Italien, da denkt man hierzulande an Mafia, Pizza, Mode,
überfüllte Strände und Eros Ramazotti. Disco Drive zeigen den
Nordeuropäern eindrucksvoll wo der Bartli den Most bzw. die Tanzschuhe
holt: natürlich in Italien.
Die drei Turiner von Disco Drive sorgten schon mit
ihrem Debutalbum ’What’s Wrong With You, People?’ europaweit für
Furore. Das Zweitwerk übertrifft den Vorgänger sogar. Disco Drive
entstauben das Image der italienischen Musikszene (welche ich ehrlich
gesagt etwa gleich gut kenne wie die usbekische) gewaltig. Wir
verbinden Italien vor allem mit schnulzig klebriger Schleimmusik oder
Popgrössen wie Eros dem Womanizer und Zucchero. Disco Drive hingegen
kombinieren ausgeklügelt trockene und gleichzeitig wuchtige Tanzbeats
mit frechen, teils mehrstimmigen Melodien, schrägen Gitarrenriffs,
packenden Bassläufen, einer Spur Pop und einer gehörigen Portion
Wahnsinn. Ja, hier muss das Modewort ’catchy’ fallen. Und tatsächlich
könnte man die vollständige Platte an einschlägigen Tanzanlässen laufen
lassen. Das Ganze ist nicht nur englisch gesungen, sondern tönt auch so
und wird beim Publikum wahrscheinlich entsprechend ankommen. Die
Italiener fügen dem mittlerweile gängigen Retro-Britrock-Spassding eine
kreative, eventuell drogenindizierte, jedenfalls abgefahrene Portion
Wahnsinn bei, welche sich vor allem im skurrilen Gitarrenspiel, dem
genial getimten Umgang mit Bass und Schlagzeug und dem eigenwilligen
Einsatz von Synthiegeräuschen und Stimmakrobatik äussert. Was mir daran
besonders gefällt ist die Fähigkeit Disco Drives, einzelne Stücke bei
ewig gleich bleibendem Beat in die Länge zu ziehen, Störgeräusche
einzubauen, die Instrumente zu malträtieren und somit die im Genre
gewohnte 3-4 Minuten Partyliedergrenze zu durchbrechen. Man kann sich
somit bestens vorstellen, dass die Band live ziemlich deftig die Sau
rauslassen kann. Die Stücke bauen sich herrlich auf, beginnen teilweise
nur mit eiskalter Basslinie und Gesang, werden mit der Zeit durch
präzise Drums, scheppernde Gitarren und elektronisches Gequietsche
unterstützt und neigen gegen Ende zum Ausrasten. Das Stück ’Things To
Do Today’ sticht besonders heraus und kann stellvertretend für die
ganze Platte zeigen, wie Disco Drive komponieren bzw. den Bär zum
Steppen bringen. Ein deftiger, beinahe militärisch anmutender Beat
verhindert Stillsitzen von Beginn weg. Die dazukommende quietschende
Gitarre sowie die den Refrain (uiuiuiuiuiu….) verstärkende, hämmernde
Basslinie machen das Stück zu einem absoluten Partykracher. Nach einem
kurzen, ruhig-psychedelischen Zwischenstück setzt der Höllenbeat mit
doppelter Wucht wieder ein, der uiuiuiui…Refrain läuft konstant im
Hintergrund, darüber rhythmischer Gesang und ich hüpfe mittlerweile wie
vom Ochsen gestochen durch mein Zimmer. Mit ’Cholsey’ schliesst das
Album psychedelisch-schräg-zerrissen-krank und die Playtaste wird
sofort nochmals gedrückt. Bezüglich Taktgefühl, Kreativität und
Spielfreude guckt die nordeuropäische Konkurrenz jedenfalls gewaltig
in die Röhre.
Ja, dieses Album sollte man sich zwingend antun.
Ab 2. November 2007 im Handel.
Anspieltipps: Grow Up!; The Flower Stall; It’s A Long Way To The Top;
Goodbye; What Are You Talking About And Why Are You Talking About It?;
Things To Do Today
Trackliste: 1) Grow Up!; 2) The Flower Stall; 3) It’s A Long Way To The
Top; 4) Goodbye; 5) Gonna Love This; 6) Find Me Animal; 7) What Are You
Talking About And Why Are You Talking About It?; 8) fingers And Nails;
9) Out Of Sound; 10) Things To Do Today; 11) Cholsey
similar artists: The Fever, The Bravery, The Departure
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Bio:
Die Sänger Alessio Natalizia (git.), Andrea Pomini (ba.) und Jacopo
Borazzo (dr.) sind Disco Drive. Jeder Fuchs sollte den Namen eigentlich
entnehmen können, dass es sich hier um Italiener handelt. Italien und
Rockmusik müssen sich also nicht zwingend widersprechen. Die Turiner
gründeten ihre Band im September 2002. Ihre erste Platte ’What’s Wrong
With You, People?’ entstand zwischen zwei Europatourneen irgendwann
zwischen 2003 und 2005. Mittlerweile ist neben zwei EPs das zweite Werk
’Things To Do Today’ erhältlich.