigsamen Momente sind Hoosons Frau Johanna gewidmet, von der im Übrigen die wunderbaren Fotos stammen, welche die Dakota Suite-Alben stets in passendem Schwarz-Weiß illustrieren.
Dieser fast 80-minütige Liederzyklus wirkt in seiner Verschwommenheit wie für den Halbschlaf geschrieben zu sein. So verhuscht und fragil wie sie sind, darf nichts die Integrität dieser Songs stören, kein Hintergrundgeräusch, keine Gedanken und am Besten auch kein Licht. Frühestens in der Dämmerung und bei geringer Lautstärke entfaltet diese Kunst erst ihre volle Wirkung, reißt den Hörer in einen Sog ohne Entrinnen. Das strahlt, so bitter und blutig es ist, eine ungeheure Friedlichkeit aus, keine Zufriedenheit zwar, aber Wärme. Nicht ein Quäntchen Wut oder Zorn verirrt sich in die behutsam schwebende Schwermut.
Wer mit der Musik von Dakota Suite, benannt nach John Lennons letztem Heim, bereits vertraut ist, wird vielleicht von dem dahin fliessenden Minimalismus überrascht sein. Mehr als Folk oder Americana sind die Grundbausteine von „The Side...“ nämlich Elemente aus der Klassik und Romantik. Arvo Pärt, ein Pionier, der diese Stilrichtungen ins 20. Jahrhundert brachte, ist schließlich ein großes Vorbild Hoosons.
Seine negative Lebenseinstellung, seinen grenzenlosen Pessimismus, hat der Songwriter nicht im Geringsten abgelegt. Sirjacqs tröpfelnden Klavierminiaturen fallen langsam und weich wie Schneeflocken auf den Teppich aus Hoosons milder Stimme und behutsam gezupfter Gitarre. Dazu kommen wimmernde Streicher als letzter Schliff. In Stücken wie „Where the Tears Go“ kommt all das perfekt zusammen. Besonders hier spiegelt sich die Depression, mit der Chris Hooson seit seiner Jugend zu kämpfen hat, auf bestürzende Weise wieder. Trotz der schüchternen Sanftheit macht „The Side...“ die tonnenschwere Last seines Komponisten praktisch körperlich spürbar und flösst auf eine seltsam passive Art Angst ein. Es zieht seine magische Kraft aus der Stille, um die es kreist und saugt alles in seinem Umkreis wie ein schwarzes Loch ein, steht aber scheinbar immer kurz davor, zusammenzubrechen. So tanzt man mit höchster Anmut am Rande des tiefsten Abgrunds.
Seit 4. November 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Where the Tears Go
> To Make You Whole
Diskographie:
> Alone With Everybody (1998)
> Songs for a Barbed Wire Fence (1999)
> Navigators Yard (1999)
> Signal Hill (2000)
> Morning Lake Forever (2001)
> The Way I Am Sick (2001)
> This River Only Brings Poison (2003)
> Waiting for the Dawn to Crawl Through and Take Away Your Life (2007)
> The End of Trying (2009)
> Vallisa (2010)
> The North Green Down (2010)
> The Hearts of Empty (2011)
> The Side of Her Inexhaustible Heart (2011)
Ähnliche Künstler:
> Arvo Pärt
> Ólafur Arnalds
> Bohren & Der Club Of Gore
> Bill Evans
> Anthony & The Johnsons
> Savoy Grand