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Genre: Daniel Johnston | Label: Eternal Yip Eye Music | Unsere Wertung: 6.5/10
Alle meine Freunde waren Vampire
Als Daniel Johnston, Kind streng religiöses Eltern, 19 Jahre alt war,
nahm er sein erstes Album auf: „Songs of Pain“ betitelt, nur auf
Kassette kopiert und massgeblich bis heute. In der Magie des Moments
aufgenommene Folk-Skizzen zwischen Trauer und Aberwitz, gerne mit
Anleihen aus Kabarett oder Punk...
Auf diesem LoFi-Debüt von 1980 fand sich auch ein Song, der metaphorisch vorwegnimmt, was in den nächsten Jahren noch kommen sollte: Auf „Never relaxed“ singt Johnston über einen Jungen, der keine Aufmerksamkeit bekommt, den Geschwistern gegenüber benachteiligt wird, nicht still sitzen kann, nicht geht, sondern rennt, lustige Bilder zeichnet, mit der Armee ins Ausland geht, von Mädchen nicht umgarnt, sondern abgezogen und getötet wird und fürderhin in der Hölle auf dem elektrischen Stuhl schmort.
Kurt Cobain mochte ihn, Matt Groening und David Bowie, und seit einiger Zeit wird der Songwriter wie auch der Sänger Johnston mal in kleineren, mal in größeren Kreisen bewundert, als Genie gefeiert und seines Einflusses auf Bands wie Sonic Youth und Nirvana wegen über den grünen Klee gelobt. Natürlich kann man sich über die Anerkennung freuen, doch ein gerüttelt Mass an Eigenlob und Projektion ist bei diesen Ritterschlägen nicht zu übersehen. Denn Daniel Johnston ist in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich: Seine Songs sind nicht nur unheimlich zerbrechliche persönliche Skizzen, sowohl was die Texte als auch was die Musik anbelangt, Johnston selbst ist seit Jahrzehnten manisch-depressiv und „verarbeitet“ dieses Gebrechen auch in seiner Musik (und seinen Cover-Zeichnungen). Man wird den Eindruck nicht los, dass die Ehrung eines „Exzentrikers“ und „wahnsinnigen Genies“ auch Auszeichnung für die Ehrenden selbst ist. Da wird ein Quoten-„Kranker“ in die Annalen aufgenommen und zugleich die eigene Weltoffenheit beklatscht.
Noch ein anderes abgeschmacktes Grundbedürfnis bedient Johnston: das nach ungeschminkter Authentizität. Mit seiner unsicheren Stimme, seinen manchmal schiefen Einsätzen an Gitarre oder Klavier und seinen unbedarften Texten rührt er an die Sehnsucht vieler (Kritiker), einen Künstler zu verehren, der sein Inneres nach aussen kehrt, ungefiltert und ungekünstelt.
Doch so einfach ist es nicht. Wer Johnston einmal live gesehen hat, weiss: Dieser Mann wirkt wie ein Nervenbündel, das in der Tat keine Sekunde still sitzen kann und sich kaum traut, seine Lieder überhaupt mit jemandem zu teilen, den er nicht kennt. Der sich mit Rotwein beruhigt, um überhaupt fähig zu sein, auf der Bühne den Mund aufzumachen, dann aber auch schon fast zu betrunken dazu ist. Und dann stimmt er doch „Crazy“ an, einen lupenreinen Hit, wie aus einem erschreckend guten Musical, oder das düstere „Devil Town“ („All my friends were vampires / didn’t know they were vampires / turned out I was a vampire myself / in the devil town“).
„In der Tat haben seine manischen Depressionen sein künstlerisches Schaffen ebenso stark befördert, wie sie seine grosse Karriere verhindert haben“ (Wikipedia).
Sie lässt sich nicht abschütteln, die journalistische Projektion. Alles was über eine Kaufempfehlung hinausgeht – auch eine Punktbewertung - ist anmassend und ungerecht. Und alles was darunter bleibt, mutlos und unkritisch.
Der Genuss des doch recht klassisch geratenen Best-Ofs „Welcome To my World… The Music of Daniel Johnston“ kann natürlich nicht uneingeschränkt angeraten werden. Johnston ist nun mal kein Songwriter vom Format eines Bob Dylan oder Beck Hansen. Seine Songs sind spröde und situationsgebunden, sie entfalten ihren Zauber nicht ungefragt. Die vorliegende Sammlung gestattet einen Einblick in das Schaffen eines einzigartigen Künstlers, mit dessen Etikettierung man sich ebenso schwer tun sollte, wie es die Songs einem machen, einen Zugang zu ihnen zu finden.
Seit 18. April 2006 im Handel erhältlich, nun neu aufgelegt.
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Anspieltipps:
> Sorry Entertainer
> Caspar the Friendly Ghost
Diskographie:
> Songs of Pain (1980)
> Don't Be Scared (1982)
> The What of Whom (1982)
> Hi How Are You? (1983)
> Yip/Jump Music (1983)
> Retired Boxer (1984)
> Continued Story (1985)
> Respect (1985)
> 1990 (1990)
> Live at SXSW (1990)
> Artistic Vice (1993)
> Fun (1994)
> Rejected (1999)
> Why Me? Live at Volksbühne (2000)
> Rejected Unknown (2001)
> Fear Yourself (2003)
> More Songs of Pain (2005)
> Frankenstein Love (2005)
> Electric Ghosts (2006)
> Welcome to My World (2006)
> Lost and Found (2006)
Ähnliche Künstler:
> Wesley Willis
> The Frogs
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