Bei Earths langsamen, minimalistischen Werken löst sich die
Zeit fast auf in riesigen Klangräumen, in denen plötzlich ganz andere
Geräusche wichtig werden, als man hörgewohnt ist.
Dylan Carlson vermerkt im Booklet der CD auch, dass er nicht bloss für die Gitarre, sondern auch die Verstärker zuständig ist – was nicht nur dem einleuchten dürfte, der sich schon mit den klanglichen Eigenheiten der Komponenten einer Wiedergabekette zwischen Anschlaghand und durch den Lautsprecher wiedergegebenem Ton herumschlagen musste.
Earth experimentieren seit bald zwanzig Jahren mit genau diesen, nennen wir es Geräuschfaktoren und klingen heutzutage weniger noisig als im ersten Abschnitt ihrer Karriere, wenn man die Geschichte der Band denn als Karriere bezeichnen kann. Aber alleine die Tatsache, dass Earth ihren Weg weiterverfolgen verdient Respekt und wer sich die Mühe macht, sich mit „The Bees Made Honey In The Lion’s Skull“ auseinanderzusetzen, dürfte, Sympathie für experimentelle Instrumentalmusik ohne groovige Beats vorausgesetzt, auch seine Freude an dieser Platte finden.
„Let it ring“ sagte Carlson verzweifelt zu einem, der in bester Pfadfindermanier einen Song intonierte und permanent ein einfältiges Anschlagmuster schrammelte. Earth halten wenig von automatisierten Mustern, von unbedacht gespielten Tonfolgen, die der Hörer kennt, ja beinahe erwartet, vom „Go with the flow“. Carlson schlägt die Saiten seiner elektrischen Gitarre mit den Fingern in meditativ bedächtiger Manier an. Die Mitmusiker an Schlagzeug, Bass und Tasteninstrumenten kommen gar nicht umhin, sich nicht auf diese Vorgaben einzulassen. So entwickeln sich Earth-Songs mit dem Spielen, mit der Wiederholung langsamer Themen, denen durch kleine Unterschiede in der Intonation Leben eingehaucht wird. Einflüsse aus dem Jazzbereich sind beim Piano zu erkennen, solche aus Country und Blues bei der Gitarre. Eine epische Komponente im Stile von Ennio Morricone ist hie und da auszumachen – all diese Vergleiche ziehen allerdings im Falle Earth nicht wirklich, dazu werden sie zu wenig explizit ausgespielt. Ihr Sound ist warm, beruhigend und wenn man sich die Zeit nimmt, in diese raumfüllende Klangwelt einzutauchen, kann sie insbesondere mit zunehmender Spieldauer auch anstrengend und ermüdend werden, da der Hörer wie von dichtem Nebel von den Tönen umhüllt wird und einen die sieben Songs erst nach 53 Minuten wieder frei geben.
„The Bees Made Honey In The Lion’s Skull“ ist ein durch und durch kontemplatives Werk. Eine Art tongewordenes Dinosauriermuseum, riesig, ursprünglich, die Songs fast bewegungslos. Dabei werden Earth nie aggressiv, als seien nur Pflanzenfresser ausgestellt. Deren eindrückliche Präsenz ist aber auf Dauer dennoch nicht leicht zu ertragen – zumindest empfinde ich so. Wie man auch nicht jeden Tag ins Museum gehen kann, eignet sich auch diese Platte nicht zur Dauerberieselung. Earth-Fans können bedenkenlos zugreifen, solche die es werden wollen, sollten reinhören und wer mit Dinosauriern Jurassic Park assoziiert Reissaus nehmen – schnell! Vier Punkte
Seit 8. Februar 2008 im Handel.
Anspieltipps: Das ganze Album oder das Album als Ganzes
Trackliste: 1)Omens And Portents I: The Driver; 2)Rise To Glory; 3) Miami Morning Coming Down II; 4) Engine Of Ruin; 5) Omens And Portents II: Carrion Crow; 6) Hung From The Moon; 7) The Bees Made Honey In The Lions Skull
similar artists: Bohren und der Club Of Gore, Sunn0))), Ulver
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Bio:
Earth wurden anfangs der 90er Jahre von Dylan Carlson, dem Kopf und einzigen verbleibenden Mitglied des ersten Line-Ups, in Olympia (Washington, USA) gegründet. Die ursprüngliche Instrumentierung bestand aus zwei Gitarren und verschiedenen alten Analog-Synthesizern. Nach dem Umzug nach Seattle entstand die erste, über Sub Pop veröffentlichte EP „Extra Capsular Extraction“ Das zweite Album „Earth 2“ dürfte grossen Einfluss auf zahlreiche Bands wie SunnO))) und die ganze „Drone“-Stilrichtung geprägt haben. Nach Besetzungswechseln und anderen Verzögerungen erschien 1995 „Phase 3: Thrones And Dominions“. Ein Jahr später erschien „Pentastar: (In The Style Of Demons)“, das rockigste und in dem Sinne gewöhnlichste Album der Band mit vereinzeltem Gesang. Nach der Veröffentlichung dieses Albums löste sich die Band auf und Dylan Carlson nahm sich eine Auszeit.
Nach der Zusammenstellung alter Demos und Live-Aufnahmen „Sunn Amps And Smashed Guitars“ tat sich Carlson 2002 mit Adrienne Davies (Schlagzeug) zusammen und führte Earth weiter. Als Duo spielten sie auch live und gingen in den USA und in Europa auf Tournee. Es dauerte allerdings bis 2005, bis ein neues Studioalbum („Hex; Or Printing In The Infernal Method“) erscheinen sollte. Darauf haben sich Earth von den noisigen, verzerrten Signalen weg bewegt und experimentieren mit cleanen Sounds und Klangeffekten. Einflüsse aus Country und Blues sind erkennbar.
Im selben Jahr erschien eine Art Earth-Tribute Album mit Remix-Versionen von sieben Earth-Songs, welche von illustren Namen wie Justin Broadrick, Mogwai, Jim O’Rourke u. a. produziert wurden. 2007 veröffentlichte die Band ein weiteres Studioalbum „Hibernaculum“. Darauf finden sich fünf Songs, bei denen es sich um neue Versionen alter Earth-Songs mit komplett überarbeitetem Klangbild handelt. Mit der CD erschien eine Dokumentation und Livematerial der Europatournee von 2006.
Das aktuelle Album „The Bees Made Honey In The Lion’s Skull“ wurde mit dem Line-Up Dylan Carlson (Gitarre), Adrienne Davies (Schlagzeug), Steve Moore (Posaune, Wurlitzer) und Don McGreevy (Bass) eingespielt, auf drei Songs ist ausserdem die Gitarrenlegende Bill Frisell zu hören.
Die Band startet im Februar 2008 mit dem Albumrelease eine Europatournee, in der Schweiz spielen sie am 17. Februar in der Dampfzentrale Bern und am folgenden Tag im Théatre Alhambra in Genf.
Von Earth erschienen über die Jahre verschiedenste limitierte Pressungen und Livemitschnitte, die hier nicht berücksichtigt werden.