Genre: Postcore | Label: Rock Action (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 7.0/10
Auf Herz und Nieren
Postrock braucht selten Gesang – das gilt auch für Envy. Da wird entweder gesprochen oder geschrien. Wer jetzt also ein Schema vermutet, dem sei eines gesagt: Envy schleichen sich leise in deine Seele und reissen sie dir dann laut aus dem Hals.
Der Song „Scene“ vom Album „Insomniac Doze“ brachte alles auf den Punkt, was Envy ausmacht. Das ändert sich auch mit „Recitation“ nicht. Tetsuya Fukagawa spricht oder schreit seine Texte und am Ende kann man dem neuen Album der Japaner nur das eine vorwerfen: Dass in diesem Punkt die Variation fehlt. Wer aber den richtigen Moment erwischt, den wird das nicht stören. Und richtige Momente gibt es auf und für „Recitation“ (un)glücklicherweise genug. Leichte Kost ist das nicht, aber es liegt auch nicht so erdrückend auf dem Magen, dass man nur noch von Wucht oder gar Brutalität sprechen müsste. Die Schönheit der Musik scheint oft im Kontrast mit dem Vortrag von Fukagawa. Nur ist diese Musik viel zu gut, um sie darauf zu reduzieren. Das werden sich auch Mogwai gesagt haben, auf dessen Label Rock Action die Alben von Envy in Europa vertrieben werden. Zufall ist das nicht, so viel ist sicher.
Einfacher könnten es Envy auf alle Fälle haben. In kommerzieller Hinsicht, wohlverstanden. Der oft nicht unzugängliche, zuweilen gar konventionelle Postrock der Japaner lässt Parts zu, bei denen man von knackig („Dreams Coming to an End“) oder gar balladesk („Light and Solitude“) sprechen könnte. Fukagawa zerlegt sie mit seiner Stimme und ersetzt das Rock hinter dem Post mit Core. Immer wieder variiert „Recitation“ mit dem Tempo. So beginnt es sanft und wunderschön („Last Hours of Eternity“), kommt mit dem grossartigen „Rain Clouds Running in a Holy Night“ bereits richtig in Fahrt – und Fukagawa in Rage. Es ist aber nicht einfach nur Wut oder Verzweiflung. Es ist eine eigenständige Form, wie man Text und Stimme einsetzen kann. Schreien eine Kunst? Aber sicher. In der Folge wächst dieses Album zu einem Werk, bei dem nicht das einzelne Lied heraussticht, sondern die beeindruckende Dichte einer spannenden Band. Erst das extrem druckvolle „0 and 1“ verlangsamt zum Schluss wieder massiv, stampft alles mit grossen, mächtigen Schritten in Grund und Boden. Und wenn man danach seine Wunden zählen, die losen Zähne ausspucken und die Nieren wieder zurechtrücken möchte, fällt einem auf, dass es gar nicht so schlimm war. Das Herz aber, das blutet.
Seit 12. Oktober 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Rain Clouds Running in a Holy Night
> 0 and 1
> A Hint and the Incapacity
Diskographie:
> From Here to Eternity (1998)
> All the Footprints You’ve Ever Left and the Fear Expecting Ahead (2001)
> A Dead Sinking Story (2003)
> Insomniac Doze (2006)
> Recitation (2010)
Ähnliche Künstler:
> Isis
> Mogwai
> Mono