Es wurde (natürlich) mehr erwartet: Trotzdem ein solides, weiterhin gefühlvolles Songwriting des talentierten Iren.
Mit "O" lieferten die Iren um Damien Rice Musik ab, die bewegte, berührte und betörte. Kennzeichnend waren auf diesem Grosswerk vorwiegend zwei Dinge: Zum einen der doppelschichtige Gesang, der Dialog zwischen Damien Rice und Lisa Hannigan: die Liebe, die Emotionen, das brennende Feuer.
Zum anderen die umwerfenden Melodien, die im Ohr nach mehrmaligem Hören stark haften blieben und im Herz für immer bleiben werden. Die Songs waren oft leicht optimistisch, um dann ganz schnell wieder tieftraurig zu werden, man litt regelrecht mit. Trotz der teilweise pathetischen, dick aufgetragenen Lieder war „O“ immer schüchtern und sympathisch, niemals aufdringlich und zumindest diese drei Eigenschaften finden wir auf dem gar nicht so anders klingenden „9“ schon nach den ersten Sekunden wieder. Es scheint förmlich so, als könne Damien Rice gar nicht anders klingen, was einerseits keine wirklich schlechten Songs zulässt, aber andererseits auch eine gewisse Einschränkung und Umrandung seiner Musik protokolliert, denn „9“ ist nicht die erhoffte logische Weiterführung von „O“, sondern der befürchtete Abklatsch davon. Aus Romantik wurde Verzweiflung, aus knisternder Liebe wurde Selbstzerfleischung. Was aber eigentlich erschreckend wirkt: Die besten Momente auf „9“ erinnern so stark an „O“, dass man meinen könnte, Damien Rice habe sie eins zu eins entnommen. Nur wenige der neuen Impulse fahren ebenso ein wie das „The Blower’s Daughter“ oder „Amie“ damals taten. Natürlich ist das unfair, die irische Truppe um den introvertierten, scheinbar sehr sensiblen Songwriter ständig mit ihrem Meisterwerk zu vergleichen, aber auf ihrem zweiten Album wird nun mal deutlich, dass ihrer Musik gewisse Grenzen gesetzt sind und kein Lied diese zu brechen vermag. Der Akustikpop von Damien Rice ist schliesslich erst dann einzigartig, wenn er das Feuer der Situation und den Zorn der Emotion zu entfachen vermag, aber in Songs wie „Dogs“ oder „Elephant“ entsteht nur der tollen Stimme wegen noch längst keine Magie. Was nicht heissen soll, dass die zehn Songs auf „9“ nur passabel wären, bei zwischenzeitlichem Ablegen der riesigen Erwartungen ist man mit vielem auf diesem Album sogar richtig glücklich: „9 Crimes“ beginnt wie ein herbstlicher Wind an einem zauberhaften Sonntag Morgen im Park; „Rootless Tree“ besitzt wieder die symptomatische Wut, die so kraftvoll daherkommt; „Accidental Babies“ ist herzzerreissend und ergreifend. Damien Rice bleibt also seiner Linie gewissermassen treu, indem er weiterhin emotionsgeladene, tolle Songwriting-Musik macht. Der Zauber und die Romantik vom ersten Album konnte er allerdings nicht mitnehmen. Deshalb ist „9“ eine leise Enttäuschung.
Wäre diese Musik Schokolade, würde sie an zu Tränen rührenden Benefizveranstaltungen verteilt werden und ein ganz kleines bisschen nach Alupapier schmecken.
Seit 10. November 2006 im Handel erhältlich.
Anspieltipps: 9 Crimes; Me, My Yoke & I; Accidental Babies; Sleep Don’t Weep
Trackliste: 1) 9 Crimes; 2) The Animals Were Gone; 3) Elephant; 4) Rootless Tree; 5) Dogs; 6) Coconut Skins; 7) Me, My Yoke & I; 8) Grey Room; 9) Accidental Babies; 10) Sleep Don’t Weep
similar artists: Kristofer Astrom, Elliot Smith, Nick Drake, Howie Day, Lucky Jim, Nicolai Dunger, St. Thomas, Tom McRae
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Bio:
Mit seinem Debüt “O” eröffnete der 1973 geborene Ire Damien Rice im Jahr 2002 ganz neue Welten des Songwritings. Sein hypersensibles Songwriting und die fragilen Klangwelten, in die er sein Publikum entführte, waren einzigartig und führten zu dreifachem Platin in Irland und Platin in England, bescherten dem introvertierten Rice mehrere Preise und Nominierungen für Brit- und NME-Award. Für „9“ liess sich der irische Songwriter einige Zeit, das Feintuning am Album fand während der letzten sechs Monate in einer besonders intensiven und produktiven Phase statt. Derzeit bastelt der Superstar schon eifrig am nächsten Album herum.