|
Genre: Alternative | Label: Universal (Universal)
Quo Vadis, Dredg?/Ehre, wem Ehre gebührt
Enttäuschung oder weiterhin auf Erfolgskurs? Das vierte Album der kalifornischen Rockband polarisiert im Vier-Ohren-Test.
Rezension von Michael Messerli
Rezension von Daniel Gilic
Dredg wollen nicht mehr kleine Brötchen backen. Obwohl – musikalisch
taten sie das ja nie. Da waren sie bisher Meisterbäcker. Aber heute?
Dredg enttäuschen. Natürlich ist es hart, eine Rezension mit diesem
Fazit zu beginnen. Aber wer hätte dies auch für möglich gehalten? Klar,
sie haben es ein kleines bisschen angedeutet. Nach dem progressiven
Meisterwerk „El Cielo“ kam das starke „Catch Without Arms“, das bereits
strukturierter, geradliniger und poppiger war. Vielleicht ist dessen
Hülle aus diesem Grund etwas weniger abgegriffen, aber jetzt setzen
Dredg definitiv eher ein Frage- als ein Ausrufezeichen hinter ihr
Schaffen. Es gibt Menschen, die sprechen auch bei Musik von einem
Produkt, und so gesehen wäre „The Pariah, The Parrot, The Delusion“
sicherlich kundenorientiert. Nur so kann Verzichtbares wie „Gathering
Pebbles“ oder „Mourning This Morning“ erklärt werden. Filmmusik im
Stile von „Long Days and Vague Clues“ ist unnötig und stört. Wenn dies
das Debüt einer Band gewesen wäre, so ein User in einem Forum, würde
man der Platte wohlwollender gegenüberstehen. Das mag stimmen. Aber es
ist nun mal nicht das Debüt. Trotzdem muss man fair bleiben.
Mit „Pariah“ eröffnet nicht nur ein Kinderchor die Platte, sondern auch
ein toller Popsong. „Ireland“ macht im Refrain alles richtig.
Zwischenstücke wie „R U O K?“ reissen dich gekonnt raus aus dem einen
und rein in den nächsten Song. In diesem Falle ist es „I Don’t Know“.
Wie die Single „Information“ oder „Saviour“ ein cleverer Rocksong –
aber auch berechenbar. Klar ist die Platte zu lang. Aber „El Cielo“ war
nicht um vieles kürzer. Nur wurden damals keine Lücken gefüllt, und
keine künstlichen geschaffen. Die Ebenen waren tiefer – oder höher. Je
nach Sichtweise. Manchmal erreichen sie dieses Niveau. Die simple
Ballade „Cartoon Showroom“ lässt einen für einen kurzen Moment abheben,
das folgende „Quotes“ vereinnahmt den Hörer mit seiner leichtfüssigen
Strophe und dem schwermütigen Refrain. „Light Switch“ mäandert sich mit
treibenden Gitarren zum unscheinbaren Finale. Es ist nicht alles
schlecht auf „The Pariah, The Parrot, The Delusion“. Einiges ist sogar
richtig gut – aber es stösst viele Fans trotzdem vor den Kopf.
“Art is dying/ Is art dead?”, sang Gavin Hayes einst. Dredg sind ganz
bestimmt nicht tot, aber es ist zu durchdachte Kunst, zu sehr Hand-
oder fast schon Stückwerk. Immer wieder haben sie die Veröffentlichung
der Platte hinausgeschoben. Der Feinschliff ist nicht zu überhören, die
Politur glänzt. Ob „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ ein schwaches
Album ist, das sei dahingestellt. Aber es ist mit Sicherheit das bisher
schwächste von Dredg. Bleibt jetzt noch die Frage, ob sie mit ihrem
nächsten Schritt vor allem verlieren oder gewinnen können. Diese
Antwort sind sie uns ab heute schuldig.
Anspieltipps:
> Quotes
> Light Switch
> I Don’t Know
Michael Messerli gibt 5.5 von 10 Punkten
Mein Gott, hat das lange gedauert. Vier Jahre sind verstrichen, seitdem Dredg ihr „Catch Without Arms“ veröffentlicht haben.
Die Befürchtungen waren da, dass sich Dredg nach all der Zeit in
irgendwas verstricken und da nur schwer wieder rauskommen. Doch sie
haben alles richtig gemacht - trotz allen Unkenrufen, die neuerdings
von allen Seiten zu vernehmen sind. Während der immer noch frisch
klingende Vorgänger „Catch Without Arms“ auf Direktheit und
Schnörkellosigkeit (etwas, das man „El Cielo“ durchaus vorwerfen kann)
setzte, und damit richtig zu gefallen wusste, verfolgt „The Pariah, The
Parrot, The Delusion“ einen anderen Ansatz. Wie ein Labyrinth ist das
Album aufgebaut. Und weniger eingängig und geradlinig noch dazu. Schon
„Pariah“, der Opener, empfängt einen nicht derart kraftvoll, wie man es
vielleicht erwartet hat. Vielmehr führen Kinderstimmen, ein
flächenmäßiger Aufbau und ein ziemlich zupackendes Ende dazu, dass man
diese experimentelle Pop-Facette schnell ins sein Herz schließt. Weil
es eben doch überrascht.
Achtzehn Songs gibt es zu goutieren. Eine ganze Menge. Manchmal ist es
mehr Masse statt Klasse wie bei „Ireland“, wo beispielsweise zu viel
Bombast den Gesamteindruck der Platte ein Stück verwässert. Um ein bis
zwei Songs ist das Album zu lang geraten (eine weitere Gemeinsamkeit
mit „El Cielo“). Trotzdem sorgen kraftvolle Songs wie „Saviour“,
berührendes Material wie „Cartoon Showroom“ oder mitreissende
Instrumentalstücke wie „Drunk Slide“ oder „Down To The Cellar“ für
große und vielschichtige Abwechslung.
Während auf dem Vorgänger das Gitarrenspiel von Mark Engles sehr stark
im Vordergrund stand und nahezu jeden Song dominierte, so ist es auf
dieser Platte die Rhythmik, die Songs wie dem groovenden Juwel
„Gathering Pebbles“ ein Gesicht gibt. Im wundervollen „Mourning This
Morning“ greift die Band auf eine zurückgelehnte (aber nicht seichte)
Aura zurück, die Bands wie Incubus auch gerne benutzen.
Während die Melodien glänzen und die Atmosphäre luftiger ist, ist das
Schlagzeugspiel von Dino Campanella kantiger in Szene gesetzt. Auch der
Bass von Drew Roulette erhält mehr Aufmerksamkeit.
Natürlich ist dieses Album durchdacht bist in den letzten Winkel,
schließlich hat es vier Jahre dafür gebraucht. „El Cielo“ und „Catch
Without Arms“ waren aber genauso.
Dredg machen Musik, die nicht den Anspruch erhebt, möglichst schnell in
die Charts zu kommen. Schaffen werden sie diesen Kunstgriff scheinbar
trotzdem, vor allem hierzulande.
Welchen Weg Dredg zukünftig einschlagen werden, zeigen vielleicht
Instrumentalstücke wie „R U O K?“, die entspannte Atmosphäre mit
Roboterstimmen und Elektronik zusammenbringen.
“The Pariah, The Parrot, The Delusion“ ist in seiner Kombination aus
Stimme, Sound, Konzept (frei nach dem britisch-indischen Schriftsteller
Salman Rushdie) und Sprache weiterhin abenteuerlich. Und einzigartig.
Anspieltipps:
> Gathering Pebbles
> Information
> Mourning This Morning
Daniel Gilic gibt 8 von 10 Punkten
Seit 29. Mai 2009 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Diskographie:
> Leitmotif (1999)
> El Cielo (2002)
> Catch Without Arms (2005)
> The Pariah, The Parrot, The Delusion (2009)
Ähnliche Künstler:
> Deftones
> Amplifier
> A Perfect Circle
» 2 Kommentare
1Kommentar am Dienstag, 9. Juni 2009 15:56
Ich finde das äusserst lobenswert, dass sich hier 2 Autoren die Mühe machen, die Platte zu rezensieren- und dies erst noch einander gegengestellt wird. Tip top, weiter so.
2Kommentar am Montag, 6. Juli 2009 20:09
Danke ^^ hat auch Spaß gemacht eigentlich ;)
» Kommentar schreiben
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben. Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich.
|