...kann das Resultat des Solotrips eine billige Kopie der
Gruppen-Mucke oder deren pures Gegenteil sein. Emirsian schafft den
Sprung gekonnt.
Janove Ottesen (Kaizers Orchestra) tat es freiwillig. Pete Doherty eher nicht. Und nun wagt es Aren Emirze alias Emirsian: ein Soloalbum fernab der Ursprungs-Band. Der Sänger der Noise-Rocker Harmful besinnt sich auf seinem Ego-Erstling „A Gentle Kind Of Disaster“ nicht nur auf seine ruhigen Seiten, sondern auch auf seine armenischen Wurzeln. Eine vielversprechende Mischung.
Armenische Musik? Erster Gedanke ist da zwangläufig System of a Down, auch wenn diese wohl kaum dem Musikgeschmack des Durchschnitts-Armeniers entsprechen. Emirsians Erstling „A Gentle Kind Of Disaster“ ist von Serg Tankanian allerdings weiter entfernt als die türkische Regierung von der Anerkennung des Völkermords in Armenien. Mit Janove Ottesen, dem Sänger von Kaizers Orchestra, und ja, auch mit Mr. Doherty hat Emirsian nämlich auch gemein, dass ihre Soloalben gemächlicher ausfallen, als man es sich von ihren Combos gewöhnt ist.
Gepflegte Langeweile also, oder die Flucht aus dem Überdruss des Alltäglichen? Weit gefehlt! Das Album ist zwar tatsächlich über weite Strecken dem Titel entsprechend „gentle“, aber keinesfalls mit irgendeiner Art von „disaster“ zu vergleichen. Emirsian gelingt der Sprung in sanfter instrumentierte Gefilde gar nicht mal schlecht. Track eins und zwei bringen im ersten Durchlauf zwar noch kaum zum Aufhorchen und man wähnt sich schon mit einer Art Jack Johnson (nur ohne Surferattitüde) konfrontiert. Doch der Fortgang des Albums ändert diesen Eindruck. Emirsian begnügt sich im Gegensatz zu besagtem Herr Johnson nicht damit, mit immer denselben Akkorden und Melodien ein Album zu füllen. Klar, die Grundlage ist Emirzes Stimme und eine intim schrummelnde Gitarre. Aufgepeppt wird die Platte aber durch Durchbrechungen des Altbekannten: Dramatische Streicher, orientalisch klingende Einschübe, hypnotische Rhythmen (wie bei „Cut the Line“) und als abschliessendes Highlight das Liebeslied „Achtschig Sirunag“, das aus der Feder von Emirzes verstorbenem Vater stammt und auf einer alten Tonbandaufnahme basiert. Dem posthumen Duett widmet Emirze eigens einige Zeilen im Booklet.
Fazit: „A Gentle Kind of Disaster“ ist nicht einfach nur ein Nebenprodukt eines gelangweilten Shouters, sondern eine eigenständige Produktion. Und das Prädikat „eher ruhig“ trifft auch nicht uneingeschränkt auf jedes Stück zu, es kann auch mal fast rockig werden und überraschende Zäsuren und Rhythmuswechsel vermeiden die eingangs erwähnte gepflegte Langeweile. Eine Platte, an die man sich langsam annähert, die einen langsam packt und nicht so schnell wieder loslässt.
Seit 12. August 2006 im Handel.
Anspieltipps: Achtschig Sirunag; Cut the Line; Overcome
Trackliste: 1) Overcome; 2) On The Run; 3) Dialogue; 4) So Near; 5) Pure Aftertaste; 6) Alone; 7) Satisfied; 8) Feel; 9) Wide Awake; 10) Nameless; 11) Cut The Line; 12) Achtschig Sirunag
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Bio:
Emirsian ist das Pseudonym von Aren Emirze, Sohn armenischer Einwanderer, aufgewachsen in Deutschland. Beeinflusst von seinem Vater Karekin, der ebenfalls Musiker war, beginnt er seine musikalische Karriere mit der Band Rinderwahnsinn und beehrt die Musikszene in den 90er Jahren als Sänger von Harmful. „A Gentle Kind Of Disaster“ ist sein erstes Werk als Solokünstler und steht seiner Bandkarriere diametral gegenüber.
Diskographie:
> A Gentle Kind Of Disaster (2006)
mit Harmful
> Apoplexy.136 (1997)
> Counterbalance (2000)
> Wromantic (2001)
> Sanguine (2003)
> Sis Masis (2005)